Becker-Coach: «Er ist ein großes Kaliber»
Netzeitung: Herr Benhabiles, Ihr Schützling Benjamin Becker ist eine der großen Entdeckungen dieser US Open. Überrascht es Sie, wie schnell er die Herausforderungen bei großen Turnieren wie nun in New York meistert?
Netzeitung: Hat Becker nicht viel Zeit verschenkt – in den vier Jahren, in denen er in Texas nur für Collegemannschaften spielte?
Benhabiles: Gar nicht. Dass Spieler mit 17, 18 Jahren wie Boris Becker Grandslam-Titel gewinnen und in der Weltspitze stehen, das sind Einzelphänomene – nicht der Normalfall. Auch Roger Federer hat Jahre gebraucht, bis er deutlich jenseits der zwanzig seine ersten großen Pokale gewann. Benny ist in seinem besten Alter, und es tut ihm gut, ein Leben vor dem Profitennis gehabt zu haben. Man merkt es ihm auch an: Er kommt nicht aus dem typischen Tennismilieu, hat nicht schon jahrelang nur stur Tennis, Tennis, Tennis im Kopf gehabt. Das ist ein großer Vorteil.
Netzeitung: Beeinflusst seine größere Lebenserfahrung auch sein Spiel?
Benhabiles: Er ist ein großer Stratege auf dem Platz. Er nutzt seine Intelligenz aus, um im richtigen Moment das Richtige zu tun. Und er ist nicht so anfällig, um in den Aufs und Abs eines Matches die Nerven zu verlieren. Wen wir da vor uns stehen haben, ist ein Mann, der so leicht nicht zu erschüttern ist. Einfach ein smarter Typ, ein ruhiger, präziser Schachspieler, dem es Spaß macht zuzuschauen. Sein Potenzial ist bemerkenswert.
Benhabiles: Es ist eine Freude. Es ist eine intellektuelle Auseinandersetzung, einen so intelligenten Menschen als Partner zu haben. Im Training ist es freilich ganz einfach: Man muss ihm nur einmal eine Anweisung geben, und er setzt sie um. Er lernt und begreift in einem ganz anderen Tempo als andere.
Netzeitung: Wie schätzen Sie die Entwicklung von Beckers Karriere mittelfristig ein?
Benhabiles: Er muss natürlich noch weiter Erfahrungen sammeln, die Tücken und Schliche des Geschäfts kennen lernen. Ich denke, nach einer Anlaufzeit von einigen Monaten, vielleicht einem guten Jahr kann er so richtig durchstarten. Er hat noch viele gute Jahre vor sich, muss trotz seiner 25 Jahre nicht ungeduldig sein. Schließlich hat er sich nicht so verschlissen wie Leute in seinem Alter, die schon jahrelang unterwegs sind im Circuit – die wirken manchmal schon ausgebrannt und müde.
Netzeitung: Was trauen Sie ihm gegen Agassi zu? Und wie haben Sie ihn auf dieses größte Spiel seines Lebens vorbereitet?
Benhabiles: Er darf gar nicht erst versuchen, die Nervosität krampfhaft zu bekämpfen. Das Lampenfieber vor einem solchen Spiel ist normal, und er wird seine Beklemmungen schon loswerden, da wette ich drauf. Er wird Agassi das Leben nicht einfach machen. Ich habe ihn am Abend noch auf den Centre Court geschickt, noch vor dem Abendspiel von Agassi, damit er einmal diese Atmosphäre schnuppern und sich ein Bild von den Dimensionen dieses Stadions machen kann. Diese Arena ist eine eine neue Welt für Benjamin, aber er wird sich darin zurechtfinden.
Das Interview mit Tarik Benhabiles führte Jörg Allmeroth
