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Die Geschichte des Matthias Steiner: 

Giganten tanzen wie entfesselte Elfen

20. Aug 2008 11:11
Mit dem Foto seiner verstorbenen Frau: Matthias Steiner
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Ausgelassen und überglücklich feierte Matthias Steiner seinen Goldmedaillengewinn im Gewichtheben. Der «Berliner Zeitungs»-Redakteur Matti Lieske kennt die atemberaubende Geschichte des gebürtigen Österreichers.

PEKING. Die Bundeswehr wollte Matthias Steiner nicht, weil er an Diabetes leidet und nach Meinung der Musterkommission einfach zu dick ist. Seine Beteuerung, er sei Schwerathlet und müsse so aussehen, half ihm nichts. Sollte er also eine andere berufliche Perspektive benötigen, in Peking könnte er sie gefunden haben. Falls am Dienstag beim Gewichtheben der Superschwergewichtler zufällig Talentspäher vom chinesischen Staatszirkus im Publikum waren, dann werden sie dem 25-Jährigen garantiert ein lukratives Angebot unterbreiten. Die Art, wie der 146 Kilogramm wiegende Koloss nach seinem letzten Versuch, der die Goldmedaille brachte, die Gesetze der Schwerkraft ad absurdum führte und wie ein mit Sprungfedern gefüllter Teddybär über die Bühne hüpfte, hätte ihm auch bei den Kunstturnern Höchstnoten eingebracht.

Doch Steiner war nicht angetreten, Fabian Hambüchen Konkurrenz zu machen, sondern er wollte endlich in seinem Metier als Gewichtheber erfolgreich sein, das er fast drei Jahre nicht ausüben konnte. Nach Querelen mit dem österreichischen Verband war er 2005 nach Deutschland gewechselt, in die Heimat seiner Frau Susann, die aus Zwickau stammte. Er schloss sich dem Chemnitzer AC an, trainiert aber am Olympiastützpunkt in Leimen bei Heidelberg. Außerdem beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft. Er erhielt sie Anfang Januar 2008, ein halbes Jahr, nachdem seine Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Bei den Europameisterschaften im April, die er gewann, hielt er bei der Siegerehrung das Foto seiner verstorbenen Frau in der Hand, ebenso jetzt bei der Medaillenzeremonie.

Keiner hätte nach dem Reißen auf den gebürtigen Wiener als Olympiasieger gesetzt, und nach dem ersten Versuch des Stoßens erst recht nicht. Mit 203 zur Hochstrecke gebrachten Kilogramm lag Steiner nach der ersten Hälfte des Zweikampfes sieben Kilo hinter dem Russen Jewgeni Tschigischew nur auf Platz vier. Danach scheiterte er am Anfangsgewicht von 246 Kilo, als er beim ersten Versuch, das Gewicht zur Hochstrecke zu bringen, über die Bühne wankte und seine Last fast dem davor postierten Kampfrichter auf den Schoß geworfen hätte.

Steiner sah die Sache wesentlich entspannter. «Wer sagt denn, dass es beim Reißen nicht lief», fragte er schelmisch, «das war immerhin persönliche Bestleistung.»Der dritte Versuch, bei dem er an 207 Kilo scheiterte, sei allerdings «etwas hochgegriffen» gewesen. «Mein linker Daumen ging auf, da kann man so ein Gewicht natürlich nicht mehr bewältigen.» Zu schaffen machte Steiner auch die kurze Pause zwischen den zwei Phasen des Wettkampfes. «Bei acht Teilnehmern ist es ganz, ganz schwer, aber das kannte ich schon und habe mich darauf vorbereitet.» Trotzdem sei er beim ersten Versuch des Stoßens nicht ganz bei der Sache gewesen. «Da habe ich ein bisschen die Motivation verloren.»

Die Favoriten pokern

Zugute kam ihm, dass die anderen Favoriten, Tschigischew und der Lette Viktors Scerbatihs emsig um den Sieg pokerten. Scerbatihs ließ sogar seinen zweiten Versuch aus, um alle Energie für den vermeintlichen Goldcoup am Ende aufzusparen. Er scheiterte jedoch an 257 Kilo, und es schien, als würde die Rechnung von Tschigischew aufgehen, der es bei 250 belassen hatte und auf eine Gesamtleistung von 460 kam. Doch dann trat Steiner ein letztes Mal an. Silber hatte der Deutsche durch den Fehlversuch von Scerbatihs sicher, «ich wusste also, dass ich auf Gold gehen konnte». 258 Kilo ließ er auflegen, zwölf mehr als bei seinem Scheitern zuvor, und er brachte sie tatsächlich nach oben. «Jetzt kann ich eine große Klappe haben», meinte er, «ich sitze ja hier mit der Goldmedaille.»

Die 461 Kilogramm im Zweikampf, die Steiner reichten, waren moderat im Vergleich zu den Leistungen früherer Sieger. Das war auch Steiner nicht entgangen. «Es war wohl noch nie so leicht, in Anführungszeichen, Gold zu gewinnen», sagte er. «Früher waren die ja bei 470 oder mehr, was eigentlich gar nicht geht. » Das war auf den iranischen Weltrekordhalter Hossein Rezazadeh gemünzt, der bei den letzten beiden Olympischen Spielen gewonnen hatte. Diesmal war er nicht am Start, weil er kurz vor Peking auf Anraten der Ärzte wegen einer Krankheit seine Karriere beendet hatte. Sie hatten ihm schwere und anstrengende Tätigkeiten untersagt, und das schließt selbst bei einem Rezazadeh Superschwergewichtsheben ein.

In Peking fehlten auch die Bulgaren und Griechen, die ihre Teams vor den Spielen wegen zahlreicher Dopingfälle zurückziehen mussten. «Das ist eine gute Sache», sagte Steiner, «man hat im Vorfeld gesehen, dass die Kontrollen greifen.» Er selbst sei seit Dezember 2007 mehr als zehnmal kontrolliert worden, den Kollegen sei es sicher ähnlich gegangen, Viktors Scerbatihs, der vor Athen eine zweijährige Dopingsperre abgebrummt hatte, schaute neben ihm ein wenig betreten drein. Insgesamt werde im Gewichtheben inzwischen sehr viel kontrolliert, beteuerte Steiner. Es war ein nett gemeinter Versuch, den Ruf seiner Sportart ein wenig aufzupolieren, über der nach den vielen Skandalen der jüngeren Vergangenheit die Gefahr des Ausschlusses von Olympia schwebt. Was in gewisser Weise schade wäre. Wo sonst sieht man 146-Kilo-Giganten schon tanzen wie entfesselte Elfen.

[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]


 
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