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Lupe Kiefer: Schock des Amoklaufs überwunden

Nicolas Kiefer wähnt sich endlich über den Berg. Nicht nur rein sportlich, sondern vor allem auch psychisch hofft der Tennisprofi nun auf bessere Zeiten.

Von Jörg Allmeroth, Dubai
Manchmal hat Nicolas Kiefer die Bilder wieder vor Augen. Die Bilder, wie ein Amokläufer in die Lobby des Luxushotels «Sofitel» in Melbourne stürmt. Die Bilder, wie der «voll durchgeknallte Typ» (Kiefer) wild mit der Pistole herumfuchtelt und mit funkelnden Augen zu ihm herüberstarrt, auf der Suche nach einer möglichen Geisel. Und schliesslich die Bilder, wie der von der Polizei gejagte Verbrecher wieder flüchtet und nicht nur ihn, den deutschen Tennisstar, als geschockten und zitternden Zuschauer eines kleinen Dramas zurückläßt, «das wie aus einem schlechten Film» zu stammen schien: «Ein paar Augenblicke habe ich gedacht: Jetzt ist alles vorüber, jetzt hat dein letztes Stündlein geschlagen«, erinnert sich Kiefer.
Traumatisches Erlebnis
Erst heute, einen Monat nach dem realen Kriminal-Stück «down under», ist Kiefer langsam dabei, den traumatischen Zwischenfall verarbeiten und sich wieder ganz auf seine schweren Tennisaufgaben konzentrieren zu können: «Ich bin über den Berg. Das Schlimmste habe ich hinter mir», sagte der deutsche Profi, als er in Dubai gerade einen seiner strahlendsten Karrieresiege gefeiert hatte, einen nie für möglich gehaltenen 7:6 (7:2), 6:4-Erstrundensieg über den frischgebackenen Australian Open-Champion Marat Safin, «egal, was hier jetzt noch passiert: Diesen Erfolg kann mir keiner mehr nehmen.» Schon gegen den Koreaner Hyung-Taik Lee will Kiefer am Mittwochabend den Rückenwind des Safin-Sturzes nutzen und in der pulsierenden Metropole am Persischen Golf weiter für Furore sorgen.
Kiefer: Bin wieder da
Rund ein halbes Jahr nach seinem fatalen Verletzungs-Missgeschick bei den US Open, nach der komplizierten Handgelenks-Verletzung und einer wochenlangen Zwangspause, wertete Kiefer den selbstbewußt herausgespielten Triumph gegen den launischen Moskowiter auch als «wichtigsten Moment in meinem sportlichen Comeback» und als «wirkungsvolles Signal» an die lieben Rivalen im Wanderzirkus: «Jetzt sind einige wach geworden. Die merken, dass ich wieder da bin. Die wissen, dass es schwer ist, mich zu schlagen», sagte der Niedersachse nach dem schon länger ersehnten und erhofften «Knalleffekt» gegen einen der Superstars der Branche.
Erfolgserlebnis zur richtigen Zeit
Der Zwei-Satz-Sieg, bei dem der 27-jährige Hannoveraner wie in besten Zeiten seine glänzende Technik und taktische Übersicht ausspielte, kam genau zur rechten Zeit, um neue Zuversicht auch für den Davis Cup-Kampf am ersten März-Wochenende in Südafrika zu tanken und persönliche wie sportliche Schicksalsschläge der letzten Monate hinter sich zu lassen – die Depression nach dem gescheiterten Anlauf zu Olympia-Gold, das Verletzungs-Malheur von New York, die Trennung von seiner langjährigen Freundin Inga über die Weihnachtstage und schliesslich die schockierende, unfreiwillige Verwicklung in die Schießerei von Melbourne.

«Das ist wie ein Befreiungsschlag für mich», befand Kiefer, der in den vergangenen Wochen «viele lange persönliche Gespräche mit den besten Freunden» geführt hatte, um speziell die aufwühlenden Geschehnisse in Australien zu verarbeiten: «Allein wird man mit so etwas nicht fertig.»Auch im Mannschaftskreis der befreundeten Bundesliga-Fußballer von Hannover 96 hatte der Tennisprofi zuletzt Unterstützung in der Not gefunden, die Spieler hätten ihn «wieder aufgerichtet und Mut gemacht», sagte Kiefer.

Namhafte Vorbilder
Nie habe er sich in den letzten Wochen hängen lassen und den Glauben verloren, «dass ich wieder nach vorne kommen und in der Weltspitze mitmischen kann», so Kiefer. Inspiration für seinen neuen Anlauf, in die Elitegruppe der Top Ten vorzustürmen, hat der Deutsche dabei auch aus ganz besonderer Reiselektüre bezogen, aus den Büchern von Tour de France-Seriensieger Lance Armstrong und Ski-Olympiasieger Hermann Maier: «Es ist unglaublich, was mit Willenskraft erreichen kann», sagte Kiefer, «das, was diese beiden auszeichnet, ist auch für mich der Schlüssel zum Erfolg: Geduld, Mut und Aggressivität.»