netzeitung.deBenjamin Becker schickt Agassi in Rente

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Lupe Benjamin Becker schickt Agassi in Rente

Die Profikarriere von Andre Agassi hat nach 20 Jahren ein Ende gefunden. Ausgerechnet ein Spieler aus Deutschland warf den lädierten US-Amerikaner bei dessen letzten US Open aus dem Turnier.

Von Jörg Allmeroth, New York

Es waren schmerzliche, schlimme Stunden für Andre Agassi an seinem letzten Arbeitstag als Tennisprofi. Stunden, in denen der 36-Jährige wie ein alter Mann durch das Arthur-Ashe-Stadion schlurfte. Und es waren auch schmerzliche Stunden für Millionen Tennisfans, die den bitteren Karriere-Abschied des Altmeisters gegen den deutschen Qualifikanten Benjamin Becker verfolgten. Mit allenfalls halber Kraft, gehandicappt durch seine chronische Ischiasentzündung, war schließlich nach der 5:7, 7:6 (7:4), 4:6, 5:7-Niederlage alles vorbei für Agassi, den charismatischen Superstar aus Las Vegas – nach genau 1144 Tourspielen und 20 aufwühlenden, nie langweiligen Tennisjahren.

Tränen zum Abschied
Doch auch in der Niederlage war Agassi noch einmal der gefeierte Held von 23.000 New Yorkern, die dem Geschlagenen minutenlange Ovationen bereiteten und ihn zu Tränen rührten. Stellvertretend für alle seine Fans dankte Agassi mit tränenerstickter Stimme denen, die an diesem Tag ins Stadion gekommen waren: «Ihr habt mich auch in meinen tiefsten Momenten unterstützt und mir eine Schulter geboten, an die ich mich anlehnen konnte. Ihr habt mir geholfen, Träume zu verwirklichen, an die ich nie in meinem Leben geglaubt habe. Ihr wart eine Inspiration, die mir bis zum Ende meines Lebens bleiben wird.»

870 Tourspiele und 60 Turniertitel hatte Agassi bis zu diesem 3. September gewonnen, Becker ganze vier Matches und keinen einzigen Pokal – und doch wird der Mann aus Orscholz für immer mit einem der Größten der Tennisgeschichte verbunden bleiben - als der Spieler, der seine Laufbahn ein für alle Mal zum Stillstand brachte. Auch Becker erhob sich nach dem Match von seinem Stuhl und applaudierte Agassi, jenem Spieler, der das Welttennis in den vergangenen beiden Jahrzehnten revolutioniert und in eine neue Ära geführt hatte. «Du wirst für immer unvergessen bleiben», sagt Becker direkt zu Agassi, der einen Weinkrampf auf seinem Pausenstuhl erlitten hatte und sich erst nach mehreren Minuten noch einmal zu seiner typischen Verbeugung vor dem Publikum erhob.
Becker punktet nach Belieben
Es dauerte nicht lange in diesem Drittrundenspiel im größten Tennisstadion der Welt, bis klar war, dass Andre Agassi auch nach drei Spritzencoacktails in den letzten Tagen gegen seine Rückenblessur nicht annähernd im Vollbesitz seiner Kräfte war. Sobald es Becker gelang, den müden «Grand Old Man» (New York Times) auf dem Court in die Ecken zu zwingen, ihn zu bewegen, war der elf Jahre jüngere Deutsche sofort im Vorteil und punktete fast nach Belieben. Mit seinem hammerharten Aufschlag, teils bis zu 225 Stundenkilometer schnell, verschaffte sich Becker ohnehin serienweise leichte Punktgewinne.

Und der «Mann der Stunde» im deutschen Tennis hatte gute Nerven bei den Big Points, zeigte stets sein bestes Tennis, wenn er dazu aufgefordert war. Nach gewonnenem ersten Satz hatte Becker nur einen wirklich schwachen Moment im Tiebreak des zweiten Tennisaktes, als er mit zwei Doppelfehlern eine zeitige Vorentscheidung verpasste. Doch ungerührt von dem Malheur, ging Becker gleich wieder im dritten Satz 3:0 in Führung und stellte auch die Kulisse ruhig, die gerade wieder Agassi anzutreiben versuchte. Im vierten Satz, nun 2:1 in Führung, bekam Becker körperliche Probleme, schien unter Krämpfen zu leiden und bekam lange Zeit bei Agassis Aufschlagspielen keinen Ball ins Feld.

Doch auf der Zielgeraden legte er noch einmal richtig los, punktete vier Mal bei Agassis Service im elften Aufschlagspiel und holte sich das Break. Wenig später war nach dem 27. Ass der Traum des Qualifikanten perfekt, der Traum eines Sieges über Agassi. «Das Ganze ist wie ein Hollywood-Film für mich», so Becker.