Haas: Wollen zurück in Champions League
Er gilt als größter Hoffnungsträger für einen Erfolg beim Davis Cup-Match am kommenden Wochenende im südafrikanischen Johannesburg. Dort soll dann auch der erste Schritt für die Rückkehr in die Weltgruppe erfolgen, sagte Haas der Netzeitung.
Thomas Haas: Die Frage habe ich mir auch oft nach dem Wochenende in Bratislava gestellt. Doch man muss sagen: Der Gegner war besser, hatte in Hrbaty den besten Mann dieses Matches, ohne Wenn und Aber. Und wir hatten schon alles Pech dieser Welt im Vorfeld, als sich Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer verletzt abmelden mussten.
Netzeitung: Fakt ist: Ein weiteres Davis Cup-Jahr ist für die ältere deutsche Tennis-Generation frustrierend vorbeigezogen in der daheim spöttisch belächelten Europa/Afrika-Zone?
Haas: Mich schmerzt das genau so wie die Leute, die große deutsche Davis Cup-Erfolge im Hinterkopf haben. Das tut immer noch sehr weh. Wir alle wollen unbedingt noch mal ganz große Triumphe mit dem Team feiern, und dann sind Matches wie in Bratislava schon ein herber Rückschlag. Für mich waren das die traurigsten Momente der ganzen Saison diese noch verspielte 2:1-Führung in den letzten Stunden des Sonntags in der Slowakei.
Haas: Das interessiert an diesem Wochenende niemanden mehr. Wir müssen uns an diesen drei Tagen zerreißen, hundertprozentigen Einsatz zeigen und den ersten Schritt zur Rückkehr in die Champions League schaffen. Jeder weiß, was auf dem Spiel steht. Jeder will nicht noch ein weiteres Jahr in der Zweiten Liga vergeuden. Da muss man buchstäblich die Schmerzgrenze überwinden.
Netzeitung: Was würde ein neuerlicher Davis Cup-Rückschlag für das deutsche Tennis bedeuten?
Haas: Der Davis Cup hat nun mal eine immense Bedeutung für die Tennisfans in Deutschland. Mit Erfolgen hebt und mit Niederlagen senkt sich die ganze Stimmung für diesen Sport. Und die Identifikation mit den einzelnen Spielern hängt auch ganz entscheidend vom Davis Cup-Abschneiden ab. Deshalb war ja der Frust auch so tief, als wir in der Slowakei gescheitert sind. Da ist einiges von der schönen Aufbauarbeit kaputt gegangen.
Haas: Wir haben doch Alternativen. Es gibt doch auch die Konstellation Schüttler und Kiefer, die im letzten Jahr so stark bei den Olympischen Spielen aufgetrumpft hat. Also: Wer mit wem am Wochenende auf den Platz geht, ist ja noch nicht ausgemacht. Es ist letztlich auch egal: Wichtig ist, dass sich die beiden Spieler voll reinhauen und den Punkt machen. Das zählt, sonst nichts.
Netzeitung: Waske hat sich bei den Australian Open darüber beklagt, dass er zu wenige Chancen erhalte, mit anderen deutschen Spielern zusammen anzutreten.
Haas: Da lassen sich die verschiedenen Interessen natürlich auch nur schwer unter einen Hut bringen. Bei den großen Turnieren möchten nicht alle auch noch einen weiteren Wettbewerb neben dem Einzel spielen, während das für Alex natürlich Chancen sind, sich auf großer Bühne im Doppel zu profilieren. Ich bin sicher, dass bei allen grundsätzlich der Wille besteht, so oft wie möglich deutsche Doppel-Kombinationen zu bilden.
Haas: Die Australian Open waren unbefriedigend für mich. Mit der Verletzung, die ich mir vorher beim Hopman Cup zugezogen habe, ging meine Pechsträhne leider auch weiter. Ich hatte eigentlich das Gefühl, in Melbourne vorn mitspielen zu können.
Trotzdem: Das letzte Jahr hat mir viel Selbstvertrauen und Mut gegeben. Ich habe mich praktisch aus dem Nichts in die Weltspitze zurückgekämpft. Nun gehe ich die nächsten Monate mit Zuversicht an. Ich will die Distanz zu Leuten wie Safin, Federer und Hewitt Schritt für Schritt verringern. Denn an denen, an den Branchenführern, muss ich mich ja messen. Sie erlauben mir eine Standortbestimmung, wo ich selbst stehe.
Netzeitung: Zum Ende des Jahres 2004 haben Sie auch gesagt, sie hingen nicht mehr «verrückten Träumen» nach.
Haas: Ich bin froh und dankbar für jeden Sieg. Denn nach 16 Monaten mit Verletzungen und Frust und immer neuen Rückschlägen wird man natürlich auch etwas demütiger. Man weiß, wie hart jeder neue Erfolg erarbeitet ist.
Netzeitung: Gehen Sie heute mit einer veränderten Einstellung in ein neues Tennisjahr womöglich entschlossener und zielbewusster? Schließlich läuft Ihnen allmählich die Zeit davon.
Haas: Ich will und muss meine Chancen noch zupackender nutzen. Das habe ich mir schon in den Monaten geschworen, in denen ich zuhause untätig mit der Schulterverletzung herumsitzen musste. Früher habe ich oft gedacht: Na gut, was dir jetzt nicht gelingt, schaffst du beim nächsten Mal. Aber so sorglos kann ich nicht mehr denken.
Das Interview mit Thomas Haas führte Jörg Allmeroth

