«Vier Stunden Maloche für nix»
Banal, aber wahr: Für Siege in solchen Grand-Slam- Klassikern gibt es keinen Ersatz. Da helfen keine Komplimente, kein Schulterklopfen, kein noch so gut gemeinter Zuspruch, kein Beifall. Und so fühlte sich Kohlschreiber nach diesem letztlich selbstverursachten Horror auch «schon ziemlich erledigt», als er in der dann abends um Zehn in der Umkleidekabine saß, tief in den Katakomben des Arthur-Ashe- Stadions – allein mit sich, seinem akuten Seelenschmerz und den bohrenden Was-wäre-wenn-Gedanken, den Gedanken an die unendliche Geschichte der ausgelassenen Möglichkeiten.
«Das Achtelfinale war zum Greifen nah», sagte Kohlschreiber fast lakonisch, als wolle er den tieferen Frust kaschieren, den Zorn über das Versagen bei den Big Points dieser Partie. Er sagte zwar auch, es sei eine «gute Niederlage» gewesen, eine, aus der er «unheimlich viel lernen» und «stärker zurückkommen» könne, doch ob schlecht oder gut: Niederlage blieb trotz aller Schminke erst mal nichts anderes als Niederlage.
Kohlschreiber fasste die Story dieses verlorenen, langen US-Open- Sonntagabends prägnant so zusammen: «Es war wie im Fußball, wenn die eine Mannschaft überlegen ist, mehr Ballbesitz und mehr Chancen hat – und die andere eiskalt die Tore macht.»
Mit dem Knockout für den 23-jährigen Augsburger war nun jedenfalls Tommy Haas als letzter deutscher Mohikaner in New York verblieben, als einziger der ursprünglich 19 gestarteten DTB-Profis. Der gebürtige Hamburger mit Wohnsitz Florida trifft im Achtelfinale auf den amerikanischen Publikumsliebling James Blake: Ein Center-Court-Duell, das Spannung und Klasse wie selbstverständlich zu garantieren schien. Für Haas ging es auch um wichtige Punkte in der Wertung für den Masters Cup in Schanghai, die Weltmeisterschaft der Profis im November – zumal, da Blake einer der erbittertsten Rivalen um einen der acht WM-Plätze war.
Gut, dass Kohlschreiber sich zwischen New York und Moskau keine Turnierstrapazen mehr zumutet und sich in der Schweiz ein paar entspannende Erholungstage gönnen will: «Ich will total abschalten, meine Ruhe haben. Ich will hundertprozentig fit sein für den Davis Cup», sagte er. Mit der kurzen, aber wertvollen Pause war der Youngster allemal besser beraten als andere altvordere DTB-Profis, die vor herausragenden Länderspiel-Terminen oft noch schnell auf fernen Kontinenten engagiert waren , auch, weil es dort saftige Antrittsprämien gab.
Kohlschreiber hatte sich nach seinem Münchner Turniersieg zu gedanklichen Höhenflügen verstiegen und sich schon als Champion auch auf größerer Bühne gesehen. Er wurde dann brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, stürzte im Sommer in ein längeres Tief. Nun, in New York, zeigte der Augsburger zum ersten Mal, dass wirklich mit ihm zu rechnen sein wird. Warum? Weil man im Tourzirkus sehr leicht sehr böse hinfallen, aber gar nicht so leicht wieder aufstehen kann. Doch das hat Kohlschreiber geschafft – trotz seiner Niederlage gegen Carlos Moya.
