08.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Fünfkämpferin Schöneborn bloggt mit Notebook-Sponsor Lenovo
Foto: NZ Screenshot
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Athleten dürfen bei den Olympischen Spielen in China erstmals ein Online-Tagebuch führen. Die Blogs unterliegen allerdings strengen Regeln - und sind nur schwer im Netz zu finden.
Zur Eröffnung der 29. Olympischen Spiele in Peking sorgt in Deutschland vor allem eines für Schlagzeilen: Die Zensurpolitik der chinesischen Regierung. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) gestattet den Athleten in China erstmals, ein Tagebuch ins Netz zu stellen, das auch Meinungsäußerungen zu Menschenrechtsfragen enthalten darf.
Die Entscheidung war bereits im vergangenen Jahr von der IOC- Exekutive getroffen worden und erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangt. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) begrüßte den Blog-Erlass des IOC. «Es ist gut, dass das IOC auf dieses neue Medium reagiert», erklärte Sprecher Gerd Graus.
Keine Fotos, Interviews oder «Berichterstattung»Bevor sie sich an die Tastatur setzen, müssen die Sportler aber erst einen Blick in die «Blogging Guidelines» (IOC-Regel 49) werfen. Sie erlauben den Athleten zwar, ein Weblog zu führen, doch dessen Inhalte dürfen keine «Form von Journalismus» darstellen. Private Foto- oder Videoaufnahmen aus dem olympischen Dorf sind damit ebenso tabu wie Interviews oder «Berichterstattung» über andere akkreditierte Personen. «Dies ist nicht die Regel des DOSB, wir haben diese Bestimmung nur weitergeben», so Graus.
In der Athletenvereinbarung, die die deutschen Olympia-Teilnehmer unterzeichnet haben, mussten sich alle zur Einhaltung der IOC-Regel 49 verpflichten. Journalistisch genutzt werden die Blogs nun trotzdem: Die Sportler Sabrina Mockenhaupt, Jan Fitschen, Fanny Fischer, Tim Wieskötter und Ronny Rauhe schreiben für «Bild.de» ihr Olympia-Tagebuch, die Beachvolleyballerinnen Sara Goller und Laura Ludwig für den NDR.
Olympia-Tagebuch des DOSB wurde abgeschaltetBei den vorherigen Spielen hatte das IOC auch das private Bloggen als journalistische Arbeit interpretiert und es deshalb verboten. Nur wo liegt die Trennschärfe zwischen «Berichterstattung» und privater Erzählung? Und wer kontrolliert die Blogger - das IOC? Ein gemeinsames Portal zur Sammlung der Einträge wurde jedenfalls nicht gegründet.
Über Google gelangt man zwar auf das «Olympia-Tagebuch» der DOSB-Website: «Unsere 440 Athletinnen und Athleten werden in China unterschiedliche Eindrücke im Sport und in der Gesellschaft sammeln», heißt es dort. «Einige von ihnen teilen ihre Erlebnisse unserer Redaktion mit. Wir werden die interessanten und manchmal kuriosen Geschichten aufbereiten».
Aber der Link zu den Inhalten des Tagebuchs funktioniert nicht. Auf Anfrage bei der DOSB-Pressestelle in Frankfurt kam heraus, dass es sich bei der Seite nur um einen alten Zwischenspeicher handelt die Idee des «Tagebuches» sei «wegen zu hohen Arbeitsaufwands» schon wieder aufgegeben worden.
«Privatsache» der SportlerWer genau einen Blog geplant habe, wisse er nicht, sagte Graus der Netzeitung telefonisch aus Peking. Auf jeden Fall würde das über «die privaten Homepages» der Olympioniken geschehen. Fündig wird man beispielsweise bei der Seglerin Petra Niemann. «Ich weiß noch nicht, ob ich dazu komme, das Blogging während der Spiele weiter zu führen», steht dort allerdings zu lesen. «Außerdem haben wir dafür strenge Richtlinien, gegen die ich nicht verstoßen möchte».
Die moderne Fünfkämpferin Lena Schöneborn hat sich bei «Blogspot.com» eigens für die Olympischen Spiele einen Blog eingerichtet, der über den Web-Dienst des Olympia-Sponsors Lenovo verlinkt ist. Der Notebook-Hersteller stellt den Athleten die Computer. «Morgen ist die Eröffnungsfeier...ich bin riesig gespannt!», so der neueste unverfängliche Eintrag.
Von Uhren- und Laptop-SponsorenFIFA-Schiedsrichter Wolfgang Stark aus Ergolding führt sein Tagebuch auf der Website des Bayerischen Fußballverbands. Dort beschreibt er kommerziell anklingende Banalitäten wie: «Am Abend vor dem Dinner wurden offiziell die Adidas-Uhren an die Schiedsrichter-Teams übergeben».
Wie «Zeit online» berichtete, lässt Tischtennisspieler Timo Boll sein Blog während der Olympischen Spiele ruhen weil sich auf seiner Homepage Sponsoren fänden, die nicht zu den offiziellen Olympiapartnern gehören. Die Marathonläuferin Susanne Hahn werde auf Nummer sicher gehen und das Schreiben ihrem Ehemann und Trainer Frank überlassen.
Auf seiner Seite erfährt man, dass er nicht akkreditiert sei und somit nicht den Blog-Regeln des IOC unterliege. Wer gegen die IOC-Verordnung verstößt, muss neben dem Verlust der Akkreditierung auch mit Schadensersatzansprüchen rechnen.
Proxy-Dienste helfen gegen ZensurDas Organisationskomitee BOCOG bestätigte am Freitag, dass auch für Journalisten Internetseiten gesperrt bleiben, die der nationalen Sicherheit und dem «gesunden Wachstum der jungen Generation» schaden, so Generalsekretär Wang Wei. Damit ist weiterhin kein Zugang zu Online-Angeboten der chinesischen Demokratiebewegung, von Menschenrechtsorganisationen und Minderheiten wie Tibetern und Uiguren möglich.
Um das Internet «sauber» zu halten, liefert die staatliche Internet-Aufsicht in China seit Jahren Blockierungslisten mit IP-Adressen an die nationalen Provider und verpflichtet sie, Anfragen an diese Websites nicht weiterzuleiten. Diese Blockierung lässt sich über ausländische Proxy-Dienste umgehen, die man als «Umleitung ins Internet» in seinem Browser einstellen kann.
Sie können zumindest die eigene IP-Adresse gegenüber der jeweils besuchten Seite zu verstecken. «Spiegel Online» empfiehlt dazu das deutsch-schweizerische Projekt «Picidae», das nicht nur den Seitenaufruf verschleiert, sondern auch Filter aushebelt. Der Proxy-Dienst wandelt die gesamte angefragte Seite in ein Bild um, dass sich aber wie eine normale Website nutzen lässt.
Für das Web ediert von Maike Schultz