19.05.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Weg aus der Krise verzweifelt gesucht
Zuviele Fragen und keine Antworten: Der DTB schaut auf hundert erfolgreiche Jahre zurück, doch hinter der Zukunft steht ein Fragezeichen. Bis zum Grand Slam Turnier in Wimbledon soll ein zukunftweisendes Konzept vorliegen.
Der Deutsche Tennis Bund (DTB) feiert sein 100-jähriges Bestehen und hat dabei nur wenig Grund zur Freude. Traurig, dass sich gerade beim ATP-Turnier in Hamburg die Krise um das deutsche Tennis seinem Höhepunkt nähert. Nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Dauerkrise und massiven Kritik an der DTB-Führungsspitze verlegte man den offiziellen Festakt in den Herbst. Bei der Abschlußpressekonferenz versuchten der Präsident des DTB, Georg von Waldenfels und der ATP-Chef Mark Miles, die Gemüter zu beruhigen.
Arbeitsgruppen sollen Konzepte vorlegen«Der Turnierstandort Hamburg wird überleben. Bis zum Grand Slam Turnier in Wimbledon werden wir ein zukunftweisendes Konzept vorlegen», verspricht Georg von Waldenfels. Um die Ausarbeitung desselben gab der DTB-Präsident die Gründung zweier Projektgruppen bekannt. «Die Ergebnisse des schlüssigen Konzeptes, das sich in erster Linie mit der Finanzierung der Turniere beschäftigt, soll die Aufrechterhaltung internationaler Turniere in Deutschland sichern.» Den Vorsitz der einen Gruppe soll Walter Knapper, als Hamburger Turnierdirektor erhalten. In dem Berliner Projekt wird Eberhard Wensky, als Berliner Chef mitarbeiten.
Hamburg als Beispiel für Tennis-KriseAm Beispiel der Turniere am Hamburger Rothenbaum lässt sich die allgemeine Tennis-Rezession gut verdeutlichen. Die Zuschauermarke von 100.000 wurde erstmals seit fünf Jahren nicht überschritten. In diesem Jahr wird das Turnier sogar rote Zahlen schreiben, die Diskussion um den Ausbau und die Mehrfachnutzung gestaltet sich weiter offen und nach der Pleite des Vermarkters ISL wird das Preisgeld von knapp eineinhalb Millionen Euro im nächsten Jahr kaum zu bezahlen sein. Nicht gerade förderlich ist, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen das Turnier, das immerhin zur Masters-Serie zählt, schon seit drei Jahren nicht mehr überträgt und Verhandlungen mit neuen Sponsoren stocken. Die Bestandsaufnahme bei anderen deutschen Turnier würde ähnlich klingen.
Turnier-Direktor vor RücktrittAngesichts der prekären Lage wollte der Hamburger Turnierdirektor Walter Knapper noch in diesen Tagen seinen Rücktritt bekannt geben. Diesen Ausstieg verhinderte von Waldenfels jedoch: «Ich bin mit seiner Arbeit durchaus zufrieden. Die Frage nach einem Turnierdirektor, der das Zukunftsprojekt leiten wird, stellt sich momentan noch nicht.» Als Nachfolger wurden der Geschäftsführer Jan Kohne und Davis-Cup-Kapitän Michael Stich gehandelt.
Sollte sich das «Zukunftsprojekt» eines kombinierten internationalen Damen- und Herrenturniers verwirklichen, favorisiert das DTB-Präsidium klar Hamburg als Standort. «Es wäre ein großer Schlag, wenn wir das nicht erreichen könnten. Hamburg muss als Standort ausgebaut werden», so von Waldenfels.
Doch vorerst droht dem Traditionsturnier sogar der Verlust des Master-Status, sollte nicht innerhalb der nächsten Woche ein neuer Geldgeber gefunden werden. Einen Lichtblick könnte die anstehende Entscheidung zur Mehrfachnutzung der Rothenbaum-Anlage bieten.
Von Waldenfels in der KritikImmer lauter wurde im Vorfeld auch die Kritik an dem Oberhaupt des DTB, Georg von Waldenfels. Er ziehe sich zurück und ist bei entscheidenden Diskussionen zu wenig beteiligt, so ein Vorwurf an den ehemaligen bayerischen Finanzminister. Und noch immer geistert der monatelange Streit mit Tommy Haas, der einzigen deutschen Spitze, um mangelnde Zuwendung und der folgenden Davis-Cup-Absage im Raum umher. «Wir haben ein Image-Problem», kritisierte auch Michael Stich.
Thematisiert werden muss zudem der enorme Termindruck, unter dem die Profis stehen und sich dadurch nicht selten schon in den ersten Runden verabschieden. Als Marathon und Raubbau an Kräften wird die Tatsache bezeichnet, dass viel zu viele Masters Wettbewerbe hintereinander stattfinden. Die Spieler sind dadurch geschwächt und bei den Zuschauern macht sich unlängst ein gewißer Überdruss bemerkbar. Es gilt also, Turniere zukünftig zu verlegen oder ganz aus dem Kalender zu streichen. Ob Deutschland zukünftig weiter zu einem Masters-Austragungsland gehören wird, diese Frage liess ATP-Chef Mark Miles auch weiterhin offen. «Kurzfristig werden wir nichts ändern, langfristig muss jedoch der gesamte Masters-Turnierplan überdacht werden», so Miles, der auf eine europäische Komplettlösung der gesamten Serie drängt.
Ob beim DTB oder bei der ATP - selten wie nie zuvor sind jetzt Taten gefragt.