07.03.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Große Koalition streitet über Bundestrainer
Die Kritik an Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann reißt nicht ab. Einige Politiker forderten, der Bundestrainer müsse die Vorbereitungszeit bis zur WM in Deutschland verbringen.
Die Debatte um Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann beschäftigt zunehmend die deutsche Politik. Vertreter der Großen Koalition und der Opposition streiten über mögliche Konsequenzen nach der 1:4-Pleite der Nationalmannschaft in Italien. Sie verlangten von dem in den USA lebenden Klinsmann, die dreimonatige Vorbereitungszeit bis zur Fußball-WM in Deutschland zu verbringen. Rückendeckung erhielt Klinsmann vom für den Sport zuständigen Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und den Grünen.
Schäuble sagte in «Bild», er «halte nichts davon, mitten im Strom die Pferde zu wechseln». Klinsmann habe sein Vertrauen. Der Nationaltrainer habe zwar «gewiss keine einfache Aufgabe übernommen». Der deutsche Fußballbund, habe aber gewusst, dass Klinsmann «nicht pflegeleicht» sei. Er gehe «seinen Weg mit einer Konsequenz, die schon wieder beeindruckend ist», fügte Schäuble hinzu.
Auch SPD-Fraktionschef Peter Struck nahm Klinsmann gegen Kritik in Schutz. Aus seiner Sicht sei der 41-jährige frühere Nationalstürmer auf dem richtigen Weg, sagte Struck. Die Kritik von WM-OK-Chef Franz Beckenbauer an Klinsmann halte er für falsch. Man solle den Bundestrainer in Ruhe arbeiten lassen.
CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer äußerte hingegen die Vermutung Klinsmann haltre sich nur deshalb immer wieder lange Zeit in den USA auf, um «aus gewissen steuerlichen Gründen mindesten 183 Tage im Jahr im Ausland zu sein». Er fügte hinzu: «Wenn das das Motiv ist, dann muss ich sagen: Das müsste sich jetzt natürlich anderen wichtigen Dingen unterordnen.»
Private Interessen zurückstellen«Der Bundestrainer wäre gut beraten, jetzt hier zu sein», meinte auch der CSU-Vertreter im Sportausschuss des Bundestages, Stephan Mayer, in der «Passauer Neuen Presse». Die Weltmeisterschaft in Deutschland sei ein Ereignis von nationaler Bedeutung. Das müsse auch dem Bundestrainer klar sein. Mayer: «Herr Klinsmann muss jetzt seine privaten Interessen bis zur WM zurückstellen.»
Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz attackierte den Deutschen Fußball-Bund. «Der DFB hätte sich niemals darauf einlassen dürfen, dass der Bundestrainer ein Mega-Ereignis wie die WM aus Kalifornien betreut.» Alle Funktionäre hätten dies gewusst - kurz vor Beginn des Turniers sei es nun für Änderungen zu spät.
FDP: Psychologie ist gefragtAuch der FDP-Sportexperte Detlef Parr forderte eine dauerhafte Anwesenheit des Bundestrainers in Deutschland bis zur WM. «Es sind noch drei Monate bis zum Start. Das Länderspiel gegen Italien muss verarbeitet werden. Da gehört Jürgen Klinsmann mit seiner ganzen Autorität nach Deutschland», sagte der FDP-Obmann im Sportausschuss des Bundestages. Das permanente Hin- und Herreisen Klinsmanns zwischen Deutschland und den USA sei unverständlich.
Aus der Niederlage gegen Italien sollten nicht nur die Spieler Konsequenzen ziehen, sondern auch der Trainerstab, verlangte Parr. «Jetzt ist die Psychologie gefragt. Es kommt auf die direkte Ansprache der Spieler an. Rückschläge kann man nicht weglächeln.»
Grüne: Wurst, wo Klinsmann schläft«Es wäre schon angebracht, dass er in dieser Phase der Vorbereitungen hier wäre», sagte auch der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken (CSU). Der Bundestagsabgeordnete wies darauf hin, dass schließlich auch Politiker in der heißen Phase des Wahlkampfes unmittelbar vor Ort in ihren Wahlkreisen sein müssten.
Die Grünen hingegen mahnten zu Mäßigung. «Ich finde, die Politik sollte sich bei solchen Sport-internen Geschichten zurückhalten», sagte Fraktions- Geschäftsführer Volker Beck der Netzeitung. Es sei «wichtig und ausreichend», dass der Trainer dann in Deutschland weile, wenn es erforderlich sei. «Ansonsten ist es wurst, wo Herr Klinsmann schläft.» Denn es sei etwas anderes, ob die deutsche Mannschaft, wie aktuell, von einem Dreierteam geführt werde oder ob «nur einer für alles zuständig ist», so Beck.
Aufstellung feststellen lassenUngeachtet dessen zeigte sich der Grünen-Politiker zuversichtlich, was das Abschneiden der DFB-Elf bei der bevorstehenden WM betrifft. «Ich hoffe auf einen gut gelaunten und effizienten Trainer, der sich darauf konzentriert, dass wir bei der Fußball-WM eine gute Figur machen», sagte er. Mit Blick auf Kritik aus den Koalitionsfraktionen an Klinsmann fügte der Grünen-Politiker hinzu: «Ich bin gespannt, ob es einen Antrag aus der Mitte des Hauses [Bundestag; d. Red.] gibt, der die Aufstellung der Fußball- Nationalmannschaft in namentlicher Abstimmung feststellen lässt.»
Die herbe 1:4-Niederlage am Mittwoch gegen Italien war schon am Wochenende zum Politikum geworden. Stellvertretende Mitglieder des Sportausschusses im Bundestag forderten, Bundestrainer Klinsmann müsse vor dem Sportausschuss erläutern, wie er mit dieser Leistung Weltmeister werden wolle. Der Ausschussvorsitzende Peter Danckert (SPD) lehnte den Vorstoß als «Schnapsidee» ab. Der saarländische SPD- Vorsitzende Heiko Maas sprach gar von «Schwachsinn».