netzeitung.deKiefer: Eine Sekunde kann so viel zerstören

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Bitteres Aus: Nicolas Kiefer. (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Bitteres Aus: Nicolas Kiefer.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das verletzungsbedingte Aus von Nicolas Kiefer bei den US Open stoppte nicht nur jäh seinen Aufwärtstrend. Der Hannoveraner wird auch nicht im Davis Cup in zwei Wochen antreten können.

Er brauchte nur Bruchteile von Sekunden für die Erkenntnis: «Ich wusste sofort, dass da etwas ganz Schlimmes passiert ist», sagte Nicolas Kiefer, als er am Montagabend noch einmal mit stockender Stimme seinen bitterbösen Zwangsabschied von den US Open rekapitulierte. Als er jenen verhängnisvollen Moment des Sehnenanrisses im rechten Handgelenk beschrieb, der ihn im Arthur Ashe-Stadion nach 221 dramatischen Tennisminuten im Achtelfinale gegen den Engländer Tim Henman nicht nur aller Hoffnungen auf eine weitere Grand Slam-Kampagne beraubte, sondern auch seinen Davis Cup-Einsatz in gut zwei Wochen im slowakischen Bratislava zunichte machte.

«Eine einzige Sekunde», befand der konsternierte Kiefer ungewollt philosophisch, «kann so viel zerstören.» Und tatsächlich: Die hartnäckige Aufbauarbeit der letzten Monate, der kontinuierliche Vormarsch bis in die engere Weltspitze, die berechtigte Hoffnung auf ganz große Titel und einen erneuten Durchbruch in die Top Ten – das alles schien um genau 15.47 Uhr New Yorker Zeit am achten Turniertag durch eine Laune des Zufalls wieder Makulatur zu sein.

Der zweite Dämpfer
Auf der Höhe seiner Tour-Renaissance - das beste Grand Slam-Abschneiden seit Jahren vor Augen - kam kurz nach dem tränenreich verlorenen Olympia-Doppelfinale der zweite herbe Schicksalsschlag für Kiefer, der nicht umhin kam sich zu fragen: «Womit ich das denn verdient?». «Gerade habe ich mich noch wahnsinnig gefreut, dass ich wieder gesund und ehrgeizig Tennis spielen kann. Und jetzt diese Geschichte.» Behalten die Ärzte in New York Recht, wird der Hannoveraner mindestens drei bis sechs Wochen kein Tennis spielen können.

So unwirklich mutete anfangs das folgenschwere Malheur an, dass der 27-jährige Kiefer nicht einmal mal den ganzen Frust und seine tiefe Verzweiflung zeigen konnte: «Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen. Ich habe gar keine Tränen mehr.» Noch am Abend seines plötzlich letzten US Open-Auftritts flüchtete sich der vom Pech verfolgte Hannoveraner nach Deutschland, um sich dort sofort in weitere medizinische Behandlung zu begeben.

An der buchstäblich schmerzlichen Diagnose einer mindestens drei- bis sechswöchigen Totalpause vom Spiel- und Trainingsbetrieb war allerdings auch daheim nichts mehr zu ändern – für den im ATP-Jahr 2004 besten Deutschen zeichnete sich ein vorzeitiges Ende der Saison und ein neues, ungewisses Comeback-Abenteuer hin zum Start des nächsten Tennisjahres an.

Davis Cup für Kiefer passé
«Das ist eine brutale Enttäuschung. Ein Hammer, den man erst einmal verdauen muss», sagte Kiefer, der sich auf keinen Fall mehr beim spannungsgeladenen Davis Cup-Länderkampf vom 24. bis 26. September profilieren konnte, beim Projekt Wiederaufstieg in die Weltgruppe. Bizarr genug: Hätte Kiefer das beim Stande von 7:6 (7:5), 3:6, 1:6, 7:6 (7:4) und 0:3 abgebrochene Match gegen Henman noch in einer letzten verrückten Aufholjagd gewonnen, wäre es im Viertelfinale zu einer Generalprobe gegen den in New York äußerst tüchtigen slowakischen Spitzenmann Dominik Hrbaty gekommen.

Mit dem Ausfall Kiefers steht Davis Cup-Teamchef Patrik Kühnen nun vor einer heiklen Personalentscheidungen beim herannahenden «Spiel des Jahres»: Denn um den zweiten Einzelplatz neben Tommy Haas, einen Platz, den Kiefer eigentlich sicher hatte, müssen sich auf einmal der formschwache Rainer Schüttler und Newcomer Florian Mayer balgen. «Die Planungen sind natürlich absolut über den Haufen geworfen», sagte der am Sonntag heimgereiste Kühnen, der aus der Ferne nicht anders als die deutschen Fans vor Ort in New York auf das Kiefer-Aus reagierte: «Ich bin geschockt. Es tut mir unheimlich leid für Kiwi, der einen so guten Lauf hatte.»

Ob er neben Haas, Schüttler und Mayer jetzt Youngster Philipp Kohlschreiber als Nummer vier fürs Team nominieren würde oder doch einen erfahrenen Doppelspezialisten, ließ Kühnen zunächst offen – erst am kommenden Dienstag lief der Meldeschluss beim Weltverband ab, eine Frist, die der Saarländer jetzt offenbar zu eingehenden strategischen Überlegungen ausnutzen wollte.

Kiefer-Ersatz gesucht
Doch schlagkräftigen Ersatz für einen Kiefer aufzutreiben, der sich mit seinen emotional eingefärbten Auftritten nicht nur zuletzt in Athen neue Sympathien verschafft hatte, ist keine leichte Aufgabe. Beim Duell mit Henman hatte der 27-jährige noch einmal eine jene fast schon zur Gewohnheit gewordenen Tennis-Achterbahnfahrten geboten. Gegen Ende des vierten Satzes wandelte der Deutsche sogar nach diversen umstrittenen Entscheidungen des australischen Referees Wayne McKewen am Rande einer Disqualifikation.

Gerade als sich Kiefer nach einem Durchhänger bis zum 0:3 im fünften und letzten Akt des Marathonduells dann wieder berappelte, seine Konzentration zurückfand und sich selbst sagte, «dass hier noch was geht», kam das jähe Aus nach einem nicht sauber getroffenen Volley. «Die Hand schwoll sofort an», sagte Kiefer, «ich konnte kaum noch den Schläger halten.»

Der herbeigeeilte ATP-Physiotherapeut Per Basthold warnte Kiefer eindringlich davor, das Match fortzusetzen: «Dann wäre alles noch viel schlimmer gekommen.» In seinem ganzen Tennis-Elend konnte Kiefer wenigstens ein ähnliches Missgeschick seines früheren Mentors Boris Becker Mut machen. Der hatte sich 1996 in Wimbledon im Drittrundenspiel gegen den Südafrikaner Neville Godwin die Strecksehne im rechten Handgelenk angerissen und war anschließend sogar für ein knappes Vierteljahr außer Gefecht gesetzt. Am Ende der Saison aber schaffte Comebacker Becker sogar noch den Sprung zur WM nach Hannover, die Heimatstadt von Kiefer.