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Der tiefe Fall eines Wunderkinds

02. Nov 2007 10:16
Martina Hingis während der Pressekonferenz
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Der Abschied vom Tenniszirkus hätte für Martina Hingis nicht spektakulärer ausfallen können. Die «Kokain-Affäre» setzt den Schlusspunkt hinter eine am Ende tragische Karriere, wie Jörg Allmeroth berichtet.

Den Schaden, der dem Skandal folgte, konnte sich Martina Hingis am Tag danach in aller peinlichen Ausführlichkeit besichtigen. «Doping-Schock» titelte das Schweizer Boulevardblatt «Blick» über seine gesamte Frontseite und zeigte in Lebensgröße die versteinerten Gesichtszüge der jungen Frau, die einst als Teenagerin, als «Wunderkind» der Branche einsam und für insgesamt 209 Wochen die Weltrangliste angeführt hatte. Ein «Ende mit Schrecken» notierte bitter der «Zürcher Tages-Anzeiger» zu dem unrühmlichen Schluss-Punkt unter eine lange großartige, am Ende aber tragische Karriere, die genau um 18.01 Uhr am 1. November 2007 mit dem Eingeständnis eines positiven Dopingtests auf Kokain und einer vehementen Unschuldsbeteuerung im Scheinwerferlicht beendet worden war.

«Martina Hingis geht mit einem Knall»

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«Ich werde beschuldigt, während Wimbledon Kokain eingenommen zu haben. Ich finde diesen Vorwurf so ungeheuerlich, dass ich mich entschlossen habe, mich erhobenen Hauptes in der Öffentlichkeit den Vorwürfen zu stellen.» Mit diesen beiden Eröffnungssätzen, gesprochen mit brüchiger, tränenerstickter Stimme, hatte sich die abendliche Pressekonferenz, die eigentlich nur den lange absehbaren Rücktritt von Martina Hingis aus sportlichen Motiven bringen sollte, in ein nachrichtliches Erdbeben verwandelt, in einen Skandal, der binnen Stunden die gesamte Schweiz erschütterte. «Martina Hingis geht. Aber nicht leise, sondern mit einem Knall», vermeldete anderntags zutreffend die «Basler Zeitung», die ganz anders als die von ihrer blütenweißen Unschuld überzeugte Starspielerin wenig Zweifel an der Einnahme der Partydroge hegte: «Wird ausgerechnet Martina Hingis fälschlicherweise der Einnahme verbotener Substanzen bezichtigt? Wohl kaum.»

Genau in jener Nobelherberge, in der sie die niederschmetterndste Nachricht ihrer sportlichen Laufbahn auf dem Zielstrich zu verkünden hatte, war Martina Hingis auch schon vor zwei Jahren im Blitzlichtgewitter vor die Kameras getreten und hatte ihr sensationelles Comeback nach einer dreijährigen Wettkampf- und Verletzungspause verkündet. Und womöglich war schon in dieser erstaunlichen Rückkehr jene Tragödie angelegt, die dem Welttennis nach dem wochenlangen Geraune über angeblich verschobene Matches nun wieder düstere Schlagzeilen einbringt. Denn besonders lange ist Martina Hingis nicht froh gewesen über den Schritt zurück in die Tretmühle der Tennistour, ins Leben zwischen Flugplatz, Hotel und Centre Courts rund um den Globus. Sicher: Da war der bemerkenswerte Vorstoß in die Top Ten, den ihr niemand zugetraut hatte. Da waren aufsehenerregende Siege über die Leitspielerinnen der heutigen Generation und auch der ein oder andere Pokalgewinn bei ihren Turniereinsätzen. Doch schon bald wuchs nicht nur bei Experten, sondern auch bei Hingis die Erkenntnis, dass gegen die moderne Power und Dynamik in ihrem Sport auch alle individuelle Raffinesse nicht mehr half. Der Hingis-typische Mix aus Finten, Tricks und Kniffen war schlicht zuwenig gegen die großen, starken Frauen, die inzwischen mit ihren Aufschlägen auch nicht mehr vor der 200 km/h-Marke halt machen.

«Schachspielerin auf dem Centre Court»

Beim berühmtesten Turnier der Welt, in Wimbledon, war Martina Hingis in diesem Frühjahr längst an einem Punkt angekommen, an dem sie ihre frühere Leichtigkeit und Spielfreude verloren hatte, an dem sie längst nicht mehr die vielgerühmte «Schachspielerin auf dem Centre Court» (The Independent) war. Freunde der 27-jährigen berichteten schon damals, sie sehne sich wieder zurück nach dem süßeren Leben abseits des Wanderzirkus - ohne den lähmenden Siegesdruck, ohne die Fragen, warum heute eine Vorhand oder der Aufschlag nicht gepasst hätten. Sie habe nicht mehr den Preis bezahlen wollen, «den eine Tenniskarriere fordert», schreibt der erfahrenste Schweizer Tennisjournalist Rene Stauffer, «worauf sich Verletzungen zu häufen begannen.»

Am 29. Juni 2007 wird Martina Hingis jedenfalls nach ihrer Drittrunden-Niederlage gegen die Amerikanerin Laura Granville zum Dopingtest im All England Club gebeten. Was folgt, ist das im Tennis übliche und beinahe ebenso skandalöse Verwirr- und Geduldsspiel, ein Verschleiern und Vertuschen, übrigens ganz anders als im vielgescholtenen Radsport, in dem nur ein paar Tage verstreichen, bis ein positiver Test bekannt ist. Erst im September wird der Schweizerin mitgeteilt, dass der Test positiv ausgefallen sei, dass Spuren von Kokain in ihrem Urin gefunden worden seien. Im Labor in Montreal wird dann auch die B-Probe geöffnet, die aber kein anderes Ergebnis bringt und die A-Probe bestätigt. Zwischendurch lässt Hingis auf Anraten ihres Managements einen Haartest vornehmen, doch dessen negativem Ergebnis wird in Fachreisen wenig Aussagekraft zugemessen. «Mit dem negativen Haartest kann Martina Hingis nur beweisen, dass sie nicht chronisch kokste», sagt der Chefarzt von Swiss Olympic, Dr. Beat Villiger, noch am Donnerstagabend.

«Martina ist ein Angsthase»

Und dann meldet sich in Schweizer Medien auch noch der Suchtexperte Dr. William Lowenstein zu Wort, der auch im Rat zur Prävention und zum Kampf gegen Doping sitzt – er beschreibt die Ursachen für Kokaineinahme so: «Konsumenten sprechen von Dynamik, Euphorie, Verringerung von Müdigkeit, aber auch vom Gefühl der Allmacht als positive Eigenschaft. Kokain macht einen im Kopf zum Helden, der alles wegfegt. Kokain gibt einem die Fähigkeit, andere zu dominieren, Hemmungen gegenüber anderen zu verlieren», erklärt Lowenstein in «20minuten.ch». Hingis-Berater Mario Widmer, der Lebensgefährte von Hingis´ Mutter Melanie Molitor, kann sich den Sündenfall freilich auch tags nach dem Donnerwetter im Hotel Renaissance nicht vorstellen: «Martina ist ein Angsthase und nicht so progressiv, dass sie das Gefühl hätte, man müsse im Leben alles probiert haben», sagt er, «ich bin überzeugt, dass sie nichts Falsches getan hat.»

Trotzdem bleibt die Frage: Hat Martina Hingis ihr Ego und ihr Selbstvertrauen aufgeputscht, als es nicht mehr anders ging in ihrem zweiten Tennisleben? Sie muss sich jedenfalls nicht mehr über diese Vermutungen wundern, sie ist schließlich nach den Richtlinien der Welt-Antidopingagentur Wada nun eine überführte Dopingsünderin. Und kämpfen will die einstige Gipfelstürmerin der Tenniswelt auch nicht gegen die Dopingorganisationen und gegen die dunklen Mächte, die an diesem 1. November auch noch erwähnt werden – potentielle Manipulateure, die ihr angeblich in Wimbledon etwas in die Getränkeflaschen getan hätten. Im offiziellen Hingis-Statement werden zudem noch Anwälte zitiert, die Verfahrensfehler entdeckt hätten und nicht sicher seien, ob es tatsächlich der Hingis-Urin sei, in dem die Restspuren von Kokain aufgetaucht seien. Aber Lust, sich noch jahrelang mit Doping-Offiziellen herumzuschlagen und um ihre verlorene Ehre zu fighten, hat Hingis nach eigenem Bekunden nicht mehr, genau so sagt sie es in ihrem Statement, das sie mit kreidebleichem Gesicht und immer wieder stockender Stimme verliest: Man habe ihr klargemacht, «dass sich der Fall über Jahre hinziehen wird», insbesondere dann, wenn er alle Instanzen durchlaufe. Und aufgrund dieser Situation, so folgert Hingis für sich, «aber auch aufgrund meines Alters und meiner Hüftprobleme habe ich beschlossen, nicht mehr länger auf der Tennistour zu spielen.»

Haifischbecken Tennis-Tour

Ihre Waffen auf dem Platz, sagt Hingis auch, seien ein Leben lang immer die gleichen gewesen: Das Spiel und der Einfallsreichtum. Für diese Art von Tennisspiel gebe es nur «ein mögliches Doping: Die Liebe zum Spiel.» Doch die abgelesenen, schönen Worte können jetzt nicht mehr verhindern, dass für immer ein böser Verdacht besteht, dass ein Restzweifel bleibt. «Die eben noch Umjubelte tritt auf dem Tiefpunkt ab», heißt es im «Tages-Anzeiger», der ansonsten mit großem Wohlwollen diese ungewöhnliche Laufbahn begleitete. Und nicht nur dort wird leise gefragt, ob es jemals nötig gewesen sei, überhaupt noch ein zweites Mal in diese aufreibende Berufswelt einzusteigen, in dieses weltweite Profitennis, in dem nicht nur Glitzer und Glamour regieren, sondern in dem eben auch Missgunst, Neid und erbitterter Konkurrenzdruck unter den Stars regieren. Ein Haifischbecken eben, wie nicht zuletzt Hingis gern sagte.

Davon will der Chef des Frauentennis, der eloquente Engländer Larry Scott, natürlich nichts wissen: Nach dem- mindestens bemerkenswerten – Eingeständnis, dass die Profiorganisation WTA bis zum Donnerstag noch keine offiziellen Informationen zum Fall Hingis erhalten habe, schwärmt der Brite gleich über einen «herausragende Championspielerin» und einen weltweiten Liebling der Fans.“ Hingis bleibe nicht nur wegen ihrer fünf Grand-Slam-Titel, sondern auch wegen ihres unverwechselbaren Touchs und wegen ihrer Professionalität in Erinnerung. Doch ihren wahren Status kann Hingis bei einem Blick auf die Homepage der WTA erkennen: Dort, wo sonst selbst zweitklassige Sternchen mit salbungsvollen Texten und Bilderserien verabschiedet werden, sucht man vergeblich nach einem Foto und einer Widmung von «Miss Swiss».

Fragen kann man sie zu alldem nicht mehr. Jedenfalls nicht am Donnerstagabend, in dem sie nach genau zehn Minuten ihres verlesenen Statements das Podium verlässt und sich mit starrer Miene einen Weg durch die aufgeregten Journalisten bahnt. Sie geht in ein schweres zweites Leben nach dem Tennis, das auch ohne Dopingverdacht schon schwer genug gewesen wäre.

 
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