Fortsetzungsroman «Der Drache im Vogelnest»:
Der Fluch
22. Aug 2008 07:32
 |  Ob Tannen Usain Bolt wird siegen sehen? | Foto: dpa |
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Die Giftschlange neben dem Bett gefällt Tannen gar nicht. Warum nur ist Frau Wong so entspannt? Nur als er den Skorpion erwähnt, ändert sich ihre Laune. Lesen Sie Teil 9 des Fortsetzungsromans von
Alexander Broicher.
Die Schlange fauchte und wirkte dabei verdammt giftig. Nun verstand Tannen, warum die Chinesen abgehauen waren. Mit seiner Zuversicht schwand sein Stolz. Dann fiel Tannen siedend heiß ein: 'Frau Wong liegt noch unter dem Bett. Ich muss die Schlange ablenken.'
Er griff nach einem Holzschemel und näherte sich dem drohenden Reptil mit gehörigem Respekt. Wechselwarm, überlegte Tannen, was bedeutete, dass sie bei diesen Temperaturen auf jeden Fall hochaktiv und blitzschnell sein würde, Vorsichtig setzte er Fuß vor Fuß, dann hörte er ein helles Lachen, das von irgendwo weiter hinten im Raum kommen musste. Frau Wong? «Alles okay? Wo ...?» fragte Tannen ziellos und suchte mit den Augen umher.
Dompteur
«Ja, alles okay. Tu' ihr nicht weh, sie ist sensibel. Und außerdem brauche ich sie noch», sagte Frau Wong, die ganz überraschend hinter einem Paravent hervorkam. «Wen meinst Du? Etwa dieses Drecksbiest?» fragte Tannen angespannt. «Na, na, wie sprichst Du denn über meine Komplizin?» «Nimm Dich lieber in Acht! Du redest ja, als ob Du schon gebissen worden wärest ...» Tannen meinte es sehr ernst. Er hatte immer noch Angst.
«Mein Dompteur!» schmeichelte Frau Wong Tannen gespielt anmutig. Mit einem Gegenstand, den Tannen an eine lange Grillzange erinnerte, fischte sie nach der Schlange, ließ sie in einen hohen Bambuskorb direkt neben dem Bett sinken und legte einen Deckel darauf. «Das hält doch nie», unkte Tannen. «Doch, doch, sie mögen es nicht, sich über die Maßen zu verausgaben. Sie sind nicht wie die Menschen. Glaub mir, ich züchte sie schon lange.»
Schlangenfarm
«Du züchtest diese Schlangen? Dort, neben dem Bett, in dem ich ....» «In dem WIR, wenn schon. Nein, ich züchte sie dort, schau.» Frau Wong deutete in den kleinen Hof, der von einem großen Baum überragt wurde und durch dessen gefiederte Blätter sich das Licht in kleine Splitter zerfächerte. In einem bescheidenen, in die Jahre gekommenen Hofhaus erkannte Tannen zahlreiche solcher Bambuskörbe wie sie neben dem Bett standen.
 |  Draußen gab es die Peking-Glitzerwelt | Foto: dpa |
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Das hier ist das echte China, dachte Tannen, nicht so eine sterile Plastikwelt wie in seinem Hotel oder wie die künstliche Glitzeroberfläche der Touristenzonen, die ihn eher an den Abziehbild-Kitsch in heimatlichen Chinarestaurants erinnerten.«Aber», fuhr Frau Wong fort, «wenn es einmal ein besonderes Exemplar gibt, habe ich sie eben gern in meiner Nähe. Sie beschützt mich, so wie ihr es von Hunden kennt. Im Übrigen ist sie genauso friedfertig. Sie ist nur gut trainiert. Sie hat gar keine Giftzähne mehr. Das arme Tierchen hatte mehr Angst vor Dir als Du vor ihr. Alles nur Show!» «Seltsamer Vergleich. Du hast eigenartige Vorlieben.»
Natürliches Doping
«Ich dachte, ich beschütze Dich.» «Aber ja doch, natürlich. Mein Held.» «Lass die Ironie!» sagte Tannen sauer. Seine Wunden schmerzten. «Nein, im Ernst. Jetzt hast Du Dir den Titel wirklich verdient. Lass mal sehen ...» Wong betrachtete seine Verletzungen. Mit einem gezielten Ruck zog sie die beiden Nadeln aus seinem Gesicht. Tannen zuckte.«Normalerweise ist so eine Sitzung weniger schmerzhaft», scherzte sie und tupfte das Blut von seinem Gesicht und Körper. «Ja, wenn man mit den Nadeln nicht 'Hau den Lukas' spielt.» «Dir haben die Schlangen im Übrigen auch gut getan. Erinnerst Du Dich an die Tropfen? Schlangenblut ist ein natürliches Stärkungsmittel, besonders für Männer», sagte Wong.
 |  Dopen mit Schlangenblut? | Foto: AP |
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'Aha, in den Tropfen waren also tatsächlich keine Kräuter. Einmal nicht gelogen', dachte Tannen bei sich. Trotzdem schüttelte es ihn bei dem Gedanken an die Tropfen. «Von einer Schlange? Das ist ja ekelhaft» «Es kommt drauf an, was man daraus macht. Es kann auch tödlich wirken. Die chinesische Medizin kennt viele Rezepte für Schlangen. Das Blut wird traditionell zur Kräftigung verwendet, auch für Sportler.»«Du meinst, als eine Art ... Doping?» fragte Tannen. «Ihr würdet es vermutlich so nennen.» «Waren die Typen eben deswegen hier?» «Vielleicht... man braucht eine spezielle, sehr seltene Schlangenart, die sehr wertvoll ist.. Viele der chinesischen Athleten schwören darauf, der Markt ist knapp.»
Erste Wolken lichten sich
«Erst ein Skorpion, jetzt die Schlange, mir wird das langsam zu animalisch», stöhnte Tannen. «Skorpion?» fragte Wong sichtlich neugierig.
«Ja, ich hatte neulich einen in meinem Bad im Hotel.»
«Diese Bastarde! Das tut mir leid, das war gegen die Abmachung. Du hast doch nicht etwa mit Kreditkarte gezahlt?» «Doch wieso?» «Ach, nichts, das ist zu kompliziert. Dann haben wir einen größeren Ärger als ich dachte. Aber keine Sorge, ich regele das schon.»«Um was gehst es hier eigentlich?», wollte Tannen wissen. «Ach, alles dreht sich um Sport, für Dich doch auch. Ob Schlangenblut oder Eintrittskarten, es geht immer nur um Sport – und um Geschäfte.» Etwas Begieriges blitzte in ihren Augen auf. «Was ist eigentlich mit meinen Karten? Ich hatte doch so einige eingesteckt ...»
«Die sind weg. Sei froh, dass ich Deine Knochen heil retten konnte. Oder meinst Du, die haben mir auch noch die Karten gegeben? Es war teuer genug, Dich frei zu bekommen», sagte Wong. Tannen war skeptisch. Wong als Wohltäterin? Das kaufte er ihr nicht ab. «Mir kommen die Tränen. Im Übrigen hatte ich einige Tickets in meiner Unterhose versteckt ...» «Ich weiß. Die habe ich später auch gefunden. Aber ich musste sie versetzen. Um Deine Rettungsaktion im nachhinein zu finanzieren.»
Free Tibet
Tannen sah sie durchdringend an. Sie hielt dem Blick kurz stand, dann wich sie ihm aus. «Also gut, ich habe die Karten weggeben, weil ... es ging um Leben und Tod. Mein Bruder, er wolle ein politisches Plakat im Stadion entrollen. Free Tibet, du weißt. Wir mussten ihn aufhalten. Sie hätten ihn gefasst und man hätte ihm Schreckliches zugefügt. Freie Meinungsäußerung ist hierzulande ein schweres Verbrechen.»
 |  Protest für ein freies Tibet | Foto: AP |
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«Zu allem Überfluss auch noch politische Verstrickungen», stöhnte Tannen. Er interessierte sich nicht für Politik und wollte sich in nichts hineinziehen lassen, was noch mehr Ärger versprach. Er wollte sich vor keinen Karren spannen lassen. Sein eigener steckte schon tief genug im Dreck.«Sie, Verzeihung, DU gehst mir so auf die Nerven!», sagte Tannen. «Kann ich das wieder gut machen?», fragte Frau Wong vieldeutig. «Hast Du denn noch etwas von diesen Tropfen?» Er schämte sich etwas, danach zu fragen. «Das brauchst Du jetzt nicht mehr», raunte sie ihm zu. Er verstand nicht, aber er wusste nicht, was er sagen sollte, ohne wie ein Trottel dazustehen. «Was ich jetzt zuerst brauche, ist eine Dusche», sagte Tannen trocken.
Ein zweideutiges Angebot
«Und ich habe Hunger», sagte er, «aber nicht auf Schlange!»
«Nein! Niemals», sagte Wong höhnisch. «Was habe ich eigentlich an unserem ersten Abend gegessen?» «Ah, ich glaube ... Mountain Chicken ... eine teure Spezialität. Aber ich sage Dir lieber nicht, was das ist. Chinesen essen alles mit vier Beinen außer Tischen und alles, was fliegt, außer Flugzeugen.» Beide mussten lachen.Tannen war es nicht gewöhnt, Sachen einfach auf sich beruhen zu lassen und nicht nachzubohren. Nicht, dass er sich bei ihr in Sicherheit gewogen hätte, aber sie strahlte eine solche Ruhe auf ihn aus, dass es ihm egal war. Zwei Kulturen, zwei Temperamente, dachte Tannen, sie nimmt nicht alles so ernst und scheint wie von allein zu bekommen, was sie will.
«Ich heiße übrigens Li. Aber Du kannst mich auch Lucy nennen.» «Ich bin Jobst.»
«Ich weiß. Dein Pass.» «Ah ja.» Sie schien sich alles zu merken. Er fragte sich, was sie sich noch alles über ihn gemerkt hatte. «Vielleicht kann ich ja alles wieder gut machen», sagte Frau Wong. «Und wie? Eigentlich will ich vor meinem Abflug wenigstens noch den Hundermeterlauf der Herren sehen.» «Ich werde sehen, was sich machen lässt ... geh Du doch erst einmal unter die Dusche!»
ENDE VON TEIL 9
Lesen Sie morgen, wie es weitergeht: Was führt Frau Wong im Schilde? Kann Tannen ihr trauen? Schafft er es, am Ende doch noch, den ersehnten Lauf zu sehen?
Und nun noch eine Frage an Sie direkt: Wie gefällt Ihnen die Fortsetzungsgeschichte in der Netzeitung? Es ist für uns ein kleines Experiment - und wenn Sie mögen, geben Sie uns gern Ihr Feedback. An:
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Alexander Broicher, Jahrgang 1973, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Demnächst erscheint sein neuer Roman im Handel. «Der Drache im Vogelnest» ist eine Exklusivarbeit für die Netzeitung und die Berliner Zeitung Online.