Schüttler: Niederlage ist ein Schlag
06.01.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Schüttler: Niederlage ist ein Schlag
Rainer Schüttler war nach der Erstrundenniederlage in Doha ausgerechnet gegen seinen Doppelpartner Michael Juschni restlos bedient. Zumal er den Russen im Training immer weggefegt hatte.
Selbst das geliebte Sushi wollte Rainer Schüttler nicht mehr so recht schmecken bei der «Nacht der Meeresfrüchte» im Sheraton Doha Hotel: Eher verkniffen und lustlos ließ der Weltranglisten-Sechste am späten Montagabend seine Eßstäbchen über den japanischen Delikatessen kreisen und zog sich nach dem kurzen Genuss bald zurück in die Einsamkeit seiner Hotelsuite.
Zu sehr unter Druck gesetzt«Die Niederlage hat mir schon einen Schlag versetzt. Ich wollte mit aller Macht einen erfolgreichen Saisonstart», sagte der 27-jährige Nordhesse, der ausgerechnet von seinem Doppelpartner Michael Juschni unsanft mit 3:6 und 6:7 (5:7) ausgeknockt worden war. Auch die höchstpersönliche Anfeuerung durch den deutschen Botschafter Rainold Frickhinger und seinen Stellvertreter Peter Haucke verfing nicht: Traurig rollte das diplomatische Personal am Ende des ersten und einzigen Schüttler-Einzelgastspiels eine überdimensionale deutsche Fahne auf dem Center Court ein, dort, wo Schüttler 1999 sein erstes ATP-Turnier wie aus dem Nichts gewonnen hatte.
Chance nicht genutztZwar gelang dem deutschen Spitzenmann nach einem 2:5-Rückstand im zweiten Satz noch eine kühne Aufholjagd zum 5:5 - mit zwei abgewehrten Matchbällen bei 4:5 -, doch im Tiebreak ließ Schüttler bei einer 4:0-Führung gegen den körperlich angeschlagenen Russen plötzlich die verlockende Chance links liegen, das Match doch noch umzubiegen: «Da hat Rainer viel zu ängstlich und defensiv gespielt», befand Trainer Dirk Hordorff. Er habe im Angesicht des komfortablen Vorsprungs seinen Plan und seinen Rhythmus «völlig verloren», sagte Schüttler: «Es war, als ob ich mutwillig zwei Gänge zurückgeschaltet hätte.» Kurioserweise musste der Masters Cup-Halbfinalist nun an der Seite seines überraschenden Erstrunden-Bezwingers Juschni versuchen, wenigstens im Doppel noch etwas Spielpraxis zu sammeln in dem Öl- und Erdgasparadies am Persischen Golf.
Hordoff: Manche werden sich umguckenFür Schüttler war der Kinnhaken im ersten Saisonspiel umso ernüchternder, da er in den vier Trainingstagen zuvor alle Sparringspartner mit einer erstaunlichen Frühform förmlich vom Platz gefegt hatte. «Ich habe mich wunderbar gefühlt. Alle Schläge saßen mustergültig», sagte Schüttler. Selbst an seinem Aufschlag hatte der muskelbepackte, noch athletischer wirkende Schüttler so intensiv gefeilt, dass Übungsleiter Hordorff am Morgen vor dem Premierenspiel prophezeite: «Da werden sich noch manche umgucken, welche Fortschritte Rainer gemacht hat.» Allerdings war auch Hordorff nicht ganz entgangen, wie angespannt sein Schützling dem ominösen Match Nummer eins des Jahres 2004 entgegensah: «Er hat sich zu sehr unter Druck gesetzt.»
Bei allem Frust und einer Enttäuschung, «die schon verdammt tief sitzt», nahm Schüttler den klassischen Fehlstart aber auch als Herausforderung an: «Ich muss jetzt den Schalter umdrehen und mir anderswo die Siege und das Selbstbewusstsein für Melbourne holen. Ich will da oben bleiben.» Vielleicht brachte auch der Aberglaube Schüttler bald in die Erfolgsspur zurück – jedenfalls prophezeite der deutsche Top Ten-Mann, von einem arabischen Fernsehteam auf das verschwundene rote Tennis-Outfit angesprochen: «Sie werden es sehr bald wiedersehen.»
Noch ärger als Schüttler hatte es am Montagabend seinen Davis Cup-Mitstreiter Nicolas Kiefer erwischt, der gegen den Tschechen Bohdan Ulihrach sang- und klanglos mit 2:6 und 1:6 unterging: «Es war zum Verzweifeln. Ich bin überhaupt nicht ins Spiel gekommen», haderte Kiefer mit sich. Noch in der Nacht zum Dienstag musste der ratlose Kiefer um 3.45 Uhr zum nächsten Einsatzort nach Auckland in Neuseeland aufbrechen – ein Trip, den sich der Hannoveraner nur zu gerne geschenkt hätte: «Wenn ich hier ordentlich gespielt hätte, wäre ich nicht da hingeflogen.»