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Lupe «Vier Stunden Maloche für nix»

Philipp Kohlschreiber hat in der dritten Runde der US Open gekämpft bis zum Umfallen. Dass es gegen Carlos Moya trotzdem nicht gereicht hat, kommt nicht von ungefähr, weiß Jörg Allmeroth .

Seine New Yorker US-Open-Mission war gerade in einem Alptraum der vergebenen Chancen zu Ende gegangen, da zog es Philipp Kohlschreiber ein letztes Mal hinaus aufs Spielfeld seiner bisher größten Tennis-Enttäuschung, auf den legendären Grandstand-Court von Flushing Meadow. Für ein paar Sekunden stand Kohlschreiber, soeben der bittere 6:4, 5:7, 6:7 (5:7), 6:4, 4:6-Drittrundenverlierer gegen Carlos Moya, noch einmal mittendrin in diesem verrückten Käfig voller Emotionen und ließ den frenetischen, anerkennenden Beifallssturm der Zuschauermasse auf sich einrauschen - auf leicht schwankenden Beinen allemal, die sich nach diesem wild bewegten Vier-Stunden-Marathon, nach diesem einzigen Gefühlschaos zwischen Euphorie und Elend «ein bisschen wie Gummi» anfühlten.
«Es ist zum heulen»
Es war ein Moment, der Kohlschreiber zwar auch ein wenig Trost spendete, der ihm aber zugleich auch mit überwältigender Wehmut klar machte, was er in den nächsten Tagen nicht mehr erleben konnte: Diese unglaublichen New Yorker Tennistage und -nächte, diese Intensität und Elektrizität auf und neben dem Court, die es bei keinem anderen Turnier der Welt so ausgeprägt gibt. «Es ist irgendwie zum Heulen, dass jetzt alles vorbei ist», sagte Kohlschreiber nach dem Fünf-Satz-Drama ohne Happy-End, «vier Stunden Maloche für nix.»

Banal, aber wahr: Für Siege in solchen Grand-Slam- Klassikern gibt es keinen Ersatz. Da helfen keine Komplimente, kein Schulterklopfen, kein noch so gut gemeinter Zuspruch, kein Beifall. Und so fühlte sich Kohlschreiber nach diesem letztlich selbstverursachten Horror auch «schon ziemlich erledigt», als er in der dann abends um Zehn in der Umkleidekabine saß, tief in den Katakomben des Arthur-Ashe- Stadions – allein mit sich, seinem akuten Seelenschmerz und den bohrenden Was-wäre-wenn-Gedanken, den Gedanken an die unendliche Geschichte der ausgelassenen Möglichkeiten.

«Das Achtelfinale war zum Greifen nah», sagte Kohlschreiber fast lakonisch, als wolle er den tieferen Frust kaschieren, den Zorn über das Versagen bei den Big Points dieser Partie. Er sagte zwar auch, es sei eine «gute Niederlage» gewesen, eine, aus der er «unheimlich viel lernen» und «stärker zurückkommen» könne, doch ob schlecht oder gut: Niederlage blieb trotz aller Schminke erst mal nichts anderes als Niederlage.

Schlechte Chancenverwertung
Ein einziger Blick in die Bilanzen dieses mitreißenden, teils hochklassigen Duells genügte, um zu erkennen, woran der eigentlich bessere Kohlschreiber gescheitert war: Wer, wie er, nur vier von 19 Breakchancen verwertet, wer bei 1:0-Satzführung und 5:5-Zwischenstand im zweiten Durchgang allein vier Breakbälle zum vorentscheidenden 6:5 auf der Strecke liegen lässt, wer im fünften Akt immer näher am Break dran ist als Moya, dieses Break aber trotz herrlichster Chancen nicht schafft, kann diese Matches auf Major-Niveau nicht gewinnen. Schon gar nicht gegen einen abgebrühten, eiskalten Veteranen wie Carlos Moya, der die Schwächen seines jungen deutschen Widersachers unbarmherzig nutzte.

Kohlschreiber fasste die Story dieses verlorenen, langen US-Open- Sonntagabends prägnant so zusammen: «Es war wie im Fußball, wenn die eine Mannschaft überlegen ist, mehr Ballbesitz und mehr Chancen hat – und die andere eiskalt die Tore macht.»

Mit dem Knockout für den 23-jährigen Augsburger war nun jedenfalls Tommy Haas als letzter deutscher Mohikaner in New York verblieben, als einziger der ursprünglich 19 gestarteten DTB-Profis. Der gebürtige Hamburger mit Wohnsitz Florida trifft im Achtelfinale auf den amerikanischen Publikumsliebling James Blake: Ein Center-Court-Duell, das Spannung und Klasse wie selbstverständlich zu garantieren schien. Für Haas ging es auch um wichtige Punkte in der Wertung für den Masters Cup in Schanghai, die Weltmeisterschaft der Profis im November – zumal, da Blake einer der erbittertsten Rivalen um einen der acht WM-Plätze war.

Zugehörigkeit zur erweiterten Weltspitze
Von solchen Zielen und Perspektiven konnte Kohlschreibe, der stärkste Deutsche aus der nachrückenden Generation hinter Haas, Kiefer und Schüttler, zwar vorerst nur träumen: Doch im hochsommerlichen New York untermauerte der selbstbewusste Bayer erstaunlich souverän seine Zugehörigkeit zur erweiterten Weltspitze und deutete an, dass er nach dem Rückzug der älteren Garde wohl zur deutschen Nummer eins aufsteigen wird. Schon beim Davis Cup-Halbfinale in Moskau könnte Kohlschreiber zum Unsicherheitsfaktor für die favorisierten Russen werden, nicht zuletzt, weil er bei den US Open deren zweitbesten Mann Michael Juschni couragiert in Runde zwei abfertigte.

Gut, dass Kohlschreiber sich zwischen New York und Moskau keine Turnierstrapazen mehr zumutet und sich in der Schweiz ein paar entspannende Erholungstage gönnen will: «Ich will total abschalten, meine Ruhe haben. Ich will hundertprozentig fit sein für den Davis Cup», sagte er. Mit der kurzen, aber wertvollen Pause war der Youngster allemal besser beraten als andere altvordere DTB-Profis, die vor herausragenden Länderspiel-Terminen oft noch schnell auf fernen Kontinenten engagiert waren , auch, weil es dort saftige Antrittsprämien gab.

Kohlschreiber hatte sich nach seinem Münchner Turniersieg zu gedanklichen Höhenflügen verstiegen und sich schon als Champion auch auf größerer Bühne gesehen. Er wurde dann brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, stürzte im Sommer in ein längeres Tief. Nun, in New York, zeigte der Augsburger zum ersten Mal, dass wirklich mit ihm zu rechnen sein wird. Warum? Weil man im Tourzirkus sehr leicht sehr böse hinfallen, aber gar nicht so leicht wieder aufstehen kann. Doch das hat Kohlschreiber geschafft – trotz seiner Niederlage gegen Carlos Moya.