B. Becker sorgt in Wimbledon für Erstaunen
Auf dem einsamen Außencourt 19 des All England Club herrschte am späten Dienstagnachmittag wenigstens für einige Momente verheißungsvolle Ungewissheit. Angelockt vom Schriftzug «Mr. B. Becker» auf der reparaturbedürftigen Anzeigetafel, hatten sich einige Dutzend unverdrossene Schaulustige erwartungsfroh versammelt («Is BORIS coming?»), um womöglich Zeugen einer Sensation, einer schieren Unglaublichkeit zu werden - der Rückkehr des dreimaligen Wimbledon-Champions Boris Becker auf den Heiligen Rasen in SW19.
Der Mann mit den berühmten Initialen B. B., erst seit einigen Monaten so richtig im professionellen Tenniseinsatz, ist krasse Missverständnissse gewöhnt. Und der mit Boris Becker weder verwandte noch verschwägerte Spieler-Typ ist ebenso erprobt darin, die notorischen Verwechslungen und Fehldeutungen mit einem gelassenen Lächeln wegzustecken: «Wer mit diesem Namen nach Wimbledon kommt, ist auf alles gefaßt», sagte der tüchtige Namensvetter des dreimaligen Turnierchampions, der am späten Mittwochabend schon zu seiner zweiten Bewährungsprobe auf das Grand-Slam-Grün muss, dieses Mal gegen den Spanier Fernando Verdasco.
Zuschauen konnte Altmeister Becker dem Grand-Slam-Neuling dabei nicht, der sonst in Wimbledon omnipräsente Tennisdeuter ist gerade daheim als Reporter im WM-Land unterwegs und meldet sich in der britischen Öffentlichkeit nur mit strammen Kolumnen in der «Times» zu Wort, in denen er bekundet, wie unverkrampft und entspannt sich gerade Deutschland vor aller Welt präsentiert – das Land, «in dem ich aus bestimmten Gründen nicht mehr lebe.»
Im Teenageralter hätte sich Becker ohnehin noch nicht reif für einen Karriereweg wie den des Tennis-Kanzlers aus Leimen gefühlt: «Das hätte ich nie gepackt. Da wäre ich voll gescheitert», meint der Mettlacher. Becker, der Ältere, bleibt für ihn auch wegen der frühen Bedingungslosigkeit, sich auf eine riskante Profikarriere einzulassen, ein unerreichbares Idol: «Er hat in einer anderen Liga, in einer anderen Dimension gespielt.» Bisher kennt er den anderen Becker auch nur aus dem Fernsehen, aus den Übertragungen der Matches von Melbourne, New York oder Wimbledon im letzten Jahrzehnt: «Für ihn ist man wirklich noch nachts aufgestanden.»
Der Saarland-Becker geht gerade die Ochsentour im Profitennis. Er spielt bei Satellite-, Future- und Challengerturnieren, wo die Zweite und Dritte Liga des Welttennis erbittert um den Aufstieg ins lukrative Tourgeschäft kämpft. Von Bedingungen wie in Wimbledon kann Becker bei dieser Tingeltour durch die Provinz nur träumen, an Schauplätzen, wo er froh sein kann, wenn er ein Bett über dem Kopf hat und ein warmes Mittagessen bekommt.
Langsam, aber sicher will Benjamin Becker nach oben marschieren, nach der ersten Qualifikation für ein ATP-Turnier gelang ihm nun sogar schon der Vormarsch ins Wimbledon-Hauptfeld. «Ich bin über Soll», sagt Becker. Aber bevor er wirklich ins Haben kommt, muss er seinem Namensvetter wenigstens noch ein bisschen näherrücken mit seinen Tenniserfolgen. Dem Mann, den er «doch ganz gerne mal» kennenlernen würde: «Das wäre einfach wunderbar.»
