netzeitung.deVerleger wehren sich gegen Fifa-«Fesseln»

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Lupe Verleger wehren sich gegen Fifa-«Fesseln»

Die deutschen Zeitungsverleger erwarten von der Fifa bis Ende des Monats eine Lockerung der Medienrichtlinien für die Fußball-WM. Derart eingeschränkt könne keine Redaktion arbeiten, sagte BDZV-Geschäftsführer Wolff der Netzeitung.

Späte Anstoßzeiten, Beschränkungen bei der Online-Berichterstattung, Restriktionen bei der Bilddarstellung: Die Vorgaben für die Medien des Weltfußballverbandes Fifa für die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland bringen Zeitungsverlage in Schwierigkeiten. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) will das nicht hinnehmen, wie BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff im Interview der Netzeitung sagte. Die Verlage fürchten, dass die Fifa-Vorschriften beispielgebend für andere Großveranstaltungen sein könnten.

Netzeitung: Der Weltverlegerverband hat sich bei Fifa-Präsident Joseph Blatter beschwert, und auch der BDZV hat weiteren Gesprächsbedarf bezüglich der Berichterstattung über die Fußball-Weltmeisterschaft angemeldet. Was erzürnt Verleger und Redakteure?

Dietmar Wolff: Großereignisse dieser Art leben von der Stimmung am Veranstaltungsort - und von der Medienberichterstattung. Nun kommt die gesamte Fußballgemeinde nach Deutschland in ein klassisches Zeitungsland. Die Verlage hatten daher erwartet, dass die Organisatoren dem Medium Zeitung entsprechend entgegenkommen. Sie sind zu Recht darüber verärgert, dass 28 der 64 Spiele erst um 21 Uhr beginnen. Die späten Anstoßzeiten stellen die Verlage vor große Herausforderungen: In vielen Häusern beginnt der Andruck bereits zwischen 21 Uhr und 21.15 Uhr. Die Verlage sind nunmehr gezwungen, aufwändige Sonderpläne zu entwickeln.

Netzeitung: Wie hat die Fifa auf diese Kritik reagiert?

Wolff: Als der BDZV Herrn Blatter im vergangenen Frühjahr auf diese Problematik und auch auf weitere Restriktionen, die sich in den Medienrichtlinien der Fifa finden, hinwies, zeigte er sich durchaus verständig für unsere Auffassung. Daraus ergaben sich zahlreiche Gespräche mit der Fifa, die bisher konstruktiv verlaufen sind.

Netzeitung: Der Spielbeginn wird verschoben?

Wolff: Nein. In diesem Punkt konnten wir das Rad nicht mehr zurück drehen. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass die Spielfestsetzungen schon Jahre zurückliegen und aus der Zeit stammen, als das Angebot für die TV-Rechte an der Weltmeisterschaft 2006 ausgeschrieben worden sind.

Netzeitung: Beanstandet wird seit geraumer Zeit auch das Verbot der Live-Berichterstattung im Internet in Form von Fotos und Texten. Wird es dabei ein Entgegenkommen der Fifa geben?

Wolff: Darüber sind wir noch im Gespräch. Die zeitliche und mengenmäßige Beschränkung bei der Online-Berichterstattung wollen wir natürlich so nicht akzeptieren. Wenn Spiele um 21 Uhr beginnen und mit Elfmeter-Schießen erst kurz vor Mitternacht enden, müssen die Zeitungen auch andere Vertriebswege als Print nutzen. Das Online-Angebot der Verlage ist nun einmal die sinnvolle Verlängerung des Gedruckten. Und genau da schneidet die Fifa die nächste Möglichkeit der aktuellen Berichterstattung ab, wenn sie sagt, es dürfte nur zeitverzögert und in begrenztem Umfang berichtet werden.

Ein weiteres Problem sind die Verbote bei der Gestaltung der Zeitungsfotos. Wenn es nach der Fifa geht, dürfen Bilder nicht mit Text überschrieben oder etwa mit einer Spielszenenzeichnung teilweise überlappt werden. Mit solchen Fesseln kann doch keine Redaktion arbeiten. Hier erwarten wir eine entsprechende Lockerung der Einschränkungen.

Netzeitung: Zu den Restriktionen gehört auch, dass sich die Fifa Wort-Marken wie «Fifa Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006» hat schützen lassen. Redakteure sind aufgefordert, die Marken in ihren Artikeln exakt in der vorgegebenen Weise zu verwenden. Das klingt nach einer massiven Einschränkung journalistischer Freiheit...

Wolff: Das ist es in der Tat. Die Vorgabe halte ich im Übrigen auch rechtlich nicht für haltbar – zumindest für den redaktionellen Teil. Dort sehe ich keine markenrechtliche Grundlage, und bei den Wortbildungen mit dem Urheberrecht zu argumentieren, ist weit hergeholt. Aber wir sollten bei dieser Sache nicht nur auf den juristischen Aspekt, sondern auch auf die praktische Seite schauen. Wenn diese Wort-Marken im redaktionellen Teil so geschrieben werden, wie sich das die Fifa wünscht, wirkt dies auf den Leser gestelzt und formal. Wie klingt das denn: «Fifa Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006»? Damit tut die Fifa weder sich selbst noch den Lesern einen Gefallen.

Netzeitung: Was droht den Verlagen, wenn sie gegen die Auflagen verstoßen? Mit welchen Konsequenzen müssen Journalisten rechnen?

Wolff: Wie das Fifa-Reglement endgültig aussehen wird, das wird sich erst nach Abschluss unserer Gespräche zeigen, die auf jeden Fall bis Ende Februar dauern werden. Wir bewegen uns hier jedenfalls nicht im Strafrecht, es können also keine Strafen verhängt werden. Es könnte aber passieren, dass ein Journalist, der gegen Medienrichtlinien der Fifa verstößt, seine Akkreditierung verliert. Denn mit der Akkreditierung willigt der Journalist für sich und den Verlag ein, die Richtlinien zu beachten und das eigene Verhalten danach auszurichten. Deshalb ist es wichtig, dass wir mit der Fifa zu Präzisierungen in unserem Sinne kommen, damit es auf den Pressetribünen und in den Redaktionen keine Unklarheiten gibt.

Netzeitung: Besteht die Gefahr, dass das WM-Beispiel, die Berichterstattung derart zu reglementieren, bei künftigen Großereignissen Schule macht?

Wolff: Leider ja. Wir haben die Probleme schon mit dem so genannten Olympia-Schutzgesetz. Anders als bei der Fifa hatten das Internationale Olympische Komitee und der Gesetzgeber mit niemandem von der Medienseite geredet. Das IOC hat Regelungen aufgestellt und sie denjenigen Staaten, die sich für eine Olympiade bewerben möchten, quasi aufgezwungen. Dies hat der deutsche Gesetzgeber kritiklos hingenommen und das Gesetz in Windeseile verabschiedet, ohne die betroffenen Branchen und Verbände zu konsultieren. Es wird beispielsweise vorgeschrieben, dass Worte wie «Olympiade» oder «olympisch» in der Werbung – selbst in einer redaktionellen Eigenwerbung – nicht verwendet werden dürfen. Wir kämpfen gegen diese Regelungen. Sie sind mit freier Presse und auch mit olympischem Geist nicht zu vereinbaren.

Wir sehen natürlich die Gefahr, dass sich die Spirale weiterdrehen kann - über die Fifa und das IOC hinaus, dass auch Regelungen der Uefa, der Formel 1 und des ganzen Konzertbereiches immer restriktiver werden. Doch dem müssen wir entgegenarbeiten.

Netzeitung: Sollten die Verhandlungen mit der Fifa nicht zufrieden stellend verlaufen, haben sie Druckmittel in der Hand? Erwägen sie Klagen oder Boykott?

Wolff: Das ist erst mal kein Thema. Wir setzen auf Kommunikation. Wir warten jetzt erst die weiteren Gespräche ab. Viel Zeit bleibt dann allerdings nicht.

Mit Dietmar Wolff sprach Solveig Grothe.