Kiefer: Eine Sekunde kann so viel zerstören
«Eine einzige Sekunde», befand der konsternierte Kiefer ungewollt philosophisch, «kann so viel zerstören.» Und tatsächlich: Die hartnäckige Aufbauarbeit der letzten Monate, der kontinuierliche Vormarsch bis in die engere Weltspitze, die berechtigte Hoffnung auf ganz große Titel und einen erneuten Durchbruch in die Top Ten das alles schien um genau 15.47 Uhr New Yorker Zeit am achten Turniertag durch eine Laune des Zufalls wieder Makulatur zu sein.
So unwirklich mutete anfangs das folgenschwere Malheur an, dass der 27-jährige Kiefer nicht einmal mal den ganzen Frust und seine tiefe Verzweiflung zeigen konnte: «Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen. Ich habe gar keine Tränen mehr.» Noch am Abend seines plötzlich letzten US Open-Auftritts flüchtete sich der vom Pech verfolgte Hannoveraner nach Deutschland, um sich dort sofort in weitere medizinische Behandlung zu begeben.
An der buchstäblich schmerzlichen Diagnose einer mindestens drei- bis sechswöchigen Totalpause vom Spiel- und Trainingsbetrieb war allerdings auch daheim nichts mehr zu ändern für den im ATP-Jahr 2004 besten Deutschen zeichnete sich ein vorzeitiges Ende der Saison und ein neues, ungewisses Comeback-Abenteuer hin zum Start des nächsten Tennisjahres an.
Mit dem Ausfall Kiefers steht Davis Cup-Teamchef Patrik Kühnen nun vor einer heiklen Personalentscheidungen beim herannahenden «Spiel des Jahres»: Denn um den zweiten Einzelplatz neben Tommy Haas, einen Platz, den Kiefer eigentlich sicher hatte, müssen sich auf einmal der formschwache Rainer Schüttler und Newcomer Florian Mayer balgen. «Die Planungen sind natürlich absolut über den Haufen geworfen», sagte der am Sonntag heimgereiste Kühnen, der aus der Ferne nicht anders als die deutschen Fans vor Ort in New York auf das Kiefer-Aus reagierte: «Ich bin geschockt. Es tut mir unheimlich leid für Kiwi, der einen so guten Lauf hatte.»
Ob er neben Haas, Schüttler und Mayer jetzt Youngster Philipp Kohlschreiber als Nummer vier fürs Team nominieren würde oder doch einen erfahrenen Doppelspezialisten, ließ Kühnen zunächst offen erst am kommenden Dienstag lief der Meldeschluss beim Weltverband ab, eine Frist, die der Saarländer jetzt offenbar zu eingehenden strategischen Überlegungen ausnutzen wollte.
Gerade als sich Kiefer nach einem Durchhänger bis zum 0:3 im fünften und letzten Akt des Marathonduells dann wieder berappelte, seine Konzentration zurückfand und sich selbst sagte, «dass hier noch was geht», kam das jähe Aus nach einem nicht sauber getroffenen Volley. «Die Hand schwoll sofort an», sagte Kiefer, «ich konnte kaum noch den Schläger halten.»
Der herbeigeeilte ATP-Physiotherapeut Per Basthold warnte Kiefer eindringlich davor, das Match fortzusetzen: «Dann wäre alles noch viel schlimmer gekommen.» In seinem ganzen Tennis-Elend konnte Kiefer wenigstens ein ähnliches Missgeschick seines früheren Mentors Boris Becker Mut machen. Der hatte sich 1996 in Wimbledon im Drittrundenspiel gegen den Südafrikaner Neville Godwin die Strecksehne im rechten Handgelenk angerissen und war anschließend sogar für ein knappes Vierteljahr außer Gefecht gesetzt. Am Ende der Saison aber schaffte Comebacker Becker sogar noch den Sprung zur WM nach Hannover, die Heimatstadt von Kiefer.

