netzeitung.deFlorian Mayer lebt 1000 Prozent Tennis

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Lupe Florian Mayer lebt 1000 Prozent Tennis

Florian Mayer ist der Tennis-Newcomer 2004. Vor einem Jahr begann bei den Australian Open sein Weg in die Weltspitze. Der Netzeitung verriet der 21-Jährige das Geheimnis seines Erfolges.

Florian Mayer (21) verbesserte sich in seinem ersten wirklichen Profijahr um mehr als 200 Plätze in der Weltrangliste und sprang vorübergehend auf Rang 33 der Bestenliste. Der Überraschungsmann aus Bayreuth, der bei den Australian Open 2004 erstmals ins öffentliche Bewusstsein rückte, schaffte u.a. in Wimbledon den Einzug ins Viertelfinale und feierte seine Premiere im deutschen Davis Cup-Team.

«Meine letzte Saison war wie ein kleinens Märchen», sagte Mayer der Netzeitung. In dieser Zeit hat der Youngster seine Scheu als Neueinsteiger in der Branche abgelegt und viel Selbstvertrauen getankt. Der Erfolg des Senkrechtstarters kommt aber nicht von ungefähr. «Ohne harte Arbeit läuft nichts. Man muss sich quälen und schinden können», sagt der Bayreuther. Diese Einsatzbereitschaft würden nicht alle jungen Spieler mitbringen. «Es gibt eine Neigung, die jungen deutschen Talente zu sehr zu verwöhnen», kritisiert der 21-Jährige die Zustände bei den Tennis-Junioren.

Netzeitung: Vor zwölf Monaten kannte beinahe niemand Florian Mayer, inzwischen gelten Sie nach einem steilen Sprung in die Weltspitze als größte Zukunftshoffnung des deutschen Tennis. Haben Sie sich selbst im Jahr 2004 überrascht?

Florian Mayer: Es gibt keinen Garantieschein, ganz oben mitzuspielen. Deshalb bin ich stolz, was ich da auf die Beine gestellt habe. Ich wollte wirklich nur unter die Top 100 kommen. Dass ich dann bis an die Top 30 herangerutscht bin, war wie ein kleines Märchen. Dafür braucht man aber auch eine Menge Disziplin und Ehrgeiz.

Netzeitung: Was haben Sie in der letzten Saison über sich selbst gelernt?

Mayer: Dass ich mich vor niemandem im Tourgeschäft verstecken muss. Ich habe Zug um Zug die Beklemmungen gegen die großen Spieler abgelegt, diese Nervosität, die man als Neueinsteiger in der Branche eben hat. Ganz ehrlich: Ich hatte mir diesen Konkurrenzkampf im ATP-Zirkus sogar noch härter vorgestellt.

Selbstvertrauen mit Erfolgen gewachsen
Netzeitung: Vor einem Jahr in Melbourne, dem Beginn ihres Karrieresprungs, wirkten Sie in Pressekonferenzen noch verschüchtert und einsilbig. Von dieser Befangenheit ist nichts mehr zu spüren.

Mayer: Auf der Tour lernt man alles wie in einem gigantischen Beschleunigungsprogramm. Mit den Erfolgen ist auch mein Selbstvertrauen gewachsen – und die Scheu, mich öffentlich darzustellen. Ohen die Hilfe meines Trainers Ulf Fischer wäre das sicher nicht so leicht gewesen: Er kennt alle Tricks und Schliche der Branche aus dem Eff-Eff und hat mich super unterstützt.

Netzeitung: Das zweite Jahr im Profitennis gilt gemeinhin als das schwierigste. Auch Sie müssen als bekannte Größe nun alle Errungenschaften gegen ehrgeizige Konkurrenz verteidigen – nicht zuletzt auch bei den Australian Open.

Mayer: Das ist mir schon bewusst, dass dies eine schwere Herausforderung wird. Aber wenn ich davor Angst hätte, könnte ich gleich meine Koffer einpacken und brauchte bei Turnieren wie in Melbourne gar nicht mitspielen. Ich habe das Potenzial, um weiter vorne mitzumischen. Und das will und werde ich auch beweisen.

«Bitterste Stunde meiner Karriere»
Netzeitung: Wie haben Sie Ihre Davis-Cup-Niederlagen von Bratislava verkraftet?

Mayer: Es waren die bittersten Stunden meiner ganzen Karriere. Stunden, in denen die Welt für mich einzustürzen drohte. Aber es war natürlich auch eine wichtige Erfahrung, von der ich im nachhinein profitiert habe. Beim nächsten Match unter solch enormem Druck werde ich besser gerüstet sein.

Netzeitung: Viele Experten beklagen seit Jahren, dass sich junge deutsche Spieler nicht bei den Profis durchsetzen können. Warum ist ausgerechnet Ihnen dieses Kunststück gelungen?

Mayer: Ich lebe Tennis eher 1000 als 100 prozentig. Wer sich in dieser Branche behaupten will, darf keine Kompromisse eingehen, darf sich nicht verzetteln. Man muß sich voll und ganz aufs Tennis konzentrieren und Opfer bringen. Man muß sich quälen und schinden können. Und man darf nicht mit der Haltung reingehen: Ich hab´ja genügend Talent, der Rest ergibt sich schon. Ohne harte Arbeit läuft nichts.

Früherer Einstieg wäre besser gewesen
Netzeitung: Boris Becker hat wiederholt über eine zu schwach ausgeprägte Risikobereitschaft geklagt und einen früheren Profieinstieg der deutschen Talente gefordert.

Mayer: Wir haben die Tendenz, zu lange bei den Junioren zu spielen. Ich weiß heute auch, dass es besser gewesen wäre, den Einstieg in den Wanderzirkus der Herren sogar noch ein, zwei Jahre früher zu unternehmen. Ich denke, dann hätte ich mich noch schneller im Profigeschäft akklimatisieren können. Es gab da schon Anlaufschwierigkeiten, die nicht hätten sein müssen.

Netzeitung: Müssen die deutschen Junioren sich nicht untereinander viel häufiger Konkurrenz machen – in einem zentralen Fördercamp?

Mayer: Richtig ist in jedem Fall: Die Konkurrenz national ist nicht ausreichend genug vorhanden. Auch in unserem Jahrgang gab es zu wenige Spieler, die international eine Perspektive hatten. Das schafft natürlich ein trügerisches Gefühl: Man geht als Deutscher Jugendmeister mit der Erwartung nach draußen, schon ein Star zu sein. Aber dann ist die Ernüchterung groß, wenn man feststellt, wo man wirklich steht. Es gab ja schon früher Spieler wie Daniel Elsner, die so ein bitteres Erlebnis hatten.

«Eigeninitiative früh fördern»
Netzeitung: Da stellt sich die Frage: Werden die jungen Deutschen zu sehr verwöhnt?

Mayer: Das kann man nicht verallgemeinern. Aber es gibt eine Neigung dazu. In den ersten Monaten und Jahren im Profigeschäft habe ich längst nicht so angenehme Bedingungen gehabt wie als Junior, da war alles schon sehr spartanisch. Es ist auch wichtig, schon ganz früh die Eigeninitiative der jungen Spieler zu fördern. Sonst kommen die später gar nicht mehr zurecht, wenn sie ihre Karriere erst mal in die eigene Hand nehmen sollen: Verträge, Hotels, Flüge, Turnierplanung.

Netzeitung: Im Moment strebt allerdings eine durchaus vielversprechende Gruppe von Nachwuchsspielern nach oben.

Mayer: Es ist eben genau die optimale Konstellation, die man braucht. Mehrere fast gleichaltrige Spieler, die sich gegenseitig nach oben treiben. Mit Spielern wie Philipp Kohlschreiber oder Dieter Kindlmann verstehe ich mich sehr gut – trotz aller Konkurrenz.

Netzeitung: Was haben Sie sich für das Spieljahr 2005 vorgenommen?

Mayer: Ich will meine Position in der Weltspitze bestätigen und einen Titel auf der Tour holen. Mehr wäre schön, aber ich will ja keine verrückten Ansprüche formulieren.

Das Interview mit Florian Mayer führte Jörg Allmeroth