10.06.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Rafael Nadal
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Es hätte der historische Sieg von Roger Federer bei den French Open werden sollen. Doch erneut zerbrach der Schweizer an der Urgewalt seines spanischen Rivalen, wie Jörg Allmeroth gesehen hat.
Es begann als Alptraum der verpassten Chancen. Und obwohl Roger Federer im wichtigsten Spiel seiner Karriere trotzig und verbissen gegen die Niederlage ankämpfte, obwohl er wie ein Schwergewichtsboxer nach wiederholten Niederschlägen immer wieder aufstand, platzte am Ende doch sein großer Lebenstraum vom ersten French-Open- Titel und sein Rendezvous mit der Tennis-Ewigkeit: Triumphierend reckte am Ende eines faszinierenden Gladiatorenduells, um genau 18.20 Uhr, nur einer die Hände in den tiefblauen Pariser Himmel der unverwüstliche, der unwiderstehliche, der unschlagbare Sandplatzkönig Rafael Nadal, der nach seinem 6:3, 4:6, 6:3, 6:4-Sieg im «Tanz der Titanen» (Neue Zürcher Zeitung) nun als phänomenaler Seriensieger auf den Spuren des legendären Schweden Björn Borg wandelte.
Magischer HattrickEin magischer Hattrick auf dem Roten Platz von Roland Garros, zwei Mal hintereinander die Nummer eins der Welt in einem vibrierenden Schlagabtausch mit allen Finten und Finessen geschlagen ähnlich meisterliche Kunststücke hatte zuletzt nur jene Ikone Borg vollbracht, der Champion der Jahre 1974, 1975 und 1978 bis 1981. «Das ist mein größter Sieg. Ein Sieg, den ich nie vergessen werde, eben weil auch Roger den Sieg so sehr wollte», sagte der muskelbepackte Mallorquiner, nachdem ihm vom brasilianischen Superstar Gustavo Kuerten der «Coupe de Mousquetaires» auf dem Centre Court überreicht worden war, jenem Spieler, der um die Jahrtausendwende eine ähnlich beherrschende Stellung bei den Pariser Festspielen eingenommen hatte.
Für Federer blieb ein zweites Mal die Rolle des traurigen Zuschauers der großen Nadal-Show übrig: Dem genialen Basler Maestro, der weithin als bester Spieler seiner Zeit gerühmt wird, fehlte auf dem rutschigen Geläuf aufs Neue die ausdauernde Kraft und ruhige Balance in seinem Spiel, um seinen erbitterten Angstgegner in einem großen Grand Slam-Match von Paris zu distanzieren. «Ich habe alles gegeben, alles versucht. Am Ende hat der Bessere gewonnen. Er ist ein Phänomen auf Sand», sagte der enttäuschte Schweizer, der seit Wochen und Monaten fast zwanghaft alle seine Sinne auf dieses Turnier, auf dieses eine Finalmatch gerichtet hatte.
Begrenzte ZeitNun stellten sich auch Federer-Parteigänger die Frage, wie oft der Nummer-eins- Spieler noch die Motivation für solche Kraftakte aufbringen würde, für eine Mission, der er alles, absolut alles untergeordnet hatte seit dem Sieg bei den Australian Open im Januar. «Federer muss selbst wissen, dass er nur eine sehr begrenzte Zeit hat, um diesen Titel zu holen. Mit jeder Niederlage schwinden seine Chancen», bemerkte der ebenfalls hartnäckig in Paris gescheiterte Boris Becker. Vorerst jedenfalls kam kein Spieler zu dem Quintett hinzu, das es bisher geschafft hat, wenigstens einmal bei allen vier Major-Wettbewerben zu gewinnen: Zum Amerikaner Donald Budge, zum Engländer Fred Perry, zu den beiden Australiern Roy Emerson und Rod Laver sowie zu Andre Agassi, dem Mann, der im vorigen Jahr in Tennis-Rente ging. «Ich glaube, dass ich immer noch genug Chancen bekommen werde», meinte Federer, «dies ist nicht das Ende der Welt.»
Trotzdem: Die wiederholten Fehlschläge gegen den Kraftprotz aus dem mallorquinischen Manacor untergraben Federers bisher stets demonstrierte Zuversicht, auch diese letzte Tennis-Bastion schleifen und die Herausforderung Paris mit finalem Happy-End bestehen zu können. «Nadal hat es bisher noch jedes Mal geschafft, Roger aus seiner Wohlfühlzone zu bringen, ihn mit seiner Urgewalt zu erschüttern», sagte Amerikas Ex-Star John McEnroe, «es wird schwer und schwerer für ihn, diesen Schönheitsfehler in seiner Karriere zu tilgen». Selbst der Rückenwind des Rothenbaum-Triumphs verlieh Federer letztlich keine Flügel, schuf womöglich bei dem dreimaligen Weltsportler des Jahres nur die trügerische Illusion, mit dem im Grand-Slam- Ernstfall löwenhaft kämpfenden Nadal mithalten zu können. Dem Spieler, der eben nur ein einziges seiner letzten 88 Matches auf Sand verloren hat, seinem Terrain, seiner Erde.
Vom ersten Aufschlag verlassenDabei hatte Federer alle Chancen der Welt, diesen Showdown des Jahres frühzeitig in die richtigen Bahnen zu lenken. Doch der artistische Basler, sonst ein eiskalter, unbarmherziger Vollstrecker von Großchancen, brachte sich nicht in Führung, sondern mit allein zehn vergebenen Breakbällen im ersten Satz an den Rand der Verzweiflung. Fast in jedem Aufschlagspiel von Nadal war Federer dran am Break, am potenziellen Durchbruch, an einer denkbar vorentscheidenden Marke in diesem Final-Drehbuch doch die Geschichte des Spiels war eben die von Federers pausenlosem Scheitern bei den Big Points.
Zudem wurde der 25-jährige Eidgenosse auch noch von seinem ersten Aufschlag verlassen, den er zu Beginn des Spiels gerade zu 25 Prozent ins Feld brachte eine wegweisende Tatsache, die der «spanischen Kampfmaschine Nadal» (Daily Mirror) erlaubte, hineinzufinden in die endlosen Grundlinienduelle, mit jener stets wieder erstaunlichen Intensität und Ausdauerkraft.
Stürmische AttackenFederer fightete sich trotz des Defizits noch einmal in den Tennis-Klassiker zurück, schaffte sogar den vorübergehenden 1:1-Satzgleichstand, doch bei dieser Aufholjagd hatte der Klassenbeste zuviel Substanz und Nervenkraft verbraucht. Wie im vorigen Jahr war ab dem zweiten Tennisakt Nadal der Chef im Ring, der Spieler, der mit seiner unfassbaren Intensität das Kommando gegen den kunstfertigeren Schweizer übernahm. Der Sandplatzkönig spielte mit leidenschaftlichem Willen, aber in den kribbelnden, zugespitzten Momenten auch kühl bis ans Herz eben ein Matador, der in jeder einzelnen Sekunde unbeirrt an sich glaubte, der zupackend jede Möglichkeit ergriff, der um seine Kraft und Klasse zum Sieg wusste.
Selbst Federers stürmische Attacken ans Netz parierte der Weltranglisten-Zweite oft genug mit zielsicheren Returns - mit den fast immer richtigen Antworten auf des Schweizers taktische Winkelzüge eroberte sich Nadal den dritten Satz mit 6:3 und ging auch im vierten und letzten Durchgang schnell mit dem Break zum 1:0 in Front. Diesen Vorsprung rettete der Spanier problemlos ins Ziel gegen den in seiner Moral erschütterten Rivalen, mit dem 136 von 255 gespielten Punkten war der Hattrick perfekt, die ganz persönliche Tennis-Herrlichkeit für Nadal.