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Lupe B. Becker sorgt in Wimbledon für Erstaunen

Er hat nichts mit seinem berühmten Namensvetter zu tun. Trotzdem muss Tennisprofi Benjamin Becker aus Mettlach sich in Wimbledon ständig mit Boris Becker vergleichen lassen.

Von Jörg Allmeroth, Wimbledon

Auf dem einsamen Außencourt 19 des All England Club herrschte am späten Dienstagnachmittag wenigstens für einige Momente verheißungsvolle Ungewissheit. Angelockt vom Schriftzug «Mr. B. Becker» auf der reparaturbedürftigen Anzeigetafel, hatten sich einige Dutzend unverdrossene Schaulustige erwartungsfroh versammelt («Is BORIS coming?»), um womöglich Zeugen einer Sensation, einer schieren Unglaublichkeit zu werden - der Rückkehr des dreimaligen Wimbledon-Champions Boris Becker auf den Heiligen Rasen in SW19.

Enttäuschte Besucher
Doch als dann wenig später ein kleiner, unscheinbarer und zu alledem noch schwarzhaariger Mittzwanziger mit umgedrehter Baseballkappe auf dem Kopf den schmucklosen Spielplatz an der Grand-Slam-Peripherie enterte, jener «Mr. B. Becker» aus Deutschland, da war für viele enttäuschte Besucher der ganze Zauber auch schon wieder vorbei. «Die sind noch vor dem ersten Ballwechsel gegangen. Die hatten einen anderen erwartet», bemerkte Benjamin Becker, 25, aus dem saarländischen Mettlach, als sein Wimbledon-Debüt mit einem Vier-Satz-Sieg über den Argentinier Juan Ignacio Chela längst erfolgreich zu Ende gegangen war.

Der Mann mit den berühmten Initialen B. B., erst seit einigen Monaten so richtig im professionellen Tenniseinsatz, ist krasse Missverständnissse gewöhnt. Und der mit Boris Becker weder verwandte noch verschwägerte Spieler-Typ ist ebenso erprobt darin, die notorischen Verwechslungen und Fehldeutungen mit einem gelassenen Lächeln wegzustecken: «Wer mit diesem Namen nach Wimbledon kommt, ist auf alles gefaßt», sagte der tüchtige Namensvetter des dreimaligen Turnierchampions, der am späten Mittwochabend schon zu seiner zweiten Bewährungsprobe auf das Grand-Slam-Grün muss, dieses Mal gegen den Spanier Fernando Verdasco.

Zuschauen konnte Altmeister Becker dem Grand-Slam-Neuling dabei nicht, der sonst in Wimbledon omnipräsente Tennisdeuter ist gerade daheim als Reporter im WM-Land unterwegs und meldet sich in der britischen Öffentlichkeit nur mit strammen Kolumnen in der «Times» zu Wort, in denen er bekundet, wie unverkrampft und entspannt sich gerade Deutschland vor aller Welt präsentiert – das Land, «in dem ich aus bestimmten Gründen nicht mehr lebe.»

Aus Texas in die Heimat
Dafür ist Benjamin Becker wieder in die Heimat zurückgekehrt. Fünf Jahre lang hatte er in Waco/Texas mit einem Tennisstipendium internationale Wirtschaft und Finanzwesen studiert und erfolgreich für die dortige Collegemannschaft gespielt – ganz ähnlich wie auch der Frankfurter Davis-Cup-Akteur Alexander Waske zuvor. «Für mich war das der ideale Weg, um doch noch etwas im Tennis zu erreichen», sagt Becker, der über die Nachwuchskader des Saarländischen Tennisverbandes nie herausgekommen war.

Im Teenageralter hätte sich Becker ohnehin noch nicht reif für einen Karriereweg wie den des Tennis-Kanzlers aus Leimen gefühlt: «Das hätte ich nie gepackt. Da wäre ich voll gescheitert», meint der Mettlacher. Becker, der Ältere, bleibt für ihn auch wegen der frühen Bedingungslosigkeit, sich auf eine riskante Profikarriere einzulassen, ein unerreichbares Idol: «Er hat in einer anderen Liga, in einer anderen Dimension gespielt.» Bisher kennt er den anderen Becker auch nur aus dem Fernsehen, aus den Übertragungen der Matches von Melbourne, New York oder Wimbledon im letzten Jahrzehnt: «Für ihn ist man wirklich noch nachts aufgestanden.»

Der Saarland-Becker geht gerade die Ochsentour im Profitennis. Er spielt bei Satellite-, Future- und Challengerturnieren, wo die Zweite und Dritte Liga des Welttennis erbittert um den Aufstieg ins lukrative Tourgeschäft kämpft. Von Bedingungen wie in Wimbledon kann Becker bei dieser Tingeltour durch die Provinz nur träumen, an Schauplätzen, wo er froh sein kann, wenn er ein Bett über dem Kopf hat und ein warmes Mittagessen bekommt.

Langsam, aber sicher will Benjamin Becker nach oben marschieren, nach der ersten Qualifikation für ein ATP-Turnier gelang ihm nun sogar schon der Vormarsch ins Wimbledon-Hauptfeld. «Ich bin über Soll», sagt Becker. Aber bevor er wirklich ins Haben kommt, muss er seinem Namensvetter wenigstens noch ein bisschen näherrücken mit seinen Tenniserfolgen. Dem Mann, den er «doch ganz gerne mal» kennenlernen würde: «Das wäre einfach wunderbar.»