netzeitung.deGerolsteiner-Teamchef Holczer: Kein Nachfolger für Ullrich in Sicht

 Herausgeber: netzeitung.de

Lupe Gerolsteiner-Teamchef Holczer: Kein Nachfolger für Ullrich in Sicht

Bei der zweiten Tour-Teilnahme will das Team Gerolsteiner die Erfahrungen der Debüt-Saison umsetzen. Im Interview mit der Netzeitung sieht Teamchef Hans-Michael Holczer seine Mannschaft im Vorteil gegenüber T-Mobile - wenn man von Jan Ullrich absieht.

Das Team Gerolsteiner bestreitet ab dem 3. Juli seine zweite Tour de France. Teamchef Hans-Michael Holczer hofft dabei, die Erfahrungen der ersten Teilnahme positiv auf das Team umsetzen zu können. «Ein paar Dinge werden wir anders machen. So erhält jeder Fahrer auch ein neues Rad vor der Tour», sagte Holczer der Netzeitung.
Ullrich Favorit
Den erst vor sechs Jahren gegründeten Rennstall sieht der Teammanager dabei als bereits etabliert in der Weltspitze an. Dafür sei aber nicht die erste Teilnahme an der Frankreich-Rundfahrt verantwortlich gewesen, sondern die drei Klassiker-Siege von Davide Rebellin innerhalb von einer Woche. «Das war der Ritterschlag», so Holczer über Rebellins Erfolge im April beim Amstel Gold Race, den Fleche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich.

Auch im deutschen Duell mit dem T-Mobile-Team sieht Holczer seine Mannschaft «als Team gefühlsmäßig vor T-Mobile». In der Weltrangliste liegt Gerolsteiner als Dritter einen Platz vor dem Konkurrenten. Allerdings überstrahle Jan Ullrich alle. «Jan Ullrich ist so viel Wert wie ein oder zwei gesamte Teams», sagt Holczer. Der Kapitän des Bonner Rennstalls ist für den früheren Mathematik-Lehrer auch der große Favorit für das Gelbe Trikot.

Hondo peilt Etappensieg an
Netzeitung: Herr Holczer, was ist der Unterschied in der Vorbereitung zur Tour de France im Vergleich zum vergangenen Jahr, als sie als Neuling zur Tour fuhren?

Hans-Michael Holczer: Wir sind nicht mehr Neuling (lacht schallend). – Im Ernst: Wir wissen mehr einzuschätzen, was auf uns zukommt. Ein paar Dinge werden wir anders machen. So haben wir die Hotels am Ruhetag vorher schon ausgesucht. Im letzten Jahr haben wir negative Erfahrungen gemacht. Die Fahrer waren damals nach Ruhetag kaputter als davor. Zudem werden alle neun Fahrer mit einem neuen Rad zur Tour fahren.

Netzeitung: Welche Erwartungen setzen sie in ihre Fahrer?

Holczer: Wir sind von der Mannschaft her besser aufgestellt als im Vorjahr. Mit Danilo Hondo haben wir mehr Erfahrung im Sprint. Er möchte eine Etappe gewinnen. Ich werde ihn aber nicht unter Zwang setzen. Ich bin lieber vorsichtiger und will ihn nicht erdrücken. Er hat gute Chancen, auch in den Kampf um das Grüne Trikot des Punktbesten einzugreifen. Aber da muss man sehen, wie es in den ersten Tagen läuft.

Netzeitung: Und Georg Totschnig?

Holczer: Er hat freie Hand. Ich hoffe auf einen Rang in den Top ten der Gesamtwertung.

Netzeitung: Im vergangenen Jahr hatte sie relativ viele Stürze bei der Tour. War das eine Art Lehrgeld?

Holczer: Bei solchen Fragen könnte ich ausrasten. Wir hatten im vergangenen Jahr weniger Stürze als andere Teams. Nur bei uns hat man aufgeschaut, weil wir neu waren.

Ritterschlag durch Rebellin
Netzeitung: Fühlen Sie das Team Gerolsteiner jetzt etabliert, abgesehen davon, dass sie den dritten Rang in der Weltrangliste vor dem T-Mobile-Team belegen?

Holczer: Als Quereinsteiger und Neuling hast du es in der Weltspitze immer schwer, wenn dir nicht etwas gelingt, was es vorher noch nicht gab. Endgültig etabliert sind wir durch Davide Rebellins drei Klassiker-Siege innerhalb einer Woche. Die Siege im Frühjahr waren der Ritterschlag. Die Tour de France im vergangenen Jahr hat eher wenig beigetragen.

Netzeitung: Ist es dann nicht schmerzlich, wenn Rebellin die Tour nicht mitfährt?

Holczer: Wir haben Davide klar und deutlich gesagt, dass er nicht mit soll. Ich will keinen Sturz riskieren. Er ist unser Topfavorit auf den Weltcup. Davide hat den Vorteil, dass er nach einer Regenerationsphase in die Weltcuprennen einsteigt, wenn die anderen geschafft von der Tour kommen.

Kein Nachfolger für Ullrich in Sicht
Netzeitung: Obwohl Gerolsteiner vor T-Mobile in der Weltrangliste liegt, steht der Rennstall in der Öffentlichkeit immer noch hinter T-Mobile.

Holczer: Solange Jan Ullrich bei T-Mobile ist, werden wir immer tiefer angesiedelt sein. Jan ist soviel wert wie ein oder sogar zwei Teams zusammen. Er uns Erik Zabel sind schon wieder ein eigenes Team. Bei uns ist das bewusst nicht so. Gefühlsmäßig haben wir vom Team her auch mehr Aufmerksamkeit.

Netzeitung: Wächst mit Fabian Wegmann ein Nachfolger heran?

Holczer: Von den persönlichen Fähigkeiten übertrifft er Jan durch seinen Witz und seine Ausstrahlung. Fahrerisch glaube ich nicht, dass er mal auf dem Treppchen einer großen Rundfahrt stehen wird. Er ist eher der Typ wie Paolo Bettini oder Rebellin. Ein Nachfolger für Jan Ullrich nicht in Sicht. Es gibt zwar einen jungen Fahrer, aber den möchte ich nicht mit solchen Erwartungen erdrücken.

Netzeitung: Nach seinem Erfolg beim Giro, bei dem Wegmann die Bergwertung gewann, soll der Münsteraner nun auch für den verletzten Markus Zberg einspringen...

Holczer: Wir sind personell am Rande. Wir haben zwar noch verschiedene Alternativen. Doch Michael Rich soll sich zum Beispiel auf Olympia konzentrieren. Die beste Lösung ist Fabian Wegmann, wenn er sich gut fühlt. Wir müssen von seiner Verfassung her auf ihn aufpassen. Er überzieht gern. Ich stelle deshalb nicht die Ansprüche, dass er Paris erreicht – die stellt er sich selber.

Ullrich schon Favorit als er noch dick war
Netzeitung: Wer ist für Sie der Favorit auf den Gewinn des Gelben Trikots?

Holczer: Jan Ullrich gewinnt. Das habe ich schon vor Monaten gesagt, als er noch dick war. Ich glaube nicht, dass Armstrong gewinnt, ich hoffe auch, dass er es nicht schafft. Es wäre auch gut für den Radport, dass mal jemand anders gewinnt.

Netzeitung: Wird Doping ein Thema bei der Tour sein?

Holczer: Doping wird kein Thema werden. Das habe ich zwar auch vor dem Giro gesagt und dann gab es doch eine Razzia, weil es immer noch Idioten gibt. Ich glaube aber, bei der Tour de France ist es kein Thema.

Das Interview mit Hans-Michael Holczer führte Thomas Flehmer