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Lupe Schüttler: Bitterster Tag meiner Karriere

Rainer Schüttler hat das Erstrunden-Aus bei den Australian Open schwer zugesetzt. Wenige Stunden nach seiner Niederlage dachte der Nordhesse sogar über ein Karriereende nach.

Von Jörg Allmeroth, Melbourne
Am Tresen des Presserestaurants bekam Rainer Schüttler endgültig die Vergänglichkeit des Ruhms zu spüren. Als der geschlagene deutsche Star mit einer Servicedame etwas mühselig um den Belag seines Sandwichs verhandelte, wollte die junge Bedienerin plötzlich gerne wissen, «aus welchem Land Ihr lustiger Akzent stammt.» Er komme aus Deutschland und könne «halt nichts für den Slang», scherzte Schüttler und setzte gleich noch eine Prise augenzwinkernde Selbstironie drauf: «In grauer Vorzeit war ich mal ein guter Tennisspieler und stand im Finale der Australian Open.» Schüttlers Motto: Wer den Schaden hat, spottet sowieso jeder Beschreibung.
Restspuren von Galgenhumor
Doch es waren nur Restspuren von Galgenhumor, die Schüttler an diesem «wahrscheinlich bittersten Tag meiner Karriere» geblieben waren. Als der Weltranglisten-Sechste seine zwei getoasteten Sandwichs und einen Müsliriegel verdrückt hatte, bekannte er in einer abgeschiedenen Ecke der Medienlounge, wie schwer ihm der Erstrundenknockout wirklich zugesetzt hatte: «Ich bin in einer Stimmung, in der ich aufhören könnte.» Doch Schüttler war andererseits auch nicht böse um den Schmerz, der ihn übermächtig umhüllt hatte - beinahe wie eine lähmende Depression: «Es tut unwahrscheinlich weh. Aber das wird mir helfen, wichtige und schwere Entscheidungen zu treffen. Im alten Trott geht es nicht weiter. Und nicht vorwärts.» Vor allem eins werde er sich «sehr bald» abverlangen: «Mehr auf mich selbst hören, meiner inneren Stimme vertrauen.»

Schon mit dem unbegrenzten Abschied vom Profizirkus soll es losgehen. «Ich will niemanden aus dem ganzen Tourbetrieb sehen - und schon gar nicht meinen Schläger und einen Tennisplatz», schwor sich Schüttler, «was jetzt noch bei den Australian Open passiert, interessiert mich auch nicht.» Die Entscheidung zum eher längeren Urlaub sei gleich in der Kabine gefallen, «als es mir am dreckigsten ging»: «Ich wußte sofort - das ist es. Ich muß Distanz gewinnen und dadurch wieder Freude am Tennis bekommen.» Schrecklich seien die ersten Minuten nach dem Abgang vom Center Court gewesen, Minuten «der totalen Leere und der Fassungslosigkeit»: «Das wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind, da bricht alles zusammen.»

Schwierige Zukunft
Schüttler ahnte, wie herausfordernd die nächsten Monate für ihn werden können: «Es ist ein ganz wichtiger Augenblick für meine Laufbahn. Ich muss jetzt alles noch viel besser planen und überlegen.» Angst vor dem Absturz, vor dem freien Fall zurück in die Dreißiger-, Vierziger-Ränge der Tennishitliste? «Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, dass ich das Tennisspielen nicht verlernt habe», sagte Schüttler abwehrend, «nur brauche ich auch die richtige Motivation, die Lust, auf den Platz zu gehen.»

Mehr noch: Schüttler muss demnächst auch dringend die störende Haltung ablegen, unbedingt aller Welt etwas beweisen und verteidigen zu müssen nach den Siegen des Vorjahres. Es stimme schon, sagte Schüttler, «ich war einfach nicht unbefangen, nicht frei genug. Ich habe mich zu sehr unter Druck gesetzt, wollte zuviel.»

Nur ein einziger Tag blieb dem Nordhessen nach zwei wunderschönen Wochen des Jahres 2003 nun noch in Melbourne. Und der Tag sollte, wie kürzlich nach dem verlorenen Masters Cup-Halbfinale in Houston, mit einer ordentlichen Ration Bier zur verschärften Frustbekämpfung enden: «Ich werde sehr großen Durst haben.»