19.01.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Schüttler von Aus in Melbourne geschockt
Das Erstrunden-Aus bei den Australian Open hat Rainer Schüttler schwer geschockt. Wann er auf den Tennisplatz zurückkehre, wisse er noch nicht, sagte der Korbacher nach seiner Fünfsatz-Niederlage.
Die Sonne strahlte erbarmungslos hinunter vom blauen Himmel - mit Temperaturen bis 35 Grad. Doch auch das beste Rainer Schüttler-Wetter und das abergläubisch hervorgekramte rote Erfolgs-Shirt nutzten nichts an einem bitterbösen, alptraumartigen Tennistag für den stolzen Australian Open-Vorjahresfinalisten.
Schüttler ernüchtertAn einem Tag, an dem sich das frappierende Nullsummenspiel der deutschen Nummer eins in der Katastrophensaison 2004 munter auch beim ersten Grand Slam-Treffen fortsetzte: «Ich bin am Boden zerstört», sagte der vollkommen ernüchterte Schüttler nach seiner 6:4, 6:4, 5:7, 3:6, 4:6-Niederlage, nach dem ersten Karrierematch, das er nach einer beruhigenden 2:0-Satzführung noch abgegeben hatte.
Der jähe Knockout verlängerte die Bilanz der Fehlschläge für den 27-jährigen Nordhessen, der schon in Doha (gegen Michael Juschni) und in Sydney (gegen Joakim Johansson) jeweils gleich zum Auftakt ausgeschieden war. Schon vom ersten Moment an sei in diesem Jahr «alles schiefgelaufen, was nur schieflaufen konnte», sagte der Weltranglisten-Sechste, der sein Hand-Werk nur wie eine schlechte Kopie des Mannes verrichtete, der an gleicher Stätte vor zwölf Monaten als schlagkräftiger Flitzer mit dem Ehrentitel «roter Blitz» in die internationale Spitze gestürmt war. Wie Schüttler schieden auch die drei anderen am Montag angetretenen Deutschen - Lars Burgsmüller, Tomas Behrend und Angelika Bachmann - am Eröffnungstag aus.
Aggresivität wie weggeblasenFast alle Attribute, die Schüttler nicht nur bei den Australian Open 2003, sondern in der ganzen zurückliegenden Profiserie im Wanderzirkus ausgezeichnet hatten, vermissten die deutschen Fans und die Entourage des Stars in der Ehrenloge schmerzlich: Die zupackende Aggressivität, die leidenschaftliche Spielfreude, den unbedingten Glauben an sich selbst - kurzum: die Ausstrahlung eines Siegertypen.
«Ich habe zur Zeit einfach keinen Spaß auf dem Platz», gestand Schüttler später unumwunden ein, «ich bin zwar körperlich, aber nicht mental fit.» Zu spät kam Schüttler die Einsicht, dass nach 101 auszehrenden Spielen bis zum Masters Cup-Halbfinale gegen Andre Agassi Mitte November die gerade einmal zehntägige Pause zum Ausspannen «viel zu kurz» gewesen sei: «Ich hätte mindestens drei Wochen keinen Schläger anpacken dürfen.» Und wahrscheinlich auch nicht bei einem Schauturnier Mitte Dezember im österreichischen St. Anton starten dürfen, bei dem er unnötige Energien verschleuderte und im Ärger über eine harmlose Niederlage gegen den Armenier Sargsian zum ersten Mal in seinem Leben «richtig einen Schläger zertrümmerte»: «Da frage ich mich doch heute: Was, zum Teufel, habe ich da eigentlich gemacht.»
Weltmeister nur im TrainingMochte Schüttler auch seit dem Start ins neue Tourjahr wie ein Weltmeister im Training auftrumpfen, im Ernstfall auf dem Center Court wirkte er wie ein überarbeiteter Manager, der unter klassischen Burn-out-Symptomen leidet. Die meist verkniffene Miene und die quälenden Selbstgespräche illustrierten an diesem «schwarzen Montag» auch für jeden Augenzeugen in der Rod Laver-Arena die Freudlosigkeit und mangelnde Frische eines ausgepumpten Profis, der sich einfach zuviel zugemutet hat.
«Er war nicht mit vollem Herzen im Match drin. Ich habe keine Geste der Aufmunterung gesehen», erklärte Trainer Dirk Hordorff. Es werde viel Zeit brauchen, bis Schüttler die Niederlagen zum Saisonstart verdaut habe, meinte Davis Cup-Boß Patrik Kühnen: «Das ist ein ziemlicher Schock für Rainer. Aber jetzt geht auch nicht die Welt unter», so der Saarländer, «das größte Problem für ihn ist im Moment, dass er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird.»
Chance nicht genutztSelbst in den Phasen, in denen Schüttler den 19-jährigen schwedischen Haudrauf eigentlich sicher in seinem taktischen Griff hatte, wirkte er nie voll überzeugend - und von sich selbst überzeugt. «Man hat gemerkt, dass das Eis bei ihm sehr dünn war», sagte die frühere Schweizer Weltranglisten-Erste Martina Hingis, die das Match für die australische TV-Station «Channel Seven» kommentierte. Als Schüttler die verlockende Chance zum Drei-Satz-Gewinn mit einem ausgelassenen Breakball zur 6:5-Führung im dritten Durchgang ausgelassen hatte, fiel er buchstäblich in sich zusammen.
Nur noch einmal schien der Deutsche die Oberhand zurück zu gewinnen, bei einem Break zum 2:1 im vierten Satz, doch umgehend gab er sein eigenes Service ab. «Ich wollte mich wehren, aber die Luft war raus», sagte Schüttler. Das wurde noch deutlicher im trüben Schlussakt des Dramas, in dem der 27-jährige weit davon entfernt war, die Statur eines Weltklassespieler zu zeigen, der gegen einen Grünschnabel wie Söderling seine ganze Erfahrung und Souveränität ausspielt. Beim 3:3-Gleichstand, nach genau drei Stunden Matchzeit, war ruckzuck alles vorbei, in 120 Sekunden, in denen Schüttler seinen Aufschlag zum 3:4 verlor. Noch einmal zehn Minuten später verwandelte der Schwede seinen zweiten Siegpunkt zum 6:4.
IdentittätssucheKeine Frage: Nach dem Sensationsjahr 2003 mit dem Sturm auf Weltranglisten-Platz 6 hat Schüttler noch ein hartnäckiges Problem, sich in der neuen Identität des Top Ten-Spielers zurecht zu finden. Gleich nach dem Masters Cup hat er in seiner strategischen Planung so weitergemacht, als müsse er aufs Neue das ganze Feld aufrollen und einen gewaltigen Satz nach vorne machen - dabei würde in dieser Saison schon eine Verteidigung des Erreichten völlig genügen.
«Ich war absolut übermotiviert, ich wollte zuviel», sagte Schüttler ein paar Stunden nach dem Knockout in Runde eins nachdenklich. Seine nächste Aufgabe war ihm klar: «Ich muss mich neu ordnen. Ich brauche Abstand zum ganzen Zirkus.» Wie alle anderen Weltklassespieler werde er sich künftig noch «längere Pausen» gönnen, um die Strapazen durchzuhalten - manchmal sei «weniger eben einfach mehr.»
Abschied auf ungewisse ZeitSchon am Dienstag wollte sich Schüttler in einen Urlaub auf unbestimmte Zeit verabschieden. Ganz gegen seine bisherige Natur: «Ich habe mich ein bisschen wie der Hamster im Rad gedreht - spielen, trainieren, spielen, trainieren. Dabei habe ich zuletzt die Lust aufs Tennis verloren», so Schüttler, «ich werde erst wieder auf den Platz zurückkehren, wenn ich wirklich Lust auf Tennis habe. In drei Wochen oder in drei Monaten.»