Schüttler: Mir ist nicht bange vor 2004
Netzeitung:
Rainer Schüttler: Ich habe 2003 diesen Riesensprung in der Weltrangliste gemacht und mich monatelang in den Top Ten behauptet. Das will und muss ich bestätigen. Ich will denen, die meine Erfolge seit den letzten Australian Open irgendwie noch immer als Zufallsprodukt bezeichnen, keine Nahrung liefern.
Netzeitung: Was macht Sie so sicher, dass sie weiter in der absoluten Weltspitze mitspielen können?
Schüttler: Warum sollte ich denn unsicher sein? Ich habe einfach das Selbstbewusstsein getankt, dass ich da oben mitspielen kann. Gerade beim Masters Cup habe ich noch einmal mit der Halbfinalteilnahme einen Schub gekriegt, das war schon so etwas wie ein Wink fürs neue Jahr.
Netzeitung Wollen Sie etwas verändern in Ihrem Spiel, in Ihrem Umfeld? Oder bleibt schlicht alles beim Alten?
Schüttler: Da gilt wirklich die Devise: Never change a winning team. Es gibt nicht den geringsten Grund, an der Aufstellung etwas zu verändern. Wenn nötig, habe ich in der Vergangenheit immer die Mannschaft um mich herum erweitert nur so kann man auch immer einen Schritt weiter nach oben gehen. Zuletzt war das auch mit Alex Stober, meinem Masseur, der Fall. Er hat manchmal ein kleines Wunder geschafft und mich fitgekriegt, wenn ich Blessuren hatte.
Netzeitung: Und sportlich: Wo ist noch Potenzial für Verbesserungen?
Schüttler: Es klingt banal: Aber besser werden kann ich jeden Tag, bei jedem Schlag. Wenn ich jetzt nur mein Niveau halten würde, wäre ich bald wieder abgerutscht aus der Spitze. Man muss sich nur Andre Agassi anschauen: Der arbeitet unermüdlich daran, sich zu steigern. Er har recht, wenn er sagt: Mit meinem Spiel von 1999 wäre ich heute Mittelmaß. Mir kommt diese Mentalität sowieso entgegen: Ich bin nun mal ein Typ, den man nicht auf den Trainingsplatz jagen muss.
Netzeitung: Gleich bei den Australian Open kommt womöglich ein entscheidender Moment auf Sie zu: Als Vorjahresfinalist haben Sie ein dickes Punktepolster zu verteidigen.
Schüttler: Deshalb fahre ich da aber nicht mit schlotternden Knieen hin. Es ist eines meiner Lieblingsturniere, und ich bin sicher, dass ich da wieder eine sehr gute Rolle spielen kann. Selbst wenn ich früh ausscheiden sollte, habe ich noch so einen komfortablen Punktevorsprung, dass ich immer noch in den Top Ten bleiben würde. Aber daran denke ich nicht: Ich bin heiß aufs Gewinnen. Und warum sollte mir in Melbourne nicht ein ganz großer Coup gelingen.
Netzeitung: Melbourne war für Sie ein Durchbruch auch in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland. Fühlen Sie sich als Tennis-Weltklassemann genügend anerkannt, oder leiden Sie mit unter der allgemeinen Imageschwäche Ihrer Sportart.
Schüttler: Auch wenn ich mich nicht danach drängele: Ich kann mich nicht über fehlende Bekanntheit oder Popularität beschweren. Wenn ich im letzten Jahr gut gespielt habe, war die Berichterstattung enorm. Beim Halbfinale in Houston gegen Agassi hatte Eurosport 1,8 Millionen Zuschauer, ein sensationeller Wert. Ein öffentlich-rechtlicher Sender wäre da locker auf ein paar Millionen mehr gekommen. Fakt ist: Tennis wird meistens völlig unnötig schlecht geredet.
Netzeitung: Aber eine Krise des Tennis in Deutschland kann man doch nicht leugnen.
Schüttler: Es gibt Probleme, meine Güte, das weiß jedes Kind. Andererseits haben wir noch immer ein riesiges Fundament, knapp zwei Millionen Mitglieder im DTB und Hunderttausende, die ohne Vereinsbindung Tennis spielen. Tennis ist ein schlafender Riese, der wieder aufgeweckt werden kann. Dabei hilft es aber nicht, den goldenen Zeiten vor zehn, fünfzehn Jahren nachzutrauern.
Netzeitung: Nichts zu deuteln ist an der Tatsache, dass die Davis Cup-Mannschaft sich in diesem Jahr aus der Zweitklassigkeit zurück in die Weltgruppe aufrappeln muss.
Schüttler: Unsere Niederlage gegen Weißrußland ist wie ein Stachel, der immer noch schmerzend im Fleisch sitzt. Das war mein schwärzester Moment im ganzen Jahr 2003, meine entscheidende Niederlage gegen Max Mirnyi. Wir werden das gemeinsam ausbügeln, da bin ich ganz sicher. Wenn wir mit Haas, Kiefer und Schüttler, dazu einem weiteren guten Doppelspieler, antreten können, muss der Wiederaufstieg gelingen.
Netzeitung: In der letzten Saison waren Sie nicht nur im Davis Cup, sondern auch im normalen Wanderzirkus der einzige Deutsche von Weltrang. Ein gelungenes Comeback von Haas und eine markante Steigerung von Kiefer müßten Ihnen eigentlich das Handwerk etwas erleichtern.
Schüttler: Ich habe nie anderen deutschen Spielern den Erfolg geneidet, in keiner Sekunde. Es ist viel schöner, wenn andere auch in der Spitze mitmischen können das tut uns allen gut. So wie Alexander Popp in Wimbledon, der da wieder einen wunderbaren Auftritt hatte. Tommy hat eine schwere Zeit hinter sich und eine schwere Zeit vor sich, aber er weiß, dass er einen langen Atem für seine Rückkehr braucht. Wann immer wir uns zuletzt gesehen haben, hatte ich den Eindruck: Er hat diesen unbedingten Willen, es noch einmal allen zu zeigen. Er hat ganz und gar nicht den Mut verloren.
Netzeitung: Und was trauen Sie Kiefer zu?
Schüttler: Er wird wieder sehr weit vorne mitspielen, da bin ich ganz sicher. Die Ansätze für einen kräftigen Aufschwung waren im letzten Jahr schon da, ganz unübersehbar. Tommy und Nicolas sind schon deshalb wichtig fürs Davis Cup-Team und für das deutsche Toptennis, weil im Moment noch kein jüngerer Spieler in Sicht ist, der uns allesamt herausfordern könnte.
Netzeitung: Und warum ist das so?
Schüttler: Ich habe schon den Eindruck, dass viele unterschätzen, was wirklich auf der Tennistour an Willensstärke und Selbstdisziplin nötig ist. Viele gute Talente, die in den letzten Jahren gescheitert sind, hatten einfach keine Vorstellung von den Strapazen und keinen Plan für ihre Karriere. Häufig kommen sie viel zu verwöhnt ins Erwachsenentennis, das muss unbedingt aufhören.
Netzeitung: Womit wären Sie glücklich und zufrieden, wenn Sie in elf Monaten in die nächste Saisonpause gehen?
Schüttler: Wenn ich weiter in den Top Ten geblieben bin, wenn ich ein ganz großes Turnier gewonnen habe, wenn ich bei den Olympischen Spielen erfolgreich war und wenn Deutschland wieder in der Champions League des Tennis mitspielt.
Das Interview mit Rainer Schüttler führte Jörg Allmeroth

