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Lupe Anschütz-Thoms droht mit Rücktritt

Die historische «Eis-Pleite» sorgt beim deutschen Verband der Eisschnellläufer für mächtig Zündstoff. Bei der EM in Klobenstein blieb die deutsche Equipe erstmals seit 33 Jahren ohne Medaille.

Von Frank Thomas

Claudia Pechstein zuckte nach ihrem Debakel ratlos mit den Schultern, Daniela Anschütz-Thoms drohte mit Rücktritt, im Verband schrillen die Alarmglocken: Bei strahlendem Sonnenschein haben die deutschen Eisschnellläuferinnen in Südtirol ihre finsterste Stunde in der Geschichte der Europameisterschaften erlebt und sind erstmals seit 33 Jahren ohne Medaille geblieben. Beim Sensationserfolg der Tschechin Martina Sablikova blieben für Daniela Anschütz-Thoms und Claudia Pechstein nur die Plätze vier und fünf.

Wut über die Ausgrenzung des Coaches
Obwohl die Erfurter Team-Olympiasiegerin in Klobenstein erstmals beste Deutsche wurde, entlud sich bei ihr die Wut über die Ausgrenzung ihres Trainers Stephan Gneupel durch den Verband. «Wenn die Streitigkeiten mit dem Verband so weitergehen, muss ich mir sehr überlegen, ob ich noch über die Saison hinaus weitermache», drohte sie. «Lust hätte ich schon. Aber nicht unter den Konditionen, wie der Verband sich das vorstellt», sagte die Erfurterin.

Gneupel ist seit der Strukturreform als Diagnosetrainer bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft angestellt und durfte daher nicht mit nach Klobenstein reisen. «Ich bin stocksauer. Hier geht es um die Medaillen und mein Welklassetrainer sitzt zu Hause und muss Ergebnisse in den Computer tippen», schimpfte sie.

Die Medaille vergab die Thüringerin durch einen Kufen-Defekt im 500-m-Lauf. Über 1500 m überraschte sie mit Platz drei (1:58,08) und blieb über 3000 m in 4:08,28 als Vierte sogar unter dem alten Freiluft-Weltrekord von Gunda Niemann.

«Das war nicht ihr Niveau»
Für Titelverteidigerin Claudia Pechstein war Platz fünf hingegen eine Riesen-Enttäuschung. «Ich weiß nicht, woran es gelegen hat. Ich bin sauer auf mich selbst», beklagte sie, nachdem sie selbst über ihre Schokoladenstrecken über 3000 (6.) und 5000 m (3.) nicht zu überzeugen wusste. «Das war nicht ihr Niveau», bekannte ihr Coach Joachim Franke, nachdem die Berlinerin bei ihrer 15. EM ihre zehnte Medaille verpasst hatte. «Nun ist es wichtig, nur nicht den Kopf zu verlieren, um bei der WM wieder anzugreifen», meinte Franke.

Seit 1983 hatten die deutschen Damen bei zuvor 24 Titelkämpfen nicht weniger als 21 Mal die Europameisterin gestellt. Bei Frühlings- Temperaturen um 12 Grad und grünen Wiesen rund um das vor malerischer Dolomiten-Kulisse gelegene Eisstadion riss auch die seit 2000 anhaltende deutsche Siegesserie. Nachdem sich der Abwärtstrend der Winterspiele von Turin fortsetzte, muss der Verband nun seine Zukunfts-Konzepte wohl überdenken, wenn auch der achte Platz von Lucille Opitz (Berlin) erfreulich war.

«Vielleicht haben wir alle in den letzten Jahren zu sehr verwöhnt», meinte Pechstein sarkastisch. Anni Friesinger, die zu Gunsten der Sprint-WM in Hamar auf die EM verzichtete, hat es nun in der Hand, den Spieß wieder umzudrehen.

Wimpernschlag-Finale
Ob sie die grandiose Sablikova hätte gefährden können, bleibt fraglich. Die 19-Jährige entriss mit dem Freiluft-Weltrekord in 6:58,45 der Favoritin Ireen Wüst (Niederlande) den sicher geglaubten Titel. Wüst, die Friesinger den Freiluft-Weltrekord über 1500 m (1:56,78) abgenommen hatte, unterlag mit der Winzigkeit von 0,032 Punkten der Tschechin, die auch über 3000 m (4:03,52) und im Vierkampf mit 162,954 Punkten Weltbestmarken fixierte.

Im Kampf um die Mehrkampf-Krone der Herren hatte der Niederländer Sven Kramer nach drei Strecken einen knappen Vorsprung auf Titelverteidiger Enrico Fabris zu verteidigen. Der Italiener verbesserte den Freiluft-Rekord über 1500 m um fast drei Sekunden 1:44,72, während Kramer über 5000-m-Bestmarke gleich um zehn Sekunden auf 6:15,65 pulverisierte. Der deutsche Meister Tobias Schneider hatte im abschließenden 10 000-m-Finale noch die Chance, seinen neunten Rang zu verbessern. Da auch Stefan Heythausen als 14. respektabel abschnitt, sind zwei Deutsche bei der WM in Heerenveen und drei Herren bei der EM 2008 startberechtigt. (dpa)