04.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Kiefers Puzzle passt nicht mehr zusammen
Nach einem Regen-Marathon ist Nicolas Kiefer in Wimbledon als letzter Deutscher ausgeschieden. Das Wetter-Wirrwarr hat nicht nur den Deutschen entnervt, wie Jörg Allmeroth berichtet. Bilderschau: Wasserspiele in Wimbledon ...
Die grausam verregnete Gartenparty hätte ihm fast noch einen kuriosen Arbeitseinsatz an seinem 30. Geburtstag beschert. Aber als sich am Mittwochnachmittag, genau um 13.01 Uhr Ortszeit endlich, endlich die Akte des am schlimmsten verzögerten Wimbledon-Matches des Jahrgangs 2007 schloss, da war Nicolas Kiefer im nervtötenden Wetter-Wirrwarr auf dem «Friedhof der Champions» schließlich doch noch vor möglichen Feierlichkeiten auf dem heiligen Rasen gescheitert – satte vier Tage nach dem ersten verabredeten Spieltermin am Samstag.
Endlose Warteschleifen«Am Ende war irgendwie die Konzentration weg, dieses totale Heiß-Sein auf den Sieg», sagte der ausgezählte Niedersachse, der nach endlos gedrehten Warteschleifen die Drittrundenpartie gegen den serbischen Weltranglisten-Fünften Novak Djokovic mit 6:7 (4:7), 7:6 (8:6), 2:6 und 6:7 (5:7) verlor.
Während seine genervten Profikollegen (Kiefer: «Es gibt schon eine gewisse Spannung im Feld») in den neuen Regenschauern des Nachmittags wieder zu grimmigen Zwangspausen verdammt waren, hatte der 4. Juli in all seiner Traurigkeit auch etwas Gutes für Kiefer: Das fast schon lächerliche Geduldsspiel in London SW19 war vorbei, das Häppchen-Tennis in spärlichen Dosen, die Grand-Slam- Groteske im Grünen, die Kapriolen eines sportlich längst verzerrten Saisonhöhepunkts.
«Ein bisschen wahnsinnig»Jeder sei in den letzten Tagen «ein bisschen wahnsinnig» geworden, sagte Kiefer, «wenn man dauernd zwölf Stunden lang für ein paar Minuten Tennis rumhängt, dann geht das schon ans Gemüt.» In den Umkleidekabinen, so der Verlierer, «geht es zu wie im Zoo.»
Im bizarren Splitter-Tennis, hier einmal eine Stunde, dort einmal 20 Minuten, hatte Kiefer zuallerletzt seine punktgenaue Konzentration, sein Schlagtiming und seine Geduld verloren. Als der Niedersachse im noch sonnigen Wimbledon auf Platz zwei schritt, wirkte er in der ersten halben Stunde der bei 6:7, 7:6 fortgesetzten Hängepartie nur noch wie die blasse Kopie des Mannes, der Djokovic am Montag und am Dienstag gehörig ins Schwitzen gebracht hatte.
Malad und müde«Ich habe gleich gespürt, dass es nicht stimmt, dass das Puzzle nicht zusammenpasst», sagte der Comeback-Mann, der seine Kraft viel zu sehr in unnötige Geplänkel investierte – in Streitereien mit dem Schiedsrichter, selbst in Diskussionen mit den Ballkindern. Dass sein eigentliches Spiel darunter litt, wusste später keiner besser als Kiefer selbst: «Ich hatte keinen Touch auf dem Schläger, keine Geschwindigkeit. Das war schon absolut enttäuschend.» Schnell hatte der malade und müde wirkende Kiefer so den dritten Satz auch mit 2:6 abgegeben, ohne Chance im aggressiven Sturm und Drang von Djokovic.
Zwei bis vier Kilogramm habe er während des Tennis-Marathons von Samstag bis Mittwoch vermutlich zugelegt, sagte Kiefer später, «ich habe in den Pausen reihenweise Bananen und Sandwiches in mich reingestopft.» Doch es war nicht die spaßig bemängelte Gewichtszunahme, die für das «enttäuschende Aus» zuständig war, sondern die verlorene Spannung in diesem außergewöhnlichen Grand-Slam- Kampf. «Zum Schluss hat man gemerkt, dass Kiefer die Matchhärte und die Spielpraxis fehlen», sagte im BBC-Fernsehen der Gastkommentator John McEnroe, «er war mental nicht mehr auf der Höhe des Geschehens».
Doch trotz dieser emotionalen Schieflage hielt Kiefer in der Rolle des aufopfernden Kämpfers immer noch Anschluss an Djokovic, den hochbegabten Aufsteiger aus Belgrad: Bei einer 4:3-Führung im vierten Satz hatte der 30-jährige sogar zwei Breakbälle zum 5:3 – und damit die Möglichkeit, das Duell sogar in den fünften Satz zu treiben.
Genervter NadalAber Kiefer ließ die Chancen genau so ungenutzt verstreichen wie später seine Vorteile im noch einmal fällig gewordenen Tiebreak. «Ich war nicht risikoreich genug, da fehlte das Feuer in den Schlägen», sagte er, als sein letztes Stündlein bereits vorüber war, «wenn man bei den Big Points nicht zulegt, kann man hier nix holen». Andererseits konnte der letzte deutsche Mohikaner im Großen und Ganzen mit seiner Rückkehr in den Tourbetrieb durchaus zufrieden sein – nach der 373-tägigen Zwangspause wegen seiner Handgelenksblessur spielte er in Halle und auch jetzt in Wimbledon meistens so, als wäre er gar nicht für eine kleine Ewigkeit weg gewesen aus dem Wanderzirkus. «Mit ein paar Tagen Abstand wird hoffentlich auch ein Stück Genugtuung kommen», sagte Kiefer, bevor er sich ins Flugzeug nach Hannover setzte.
Im Reizklima von Wimbledon brachte auch Nachzügler Rafael Nadal sein Drittrundenspiel gegen den Schweden Robin Söderling endlich zum Abschluss: Nach dem 6:4, 6:4, 6:7 (7:9), 4:6, 7:5-Sieg war der Sandplatzkönig aus Mallorca allerdings wenig amüsiert und nannte seinen schwedischen Rivalen «einen der ungeliebtesten Profis» auf der Tour. Söderling hatte den Weltranglisten-Zweiten mehrfach im Spielverlauf mit Imitationen lächerlich gemacht und ihm später auch nur eisig die Hand geschüttelt. «Den Typen mag keiner», sagte Nadal und beschwerte sich gleich auch noch über die Turniermacher des All England Club: «Ich verstehe nicht, warum hier nicht am Sonntag gespielt wurde. Die langen Wartezeiten wären nicht nötig gewesen.»