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Lupe Klinsmann atmet auf und macht sich Luft

Jürgen Klinsmann hat sich nach dem Sieg gegen die USA den Frust von der Seele geredet. Er wisse genau, «wo die Leute sitzen, die uns nicht wohlgesonnen sind», sagte der Fußball-Bundestrainer.

Von Dorothea Jantschke, Dortmund

Jürgen Klinsmann atmete auf und machte sich danach lautstark Luft. Das 4:1 (0:0) über die USA am Mittwochabend fühlte sich nach dem 1:4 in Italien vor drei Wochen wie eine Wiedergutmachung an. Nach dem Debakel von Florenz und der Diskussion um Klinsmanns Fehlen beim WM-Workshop mit allen Nationaltrainern gab ihm der Erfolg im Dortmunder Signal-Iduna-Park letztlich recht. «Was auf uns eingeprasselt ist in den letzten Wochen, das lassen wir uns nicht mehr bieten», wetterte der Bundestrainer. «Aber wir wissen jetzt wo die Leute sitzen, die uns nicht wohlgesonnnen sind.»

Fragwürdige Hilfe
Gemeint war vor allem die Münchner «tz», die Bastian Schweinsteiger vor Wochenfrist als Mitschuldigen in einer Wettaffäre dargestellt hatte - ohne Beweise vorlegen zu können. An die Nieren ging Klinsmann aber sicherlich auch der Feldzug der «Bild»-Zeitung gegen seinen Wohnort sowie die Tatsache, dass das Blatt seine Fähigkeiten als Fußballlehrer infrage gestellt hatte. Noch am Tage des Länderspiels hatte Klinsmanns «Intimfeind» Lothar Matthäus dort erneut seine Hilfe anbieten dürfen («Ich bin da, wenn Du mich brauchst»).

Der klare Sieg über den Weltranglisten-Fünften aus dem American-Football-Land gibt Klinsmann und seiner Mannschaft Zeit, durchzuschnaufen. Die zuletzt herbe Kritik an der sportlichen Leistung dürfte abebben. «Wir werden in Ruhe weiterarbeiten, ohne dass uns Knüppel zwischen die Beine geschmissen werden», sagte der Bundestrainer. «Nun wird in den kommenden Wochen erst einmal Ruhe einkehren», stellte auch Nationaltorwart Oliver Kahn fest. Erst am 16. Mai wird er seine Kollegen aus der DFB-Elf wieder treffen, wenn es zum Regenerations-Trainingslager nach Sardinien geht.

Schweinsteiger unbeeindruckt
Das Spiel gegen die USA war das letzte vor der Nominierung des WM-Kaders, die laut Fifa bis zum 15. Mai zu erfolgen hat. Klinsmann hat es einige Erkenntnisse über seine Spieler geliefert, denn auszeichnen konnten sich besonders jene, die unter Druck standen. Allen voran Schweinsteiger, der nach der Pause eingewechselt wurde. Gerade einmal 45 Sekunden waren gespielt, als er einen Freistoß zur wichtigen 1:0-Führung verwandelte.

«Als Schweinsteiger reinkam, war endlich eine klare Ordnung zu erkennen», lobte Vereinskollege Oliver Kahn später. Der Torwart wunderte sich darüber, dass Schweinsteiger nach dem Stress der letzten Tage «so stark gespielt hat». Klinsmann berichtete, dass «die Gruppe» sich an den Tagen vor dem Länderspiel «sehr gut um Basti gekümmert hat». «Du hast bei uns Deine Ruhe, fühl Dich wie ein 20-Jähriger», habe Klinsmann dem Mittelfeldspieler gesagt und ihn in Dortmund bewusst nicht von Anfang an eingesetzt.

Solider Kehl
In den Blickpunkt spielten sich auch die Stürmer Miroslav Klose (75.) und Oliver Neuville (73.) mit je einem Tor und einer Vorlage sowie ein gut aufgelegter Torwart Oliver Kahn, der nur beim Ehrentreffer der US-Amerikaner nicht gut aussah, vorher aber mehrere Male glänzend pariert hatte. Rückkehrer Sebastian Kehl von Borussia Dortmund spielte solide und wurde in der 66. Minute gegen Fabian Ernst ausgetauscht. Franz Beckenbauer komplimentierte den Dortmunder allerdings hinterher mit den Worten: Kehl sei durchaus eine Alternative. Dessen Vereinskollege Christoph Metzelder machte in der Innenverteidigung eine ebenso ordentliche Partie wie Philipp Lahm auf Linksaußen. Arne Friedrich und Per Mertesacker konnten hingegen nicht glänzen.

Das vierte Tor für die DFB-Elf erzielte Ballack per Kopf in der 78. Minute, kurz darauf konnte Steven Cherundolo den Ehrentreffer für die USA erzielen. Wie wichtig der Erfolg auch für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) war, zeigte die Tatsache, dass Verbandschef Gerhard Mayer-Vorfelder nach dem Abpfiff sofort in die Kabine eilte, um die Spieler persönlich zu beglückwünschen.

Verschiedene Gesichter
«Die Mannschaft hat heute Charakter und Teamgeist gezeigt», freute sich Klinsmann. Dass die Taktik der ersten 45 Minuten – mit drei Stürmern – nicht aufging, konnte aber auch er nicht verhehlen. Danach, dass in der zweiten Hälfte noch der Knoten platzen sollte, hatte es wahrhaftig nicht ausgesehen. Das Spiel kann daher getrost als Sinnbild der Verfassung der Nationalmannschaft gelten, die sich seit Klinsmanns Amtsantritt im Sommer 2004 entweder «hopp oder topp» präsentiert. «Der Grad ist schon sehr schmal», sagte Ballack. Sein Klubkollege Kahn schloss sich an: «Die Mannschaft steht und fällt mit ihrem Selbstbewusstsein.»

Klinsmann wurde sogar pathetisch - einmal so richtig in Schwung schwadronierte er: «Die Identifikation mit dem deutschen Nationaltrikot kann uns keiner nehmen.» Das gelte auch für ihn, denn seine Arbeit sei immer noch eine große Ehre für ihn. Dass er zwischendurch mal ein paar Tage zu seiner Familie nach Kalifornien fahre, helfe ihm «aufzutanken». Durch «Pessimismus hätten wir fast die WM riskiert», sagte Klinsmann am Ende. Und fügte hinzu: «So, das musste jetzt aber mal raus.»