16.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Schruff gelingt Überraschung in Melbourne
Tennisprofi Jelena Dementjewa zählte bei den Australian Open zu den Titelfavoritinnen. Julia Schruff aus Augsburg machte der Russin aber einen Strich durch die Rechnung.
Von Jörg AllmerothDas anfängliche Lampenfieber war genau so schnell verflogen wie der Respekt vor der großen Gegnerin. Und als schließlich nach anderthalb Grand Slam-Stunden auf Platz zwei des National Tennis Centers abgerechnet war zwischen Julia Schruff und der Weltranglisten-Neunten Jelena Dementiewa, da hatte keine andere als die junge Augsburgerin den stärksten Überraschungscoup des ersten Australian Open-Tages gelandet:
«Das ist ein supergutes Gefühl, ein Kick für die ganze Saison», sagte die 23-jährige Blondine nach dem hochverdienten 7:5, 6:2-Sieg über die French- und US-Open-Finalistin des Jahres 2004. Der sensationelle Erfolg von Schruff zum Turnierstart fügte sich ins Bild einer zarten Aufwärtsbewegung im deutschen Damentennis.
Ritter konstatiert «Bewegung in der Szene»«Es kommt Bewegung in die Szene», sagte Bundestrainerin Barbara Rittner, die mit Wohlgefallen sieht, wie der dynamische Vormarsch von Anna-Lena Grönefeld auch die anderen DTB-Spielerinnen zu einem neuen Aufbruch inspiriert. «Mehr Konkurrenzdenken» sei auf einmal da, sagte Gewinnerin Schruff, «jede definiert plötzlich neue, anspruchsvollere Ziele.» In Melbourne gönnte sich die ehrgeizige Fighterin zur Feier des Tages erst mal ein feines Abendessen mit Mutter Ingrid, die oft als Begleiterin der Tochter mit zu den internationalen Tourschauplätzen reist.
Tennis hat im Hause Schruff sowieso Tradition – und ist Familienangelegenheit: Vater Gerhard betreibt im heimischen Augsburg eine Tennisschule und ist auch Trainer der Tochter. Die Melbourne-Matches verfolgt der beruflich zuhause beanspruchte Papa allerdings nur am Fernsehen. «Das Spiel heute hat er wohl verschlafen. Ich habe ihm eine SMS geschickt, aber nicht gleich eine Antwort erhalten», sagte Siegerin Schruff, die für 2006 einen Platz unter den besten 50 anpeilt. Zu Recht, wie Bundestrainerin Rittner befindet: «Sie hat das unbedingt drauf. In letzter Zeit hat Julia viel Selbstbewußtsein getankt und wirkt ausgeglichener und beherrschter auf dem Platz.»
Müller meldet sich zurückWährend DTB-Leitfigur Grönefeld erst am Dienstag als haushohe Favoritin gegen die Spanierin Laura Tio Pous ins Australian Open-Rennen ging, tauchte in Melbourne ganz nebenbei auch noch die ehemalige Hoffnungsträgerin Martina Müller aus der Versenkung auf: Die einst als potenzielle Graf- und Huber-Nachfolgerin gehandelte Hannoveranerin siegte mit 1:6, 6:2 und 6:3 gegen die Slowakin Jarmila Gajdosowa und folgte damit Schruff in Runde zwei.
Während Müller als krasse Außenseiterin nun auf die russische Mitfavoritin Nadia Petrowa trifft, könnte Schruffs Grand Slam-Abenteuer noch ein paar Tage und Runden munter weitergehen – gegen die Russin Jelena Wesnina sollte die Fed Cup-Spielerin jedenfalls am Mittwoch ihr bisher schon erkämpftes Preisgeld von knapp 18.000 Euro noch einmal aufstocken können. In erstaunlicher Gesellschaft mit den erwarteten Verliererinnen Sandra Klösel (2:6, 1:6 gegen Maria Scharapowa) und Kathrin Woerle (7:5, 2:6, 0:6 gegen Laura Granville) befand sich die einstige Weltranglisten-Erste Venus Williams, die in Runde eins mit 6:2, 0:6 und 7:9 an der 18-jährigen bulgarischen Teenagerin Zwetana Pironkowa scheiterte. Für die Amerikanerin war es die erste Auftaktniederlage bei einem der vier Majors seit den French Open 2001.
Qualifikant Gremelmayr will mehrAuch von ganzen Hundertschaften grölender Schweden-Fans ließ sich der tüchtige Qualifikant Denis Gremelmayr nicht bei seiner Erstrunden-Mission auf dem abgelegenen Platz 21 erschüttern: Mit bestechender Spielübersicht und variablem Schlagrepertoire besiegte der Lampertheimer den Doppelspezialisten und durfte nach dem 3:6, 6:2, 6:0, 6:1-Sieg auch von einer Überraschung gegen den US-Freak Robby Ginepri in Runde zwei träumen. Zu beklagen hatte der in der Vergangenheit oft verletzte Gremelmayr nur Kommunikationsschwierigkeiten mit Daviscup-Chef Kühnen: «Der Kontakt zu ihm ist nicht optimal. Er kümmert sich halt vornehmlich um die Davis Cup-Spieler.»
Kohlschreiber nun gegen LjubicicNeben Gremelmayr und Schüttler-Bezwinger Lars Burgsmüller kam auch der letztjährige Melbourne-Achtelfinalist Philipp Kohlschreiber weiter: Der in München lebende Profi gewann zum Auftakt 7:5, 6:2 und 6:4 gegen den Tschechen Lukas Dlouhy. Nächster Gegner für Kohlschreiber ist Kroatiens Davis Cup-Held Ivan Ljubicic.