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Schünemann: Navigation ist mein Metier17. Dez 2005 11:45
Thomas Schünemann (l.)
Bild vergrößernThomas Schünemann (l.)
Bei der bevorstehenden Rallye Dakar stehen wieder die Navigationskünste der Co-Piloten im Vordergrund. «Man muss die Strecke ohne langes Suchen finden», verriet Beifahrer Thomas Schünemann der Netzeitung im Interview. Mit zwei fünften Plätzen bei den Rallye-Raid-Läufen in der Türkei sowie in Dubai haben Pilot Matthias Kahle und sein Beifahrer Dr. Thomas Schünemann zuletzt aufhorchen lassen. Grund genug für das HS Rallye-Team, auch bei der Rallye Dakar in einem Honda-Gefährt an den Start zu gehen.

Die jüngsten Resultate haben dem Duo Mut gemacht. «Menschen ohne Ziele leben nicht richtig. Und wenn sie in einem Auto fahren, das 2005 den achten Platz in der Gesamtwertung gemacht hat, dann ist das eine gewisse Verpflichtung», sagte Schünemann, der in wenigen Tagen 55 Jahre alt wird, der Netzeitung. Er tritt mit der HS - Hamburger Software GmbH & Co. KG auch als Hauptfinanzier des Privatteams auf.

Für den überzeugten Beifahrer wird die bevorstehende Ausgabe der Wüstenhatz zu einer ganz speziellen Herausforderung. «Wir können nicht mehr nach GPS oder irgendwelchen Wegpunkten fahren. Wir müssen uns wieder voll auf das Roadbook verlassen. Das GPS ist nur noch in der Nähe weniger Punkte aktiv.» Die Navigationskünste sind also diesmal wieder gefragt.

Netzeitung: Was fasziniert Sie eigentlich am Rallye-Raid-Sport?

Thomas Schünemann: Das ist Dreierlei: Zum einen sind es die beeindruckenden Landschaften, die wir passieren. Dann hat es seinen besonderen Reiz, dass wir unbekanntes Terrain durchfahren und nicht - wie bei Straßenrallyes - die Strecke mehrfach vor dem Rennen abgefahren haben.

Und dies erzeugt drittens die besondere Herausforderung für mich als Beifahrer. Ich lese nicht mehr ein vorher gemeinsam mit dem Fahrer erstelltes Gebetbuch vor. Nein, ich muss die korrekte Strecke aus den - teils spärlichen - Angaben im Bordbuch mit Bordinstrumenten, Erfahrung und Intuition finden. Rallye Raid hat einfach eine ganz andere Qualität als herkömmlicher Rallyesport.
Der Weg ist das ZielNetzeitung: Was ist auf den Etappen besonders wichtig?

Schünemann: Natürlich ist Geschwindigkeit wichtig. Aber man muss die Strecke ohne langes Suchen finden. Der Fahrer kann noch so gut sein. Selbst das schnellste Fahren führt auf der falschen Strecke nicht zum gewünschten Ziel.

Netzeitung: Der Veranstalter hat die Navigation in diesem Jahr wieder deutlich in den Vordergrund gerückt.

Schünemann: Das ist richtig. Das GPS-System an Bord nimmt uns Beifahrern nicht mehr einen erheblichen Teil der Arbeit ab. Wir müssen in diesem Jahr wieder fast ausschließlich nach dem Roadbook fahren. Das GPS-System wird erst aktiv, wenn das Fahrzeug nur noch drei Kilometer vom nächsten Wegpunkt entfernt ist. Damit sind die Beifahrer deutlich mehr gefordert als in der Vergangenheit und erhalten damit wieder einen höheren Anteil an der Teamleistung.

Netzeitung: Wie bereiten Sie sich mit ihrem Partner eigentlich auf die Rallye vor?

Schünemann: Natürlich betreiben wir aktiv Fitness und Sport. Wir setzen uns aber auch nach jeder Etappe zusammen und ziehen Resümee. Dabei beschäftigt uns vordringlich immer die selbe Problematik: Wie können bestimmte Situation noch präziser und kürzer angesagt werden? Heißt es «Kreuzung» oder «Abzweig»?. Wir perfektionieren unsere Kommunikation. Ziel ist es, auch komplexe Örtlichkeiten so zu kommunizieren, dass keine Missverständnisse auftreten.
Keinen interpretativen Freiraum lassen
Der Renn-Buggy des Privatteams.
Bild vergrößernDer Renn-Buggy des Privatteams.
Netzeitung: Warum ist das so wichtig?

Schünemann: Die Ansage darf keinen interpretativen Freiraum lassen. Wenn Matthias nicht restlos sicher ist, was ihn erwartet, fährt er automatisch langsamer. Dann ist Fahren auf Sicht angesagt und wir verlieren wertvolle Zeit ...

Netzeitung: ... aber besagte Situation ist Ihnen ja nicht gerade unbekannt.

Schünemann: In der Tat. Wenn Matthias die Situation nicht einsehen kann, passt er die Geschwindigkeit an. Er fährt beispielsweise niemals mit Vollgas über verdeckte Kuppen. Natürlich gibt es schon einen Stich, wenn wir hinter der Kuppe merken, dass es auch «voll» gegangen wäre, aber Matthias lässt sich nicht verführen.
Bedächtiger Fahrstil zahlt sich aus
Netzeitung: Vorsichtiges Fahren hat sich in der Sahara schon oft bezahlt gemacht ...

Schünemann: ... Ja, Matthias ist sehr überlegt und geht kein Risiko ein. Wir fahren auch grundsätzlich mit der Geschwindigkeit, die wir für richtig halten. Wir lassen uns von niemandem hetzen. Auf Kurzstrecken muß man Risiken schon hin und wieder eingehen, wenn es ums Ganze geht. Aber bei Marathonrallyes ist das im Regelfall nicht erfolgreich – und mit einem Unfall verlieren Sie letztlich mehr Zeit oder gar die ganze Rallye.

Netzeitung: Schließlich wollen Sie ja in Dakar ankommen. Oder geht Ihr sportlicher Ehrgeiz doch ein wenig weiter?

Schünemann: Menschen ohne Ziele leben nicht richtig. Und wenn sie in einem Auto fahren, das 2005 den achten Platz in der Gesamtwertung gemacht hat, dann spürt man doch eine gewisse Verpflichtung - auch, wenn wir das nicht so wahrhaben wollen.

Wenn wir in Dakar ankommen, wollen wir auch eine vernünftige Platzierung erreichen. Ob wir dann auch in jene Ränge vorstoßen können, in denen das Auto im vergangenen Jahr gelegen hat ... schaun mer mal.
Wechsel ins Cockpit nie ein Thema
Netzeitung: Hat es Sie eigentlich nie gereizt, einmal selbst das Steuer in einem Rennwagen zu übernehmen?

Schünemann: Ich habe ein sehr gutes Gefühl für Strecken und ein sehr gutes Ortsgedächtnis. Navigation ist mein Metier. Ich habe zwar auch eine Reihe von Fahrerlehrgängen besucht. Aber letztlich: so gut wie Matthias Kahle bin ich einfach nicht. Es ist immer besser, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man gut kann, und nicht alles zu tun, was man auch kann. Außerdem bin ich ein Mensch, der wohl nur schwerlich Vertrauen zu einem Beifahrer entwickeln könnte, weil ich diese Anforderungen gut kenne.

Das Interview mit Thomas Schünemann führte Michael Langenwalter




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