03.12.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Optimistisch vor dem Spiel gegen Istanbul: Hertha-Manager Dieter Hoeneß (l.) mit Trainer Lucien Favre
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
35.000 türkische Fans erwartet Hertha BSC im Uefa-Cup gegen Galatasaray. Warum die Berliner das große türkische Fanpotenzial nicht auch in der Bundesliga nutzen können, hat sich Michael Jahn gefragt.
Lucien Favre lächelte charmant. «Nein, nein», sagte der Trainer von Hertha BSC, «wir wollen schon unseren Heimvorteil ausnutzen und gewinnen. Ich werde mich nicht wie in der Fremde fühlen.» Ein bisschen nämlich könnten sich die Hertha-Profis am Mittwochabend im Olympiastadion wie bei einem Auswärtsspiel vorkommen.
Rund 60.000 Karten waren bis Dienstagnachmittag verkauft für das Gruppenspiel im Uefa-Cup zwischen Hertha BSC und Galatasaray Istanbul (20.45 Uhr/live in der ARD) und Manager Dieter Hoeneß hofft, dass «die Fangruppen einigermaßen ausgeglichen sind.» Doch das wird wohl beim Wunsch bleiben, denn zuverlässige Prognosen gehen von 35.000 bis 40.000 türkischen Zuschauern aus. «Na und?», sagt Mittelfeldmann Pal Dardai und macht sich Mut: «Wir haben zuletzt auch auswärts gute Spiele gemacht.»
Schon einmal füllte Galatasaray dem Klub Hertha BSC das Olympiastadion. Im Oktober 1999 sahen 71.500 Zuschauer in der Champions League einen 4:1-Erfolg der Gäste. Das Duell am Mittwochabend trägt finalen Charakter, weil die Konstellation in der «schwersten aller Uefa-Cup-Gruppen», so Dieter Hoeneß, kompliziert ist. Das Interesse der türkischen Fans aus Berlin und Umgebung ist jedenfalls riesengroß und angesichts dieses Ansturms stellt sich die Frage, warum Hertha BSC in der Vergangenheit nicht in der Lage war, dieses enorme Potenzial für die Heimspiele in der Bundesliga besser zu nutzen.
Versuche gab es einige, aus den rund 180.000 in der Stadt lebenden Türken die Fußballfan-Klientel verstärkt zu Hertha zu locken. Immerhin sind auch etwa 20.000 Spieler türkischer Herkunft in vorwiegend unterklassigen Mannschaften des Berliner Fußballverbandes (BFV) aktiv. Vor allem Hoeneß verfolgte lange die Idee, mit der Verpflichtung eines prominenten türkischen Profis mehr Zuschauer ins Olympiastadion zu locken.
Sükür zu teuerSo nahm der Manager Anfang des neuen Jahrtausends zweimal Kontakt zu Mittelstürmer-Legende Hakan Sükür auf, der auch für Galatasaray spielte. «Der war aber damals im Zenit seiner Karriere nicht zu bezahlen», sagt Hoeneß. Später, im Sommer 2004, klappte es dann doch mit einem türkischen Nationalspieler im Hertha-Trikot. Yildiray Bastürk kam ablösefrei von Bayer Leverkusen nach Berlin und bei Hertha hofften sie auf vielleicht 5.000 bis 10.000 Fans mehr, die der kleine Dribbler anlocken könnte. Eine Fehleinschätzung. «Wegen Bastürk kamen vielleicht 100 Leute mehr ins Stadion», sagte Celal Bingöl, der Präsident von Regionalligist Türkiyemspor der Berliner Morgenpost, «mit einem türkischen Spieler erreichen sie die Massen nicht.»
Auch im Merchandising von Hertha löste Bastürk, der in drei Jahren 71 Spiele bestritt und 14 Tore schoss, keinen Boom aus. Rainer Kübler, Chef Merchandising, sagt im Nachhinein: «Sein Trikot ist damals nicht besonders viel verkauft worden. Er war wie jeder andere Spieler auch. Vielleicht war er zu introvertiert, auch zu oft verletzt, und bei vielen Türken galt er schon beinahe als Deutscher.» Bastürk wurde in Herne geboren und sagte auch: «Das Ruhrgebiet ist meine Heimat.»
Undankbarer PopstarAls der Wirbelwind bei Hertha spielte, erschien die klubeigene Homepage auch in türkischer Sprache - als Bastürk nach Stuttgart wechselte, wurde dieser Service eingestellt. «Das Interesse hatte stark nachgelassen», so Robert Burkhardt, Herthas Internet-Chef. Derzeit sind die Nachrichten über den Bundesligisten in Englisch, Chinesisch und Polnisch abzurufen, was etwa der Präsident von Türkiyemspor kritisiert, wenn es um die Akquise türkischer Zuschauer geht. Über die Anzahl türkischer Einwohner, die sogar Vereinsmitglied bei Hertha geworden sind, gibt es keine aussagekräftige Übersicht. «Wir fragen nicht nach der Nationalität», sagt Ralf König von der Mitgliederbetreuung, «aber 65 unserer 15.900 Klubmitglieder leben im Ausland. Aus der Türkei ist leider niemand dabei.»
Beinahe hätte Yildiray Bastürk einmal einen Landsmann an seine Seite bekommen. Hertha wollte Stürmer Ilhan Mansiz, einst Torschützenkönig in der Türkei und Held bei der WM 2002, verpflichten - einen Mann mit Popstar-Gehabe und Potenzial zum Publikumsliebling. Doch Mansiz nutzte Hertha aus, genoss nach mehreren Knieoperationen die ausgezeichnete medizinische Betreuung im Klub und trat hernach bei Vertragsverhandlungen unverschämt auf. Hertha löste im Juni 2005 den vorläufigen Kontrakt auf.
Lange vor Mansiz und Bastürk und auch vor Hasan Vural (ein Bundesligaspiel/1997) war Hertha auf dem türkischen Markt aktiv. 1979 kam der Stürmer und Nationalspieler Engin Verel von Fenerbahce. Der schnelle Techniker konnte sich aber nicht durchsetzen und wechselte nach nur fünf Einsätzen zum RSC Anderlecht. Den Zuschauerschnitt hob er damals natürlich nicht an.
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».