Fortsetzungsroman «Der Drache im Vogelnest»:
Heimsport
21. Aug 2008 07:20
 |  Eine zeitlang blieben sie im Bett | Foto: AP |
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Was war Tannen passiert? Und was machte er im Bett von Frau Wong? Statt einer Antwort findet er etwas, das viel wertvoller ist als die ersehnten Eintrittskarten. Lesen Sie Teil 8 des Fortsetzungsromans von
Alexander Broicher.
«Aber die Spiele ...», setzte Tannen an. «Lass' die anderen spielen, das geht uns nichts an. Laufen und Springen ist jetzt nichts für Dich», sagte Frau Wong fast zärtlich.
Tannen hatte das Gefühl, sie würde ihm Honig um den Mund schmieren und er wurde misstrauisch. Er war aber auch geschmeichelt. Er mochte es, Frauen auf den süßen Leim zu gehen. Er dachte an frühere Zeiten und genoss die Situation. Irgendwie fühlte er sich als Mann begehrt. Ein Gefühl, das er fast vergessen hatte.Gegen seinen Widerstand drückte sie seinen Oberkörper zurück in die Kissen und setzte sich rittlings auf ihn. Nur einige Schichten Stoff trennten ihre Körper. Tannen hatte noch so viele Fragen im Kopf und eigentlich war er ja sauer auf sie, aber nun war er sprachlos. Überrumpelt ließ er sie gewähren. Er blickte sie an. Plötzlich näherte sie sich seinem Gesicht mit einer Nadel. Tannen wollte zurückschrecken, doch sie strich ihm mit der anderen Hand beruhigend über die Wange.
Nadelkissen
«Schsch ...», machte sie leise und Tannen schloss die Augen. Dann bemerkte er einen kleinen Druck zwischen seinen Augenbrauen und spürte, wie seine Haut nachgab. Sie fuhr mit ihren Fingerkuppen sanft über sein Gesicht. Hier und da verspürte Tannen wieder diesen kleinen Pieks, an der Nase, den Ohren, an Händen und Armen, sogar an seinen Füßen. Er hatte so etwas noch nie über sich ergehen lassen und war erstaunt, wie gut es tat.
 |  Akupunktur kann Wunder wirken | Foto: dpa |
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Normalerweise hätte er Akupunktur für faulen Zauber gehalten, jetzt aber spürte er, wie seine Muskeln sich lockerten und ihn ein angenehmes Kribbeln durchfuhr. Eine wohltuende Energie breitete sich in ihm aus. Er fühlte sich luftig, schwebend, der Welt und allen Problemen enthoben.Seine schweren Gedanken versanken mit seinem Körper in den Polstern. In der Vergangenheit hatte er seine Grenzen ständig herausgefordert, bis etwas kaputt gegangen ist, innen oder außen. Tannen kannte den Kampf gegen Windmühlen nur zu gut. War er sich in der Routine selber abhanden gekommen? Er spürte, wie seine Lebensfreude wiederkam und er musste schmunzeln, über sie, über sich, und sank tiefer in die Kissen, bis ihn ein leichter Schlaf zu sich nahm.
Blutiger Spießbraten
Auf einmal hörte Tannen das krachende Zersplittern von Holz, sowie Schritte, die schnell näher kamen. Blitzschnell war er wieder wach. Frau Wong hatte sich neben ihn gelegt und döste. «Hey, wach auf!» zischte er ihr zu und rüttelte sie an der Schulter. Verträumt öffnete sie die Augen.«Was ist denn los?» fragte sie. Dann vernahm auch sie die Schritte und das Geschrei der Männer, die alles in der Wohnung zu zertrümmern schienen.
«Schnell, versteck dich. Oder meinen diese Herren es auch etwa nur freundlich?» fragte er spitz.
«Sehr witzig ...», sagte Frau Wong und krabbelte unter den Futon. In Tannens Gesicht und Körper steckten noch immer die Akupunkturnadeln und er sah aus wie ein Nadelkissen. Sie konnte sich ein spöttisches Lachen nicht verkneifen. Tannen sprang aus dem Bett. Er war noch immer in Unterhose. Er huschte zu dem Stuhl, über dem seine Klamotten hingen. In diesem Moment kamen zwei junge Chinesen ins Zimmer gestürmt. Als sie Tannen sahen, mussten sie lachen. Auch er war sich bewusst, dass er keinen besonders furchterregenden Eindruck machen konnte.
Deutsche Polizeimarke
Schnell griff er nach seiner Hose und suchte in der Tasche nach etwas. Die Angreifer wichen einen Schritt zurück. Doch anstelle einer Waffe präsentierte Tannen ihnen seine deutsche Polizeimarke und sie begannen, herzhaft zu lachen. Tannen zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln, vielleicht könnte er die Situation so entschärfen. Ein alter Polizeitrick, der eigentlich noch nie funktioniert hatte, aber Tannen hatte nicht allzu viele Alternativen.Dann kamen sie langsam auf ihn zu. Tannen taxierte sie. Seine einzige Chance wäre Körpereinsatz, denn er brachte deutlich mehr auf die Waage als diese Hemdchen. Außerdem waren sie jung und, falls sie keine Kampfsportarten beherrschten, vielleicht unerfahrener als er.
 |  Gern hätte er einfach mal Stopp gerufen | Foto: dpa |
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Schleichend kamen sie ihm immer näher und schienen sich dabei auch noch regelrecht über ihn zu amüsieren. Tannen wusste, was es bedeuten würde, sich mit Nadeln bespickt zu prügeln. Er setzte den ersten Schlag gegen den größeren der beiden, doch gleichzeitig traf ihn ein gezielter Tritt des anderen Chinesen am Fuß. Die Nadel drang tief in Tannens Gelenk ein. Tannen schrie auf und knickte kurz ein. Er rappelte sich auf und gab dem Kleinen mit der vollen Wucht seines Körpergewichts einen Bauchhaken. Tannen spürte förmlich, wie er die Luft aus ihm herauspresste. Wie ein nasser Sack fiel der Gegner zu Boden und krümmte sich vor Schmerz, da landete der Andere zwei knappe Hiebe in Tannens Gesicht. Die Fäuste verfehlten ihr Ziel nicht. Eine Akupunkturnadel brach ab und verletzte auch den Angreifer an der Hand. Tannen aber entwich ein markdurchdringender Schrei, der aus einem tiefsten Inneren zu kommen schien. Er schrie wie ein verwundetes Tier. Eine Nadel hatte sich in seinen Naseflügel gebohrt und die Tränen schossen ihm in die Augen. Den abgebrochenen Metallstift hatte ihm die Faust des Rivalen in die linke Schläfe getrieben und Tannen blutete wie ein Schwein.
Schlangenfutter
Er war es gewohnt, auf die Fresse zu bekommen und wieder aufzustehen. Das war nichts Neues für ihn. Aber das hier war das härteste, was er je wegstecken musste. Eigentlich wollte er sich hier ja entspannen und nicht wieder den Harten spielen. Aber er konnte Wong nicht im Stich lassen. Er dachte an ihre zarte Haut und an ihre weichen Augen. Adrenalin durchflutete seinen Körper und für einen Moment vergaß er jeden Schmerz. Das hier war der reinste Leistungssport. Tannen war blutüberströmt und sein linkes Auge verweigerte seinen Dienst. Brüllend ging er auf den noch stehenden Chinesen los, der gerade ein Klappmesser entfaltete. Tannen wusste nicht genau, was er tat. Er hörte noch, wie das Nasenbein seines Gegners brach und spürte, wie er mit seinem ganzen Gewicht auf den schmalen Mann fiel.
 |  Auf Schlangen reagieren Menschen meist panisch | Foto: AP |
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Als Tannen sich aufgerappelt hatte, sah er in zwei Augenpaare, die angsterfüllt in seine Richtung starrten. Panisch ergriffen die beiden Chinesen die Flucht. Tannen wunderte sich noch, warum sie ihn plötzlich so angestarrt hatten, dann stieg ein Hochgefühl in ihm auf. Er fühlte sich wie ein ganzer Kerl. Er freute sich schon darauf, was Wong zu seiner Heldentat sagen würde. Dann drehte er sich um. Schlagartig erlosch seine Siegeseuphorie. Jetzt wusste er, warum sie so geglotzt hatten. Tannen blickte in das aufgesperrte Maul einer Schlange, die sich hinter ihm drohend am Boden aufgerichtet hatte... ENDE VON TEIL 8
Lesen Sie morgen, wie es weitergeht: Kann Tannen der Giftschlange entkommen? Tannen ahnt nicht, welche Rolle Frau Wong spielt, aber er ahnt, dass er sich vor den Reizen der schönen Asiatin in Acht nehmen muss. Gelingt es ihm, ihren Verführungskünsten zu wiederstehen?
Alexander Broicher, Jahrgang 1973, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Demnächst erscheint sein neuer Roman im Handel. «Der Drache im Vogelnest» ist eine Exklusivarbeit für die Netzeitung und die Berliner Zeitung Online.