«Radsport ist für immer kriminell verseucht»
Im Interview mit der Netzeitung spricht Werner Franke über das «kriminelle System» Radsport, die Behandlung des Themas Doping in den Medien und die zahlreichen Opfer des Sportbetrugs.
Netzeitung: Herr Professor Franke, ich vermute, dass Sie die Tour de France verfolgen. Am vergangenen Samstag hat der Berliner Jens Voigt die 13. Etappe zwischen Béziers und Montélimar gewonnen. Haben Sie sich für Voigt gefreut?
Werner Franke: Na ja, beim Voigt kann man das ja manchmal noch. Zumindest erweckt er den Eindruck.
Netzeitung: Mancher wertet dessen Tageserfolg als Indiz dafür, dass die Tour de France nach dem Ausscheiden der dopingverdächtigen Jan Ullrich und Ivan Basso und weiterer Fahrer wieder sauberer geworden ist. Wie interpretieren Sie so einen Etappensieg?
Franke: Also, ich traue zunächst einmal keinem. Kann man ja nicht.
Netzeitung: Die lautet?
Franke: Die Frage lautet: Sind wir selbst eine so kriminalisierte Gesellschaft, dass eine so kriminelle Szene, die sich sowohl der Köperverletzung schuldig macht als auch ständiger Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, von staatlichen Stellen gefördert wird, von öffentlich-rechtlichen Sendern und von halbstaatlichen Konzernen? Wir haben im Radsport eine nachweislich kriminelle Szene - jetzt zitiere ich den Wada-Chef Dick Pound - wie kann es sein, dass so etwas mit öffentlichen Mitteln gefördert wird? Von den Steuerzahlern.
Netzeitung: Und welche Erklärung haben Sie?
Franke: Der Staat und die öffentlich-rechtlichen Anstalten scheuen offensichtlich aus Werbegründen nicht vor der Berührung mit einer seit Jahrzehnten kriminellen Szene zurück - letztlich also der Kohle wegen.
Franke: Wenn ich einen solchen kriminellen Markt bediene, bin ich auch kriminell. Was heiligt denn ein Markt ethisch?
Netzeitung: Die Sender verweisen darauf, ihrer journalistischen Informationspflicht genüge zu tun.
Franke: Das tun sie eben nicht. Es wird eben nicht der kriminelle Hintergrund des Radsports berichtet. Es stand nichts in den deutschen Zeitungen, und es lief nichts im deutschen Fernsehen von den Doping-Toten - es gibt dafür einen speziellen Terminus in der Literatur - den «19 plötzlich Entschlafenen» zwischen 1988 bis 1991. Oder den neun weiteren seit 2002, seit der Umstellung auf die Mischung von Epo und Eigenblut-Doping. Junge Menschen in der Blüte ihrer Jahre sterben, und die Staaten wie die Fernsehanstalten schauen zu. Es werden keine richtigen Autopsien gemacht. Es wird nicht einmal richtig nachgeforscht, weil selbst das tabu ist.
Ich arbeite unter anderem am Thema «Sudden Death», dem genetisch bedingten plötzlichen Herztod. Das ist mein Fachgebiet. Und wenn ich sehe, wie zum Beispiel jemand bei der Deutschland-Rundfahrt in der Nachtruhe stirbt. Das ist ja das Unheimliche: Junge Radprofis, bis dahin gesund und leistungsfähig, sterben nicht während der Anstrengung. Und sie werden dann nicht mal richtig untersucht. Dann werfe ich das der Welt vor als Wissenschaftler: Hier wird mit großem Zynismus über solche Dinge hinweggegangen. Junge Menschen fallen tot aus dem Bett!
Franke: Als Naturwissenschaftler befasse ich mich nicht mit Vermutungen. Aber das Verhaltensmuster kennt man. Wenn plötzlich etwas entdeckt wurde oder als entdeckbar galt, dann hat das System versucht, sich dem anzupassen, also Auswege zu finden. Das Fremdblut-Doping des Olympiasiegers Tyler Hamilton war ein Beispiel. Als sie gemerkt haben, hoppla, das kann entdeckt werden, sind sie wieder zum Eigenblut-Doping in Verbindung mit niedrigen Epo-Dosen zurückgekehrt. Das heißt, die Szene macht auch immer wieder mal Experimentierphasen durch.
Netzeitung: Was müsste passieren, um den Sportbetrug effektiver zu bekämpfen? Jens Voigt hatte vorgeschlagen, die Fahrer sollten vor jeder Saison Blut- und Haarproben abliefern, um sie bei Verdachtsmomenten abgleichen zu können.
Franke: Im Radsport würde das zumindest einiges erleichtern, weil gelagerte Gewebeproben wenigstens Teil eines Beweises sein könnten.
Franke: Es gäbe nicht diese unglaubwürdigen Verweigerer, ja.
Netzeitung: Kann ich dadurch den Betrug nachweisen?
Franke: Sie können damit die Absicht beweisen. Das Blut wäre dann ja nicht in der Hand einer dafür vorgesehenen ordentlichen Stelle, sagen wir, eines Krankenhauses oder eines Blutdienstes. Das sind die einzigen Stellen, die ihnen Blut liefern dürfen, wenn es wirklich für eine Operation oder sonstwas benutzt würde. Ein Gynäkologe in Madrid wie Fuentes hat nichts damit zu tun. Wann immer Blut von Ihnen bei so jemandem gefunden wird, heißt das, sie haben Blut abgegeben für einen nicht-medizinischen Zweck.
Netzeitung: Und damit wäre dann jemand wie Ullrich auch ohne Antidoping-Gesetz belangbar?
Franke: Ja, sicher. Das ist eine klare Doping-Absicht. Klare Indizien. Welchen anderen Grund könnte es geben, dass jemand in Madrid Blutkonserven von Jan Ullrich im Kühlschrank rumliegen hat?
Franke: Ich habe da immer einen anderen Standpunkt gehabt: Für mich ist das Arzneimittelgesetz Teil des Strafrechts, denn wozu sonst hat man es? Man hat es, um Menschen gegen Körperverletzung zu schützen. Wir haben die Strafen bei Verstoß gegen die Arzneimittel-Gesetze 1998 drastisch verschärft, wohl auch in dem Bewusstsein, das sich aus den DDR-Strafprozessen in Berlin ableitete. Wir haben Gesetze mit einer Strafhöhe wie sie sonst nur noch in den USA existiert: zehn Jahre Freiheitsstrafe nach den Paragraphen 95 und 96 des Arzneimittelgesetzes, wenn jemand Dopingmittel an Minderjährige gibt.
Aber ein Gesetz allein sagt noch nichts - das wäre naiv. Die Frage ist, wie das Gesetz umgesetzt wird. Und da sage ich: Man könnte, wenn man wollte, auf der Basis des gegenwärtigen Arzneimittelgesetzes schärfer ermitteln.
Auch Jan Ullrich wäre meiner Meinung nach zu belangen. Er muss ja Beihilfe geleistet haben zu einem kriminellen Akt gegen das Arzneimittelgesetz - den Arm zur Blutabnahme hingehalten haben oder sich die Infusionen hat geben lassen zum Beispiel. Ohne seine Mitwirkung wäre es nicht gegangen.
Netzeitung: Ullrichs Ärzte bei T-Mobile, der Freiburger Mediziner Lothar Heinrich zum Beispiel, wollen ja von seinen Leistungssprüngen nichts bemerkt haben. Darf man so etwas glauben?
Franke: Ein kompetenter Sportarzt müsste natürlich etwas bemerken. Es ist eigentlich nicht glaubhaft. Aber wenn er sagt: Ich bin ein bisschen schusselig, ich hab es nicht bemerkt, dann können Sie ihm nie das Gegenteil beweisen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in Freiburg bestimmte Dinge nicht messen, beispielsweise Testosteron.
Netzeitung: Ullrichs Noch-Arbeitgeber T-Mobile geriert sich zurzeit als aktiver Doping-Bekämpfer, von einem «Runden Tisch» ist die Rede, auch davon, die Mittel der nationalen Antidoping-Agentur Nada aufzustocken. Was halten Sie davon?
Franke: Hier in der Gegend, in der Kurpfalz, sagt man: «Dumm Sprüch». Das haben sie doch schon zig Mal gesagt - und nichts ist geschehen. Die Nada hat doch nicht einmal genug Geld um die Routinekontrollen durchzuführen, etwa beim Wintertraining in Südafrika. Jetzt ist es opportun so etwas zu sagen, kurze Zeit danach ist es doch meist schon wieder vergessen.
Franke: Ja, es sei denn T-Mobile und die Telekom als halbstaatliche Konzerne fühlen sich bei einer solchen kriminellen Szene des Radsports besonders wohl.
Netzeitung: ARD und ZDF haben angekündigt, sie wollten von der Tour im bisherigen Umfang nur noch berichten, wenn künftig aktiv gegen Doping vorgegangen wird. Nehmen Sie das ernst?
Franke: Überhaupt nicht. Ich sehe ja, wenn Herr Watterott von den französischen Landschaften erzählt und von den umjubelten Ortsdurchfahrten. Aber Kritisches habe ich an dem Nachmittag mit Jens Voigt nicht gehört. Wenn die ARD dann um 23 Uhr mal eine etwas kritische Sendung macht, übrigens nichts Neues, nichts Investigatives, sieht das der gemeine Radsport-Fan ja nicht. Aber auch nachmittags, wenn etwa Herr Cerne spricht, kommt eigentlich kaum etwas brutal Kritisches vor.
Netzeitung: Aber die Ankündigung bezog sich ja offenbar auf die Zukunft.
Franke: Wissen Sie, ich bin ja schon etwas älter. In den letzten 35 Jahren hab ich solche Ankündigungen immer wieder gehört. Es wurde nie wahr. Das dient im Moment, um zu beruhigen.
Das Interview mit Werner Franke führte Marc Ellerich

