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Lupe Schüttler auf Beckers Spuren

Rainer Schüttler hat mit dem vorzeitigen Einzug in das Masters-Finale seine Popularität weiter gesteigert. Seinem Halbfinal-Gegner kündigte der Tennis-Profi eine knallharte Revanche an.

Auf dem Center Court des West Side Stadions nahm der geschlagene Andy Roddick gerade mit süßsaurem Lächeln den offiziellen «Nummer eins»-Pokal entgegen, da feierte der eigentliche «Mann der Stunde» (Boston Globe) seinen vorerst letzten WM-Coup allein in seiner kleinen Umkleidekabine - als stiller, noch leicht ungläubiger Genießer:
Welt auf den Kopf gestellt
«Ich habe den Kopf geschüttelt und mir gedacht: Irgendwie hast du die Welt wieder auf den Kopf gestellt», sagte Rainer Schüttler nach dem wegweisenden 4:6, 7:6 (7:3), 7:6 (7:4)-Triumph gegen den frisch gekürten, aber schwer entzauberten Weltranglistenersten Roddick in einem aufreibenden Tiebreak-Krimi, «nach so einem Sieg weiß man, wofür man sich das ganze Jahr über schindet.»

Mit dem Glück des Tüchtigen sicherte sich Partyschreck Schüttler nur zwei Stunden nach dem eigenen spektakulären Erfolgserlebnis bereits Rang eins in der Abschlusstabelle der Roten Gruppe und das erträumte Halbfinalrendezvous mit Andre Agassi – begünstigt durch die Schützenhilfe des Argentiniers Guillermo Coria, der Carlo Moya mit 6:2 und 6:3 im zweiten Match bezwungen hatte.

Schüttler kann Kräfte schonen
Im letzten Gruppenmatch gegen Moya am Freitag, dem 100. Pflichtspiel dieser Saison, konnte der nicht mehr zu verdrängende Spitzenreiter Schüttler ganz entspannt seine Kräfte für die kommenden, vermutlich noch größeren Herausforderungen schonen.

«Ganz ehrlich: Wer mir vor diesem Turnier gesagt hätte, dass ich nach zwei Runden als erster Halbfinalist feststehe, den hätte ich für verrückt gehalten», so der 27-Jährige am Ende seines schönsten Arbeitstages seit dem Finaleinzug bei den Australian Open.

Erneut duell mit Agassi
Auch die weitere Dramaturgie beim Saisonabschlussturnier folgt nun paradoxerweise fast genau dem Drehbuch des australischen Grand Slams – jenen Tagen also, in denen der noch unbekannte Deutsche die Schlagzeilen der Weltpresse als «roter Blitz» erobert hatte. Rückte Schüttler zu Jahresbeginn nach einem Halbfinalsieg über Roddick ins später klar verlorene Grand Slam-Endspiel gegen Andre Agassi vor, steht auch jetzt in Houston wieder der alte amerikanische Held im Weg, nur eben schon in der Vorschlussrunde.

Agassi hatte sich im entscheidenden Match der Roten Gruppe am Donnerstagabend mit 7:6 (12:10), 3:6 und 6:4 gegen den Argentinier David Nalbandian durchgesetzt und sich als ältester Profi in der modernen Tennisgeschichte für ein WM-Halbfinale qualifiziert.

Kein roter Teppich für Agassi
«Hier werde ich ein ganz anderer Gegner für ihn sein. Ich werde ihm nicht noch mal den roten Teppich ausrollen«, kündigte der selbstbewusste Schüttler an. Bereits im Sommer hatte sich Schüttler im Viertelfinale des Masters Series-Turnier von Montreal für die Finalschlappe in Melbourne revanchiert, abgebrüht und treffsicher wie einer, der ganz genau weiß, was er kann – und will.

»Vor diesem Burschen ist inzwischen nichts und niemand mehr sicher«, schüttelte US-Davis Cup-Coach Patrick McEnroe den Kopf, »Rainer macht im Moment wirklich das Unmögliche war – und das mit Regelmäßigkeit.«

Aufholjagd dank mentaler Stärke
Mit eiserner Hartnäckigkeit und nie versiegendem Siegeswillen überstand Schüttler gegen Branchenführer Roddick auch die kritischsten, manchmal gar aussichtslosen Situationen: «Seine Moral ist intakt. Er hat einfach großartig gekämpft», sagte Dirk Hordorff.

Schüttlers Trainer erlebte das vielleicht stärkste Comeback Schüttlers in dieser Ausnahmesaison. 0:3 im dritten Satz gegen Roddick, in einem WM-Spiel in Amerika – kein Problem für den Marathon-Mann, der auch im Bewusstsein einer einzigartigen Fitness selbst kleinere Tenniswunder auf den Platz zaubern kann.

Schüttlers Sieg auch im zweiten Tiebreak, nach zuvor geglückter Aufholjagd zum 3:3 und abgewehrten Breakbällen Roddicks zum 5:4, war die logische Konsequenz seiner spielerischen und mentalen Überlegenheit: «Unheimlich clever und ausgebufft» hatte selbst Roddick-Trainer Brad Gilbert die deutsche Nummer eins gesehen, «er kann hier sogar den Titel gewinnen.»

Passende Antwort auf Zweifler gegeben
Spätestens mit dem Sieg über US Open-Champion Roddick stellte Schüttler auch die unverbesserlichsten Zweifler kalt, die bis zur letzten Sekunde an seiner WM-Tauglichkeit gemäkelt hatten: «Viele haben doch insgeheim gesagt: Gehört der Schüttler da wirklich hin», sagte die deutsche Nummer eins, «denen habe ich jetzt die passende Antwort gegeben.»

Auf den Spuren von Boris Becker, Michael Stich und Nicolas Kiefer, allesamt deutsche WM-Halbfinalisten, blickte Schüttler dem zweiten richtig großen Tennis-Wochenende des Jahres entgegen – und der Chance, seinem daheim in die Krise geratenen Sport noch einmal neue Auftriebskräfte zu verleihen.

Bei Rainer können sich alle bedanken, die in Deutschland mit Tennis zu tun haben«, sagte Becker, Turnier-Chairman am Hamburger Rothenbaum, »er ist zum echten Vorbild für unsere jungen Spieler geworden.«