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Fortsetzungsroman «Der Drache im Vogelnest»: 

Geisterbahn

20. Aug 2008 07:10
Im Nebel erkennt man wenig
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Eine schmale Gasse, eine Tätowierung, die er schon einmal gesehen hat - Tannen folgt einer Spur und verliert weit mehr als die Orientierung. Lesen Sie Teil 7 des Fortsetzungsromans von Alexander Broicher.

Angekommen in der Geisterstraße, suchte Tannen die Seitengasse, in der man ihm in jener Nacht die gefälschten Karten untergejubelt hatte. Ein dichter Nebel lag auf der Stadt und es war drückend heiß, obwohl es fast Mitternacht war. Tannen fühlte sich fiebrig. Die farbigen Neonlichter fingen sich im Nebel und ließen ihn zu Flächen werden, die plötzlich aufblinkten und wieder verschwanden. Von allen Seiten tauchten lachende Gesichter aus dem Dunst auf.

Tannen kam sich vor wie in einer Geisterbahn. Er wurde ungeduldig und ärgerte sich. Jetzt könnte er seine Medizin gut gebrauchen, obwohl er überzeugt war, dass Frau Wong ihn mit diesen Tropfen eingewickelt hatte. Normalerweise wäre er nie auf solch billige Taschenspielertricks reingefallen. Nicht er. Aber was mich nicht umbringt, macht mich nur härter, sagte er sich.

Tannen hatte Mühe, den Weg zu finden, doch schließlich war er sich sicher, auf der richtigen Abzweigung zu sein. Die Gasse wurde schmaler und schmaler, doch für ihn sahen alle Stände gleich aus.

Mit ausgefahrene Krallen

Plötzlich fiel ihm ein Tattoo ins Auge, das den Nacken eines breitschultrigen Chinesen schmückte. Unter dem T-Shirt lugten Krallen und Schuppen eines Reptils hervor. Etwas Ähnliches hatte Tannen einmal bei Frau Wong entdeckt.
Tannen folgte dem Mann unauffällig, soweit dies als Europäer unter Chinesen möglich war.

Die Messer der Köche beunruhigten ihn
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Zwischen Nebelschleiern und Tüchern blitzen immer wieder schauerhafte Masken, gehäutete Tiere und die Messer der Köche auf.

In einem schmutzigen Hinterhof verschwand der Tätowierte schließlich durch eine Stahltür. Tannen zögerte einen Moment. Etwas huschte über den Boden an Tannen vorbei. Eine Katze oder vielleicht eine große Ratte. Tannen lauschte an der rostigen Tür. Ein rhythmisch schleifendes Maschinengeräusch war dumpf zu hören. Es war schon wieder alles wie zuhause: Tannen sah sich noch einmal um, dann öffnete er mit einer raschen Bewegung die Tür.

Hightech in Downtown

Tannen musste den Kopf einziehen, um durch den niedrigen Türrahmen einzutreten. Doch er konnte nicht glauben, was er da sah. Mitten in diesem schmutzigen Verschlag bot sich ihm eine riesige Ansammlung hochmoderner Technik dar: etliche Computer, Farbkopierer und ein großer Drucker, der unentwegt Olympiakarten ausspuckte. «Jawoll!» entfuhr es Tannen leise und er ballte siegessicher die Faust. Er warf einen Blick auf die kleinen Stapel neben dem Papierschneider. Tannen zögerte keinen Moment und nahm sich von jedem Stapel eine Karte und steckte sie in seine Taschen. Einige stopfte er sich noch in die Unterhose.

Plötzlich hörte er hinter sich das rostige Quietschen der Tür. Schnell schaute Tannen sich um. Dieser Bunker schien nur einen Ausgang zu haben. Tannen stöhnte leise. Als er sich umdrehte, standen bereits zwei Chinesen in Anzügen vor ihm. Sie guckten ihn alles andere als freundlich an und warfen sich einige aggressive Wortfetzen zu. Tannen wog seine Chancen ab. Kurz hoffte er noch, er hätte wieder eine normale Diskussion als Wortgefecht missgedeutet, machte sich aber wenig Hoffnung.

Dann kamen die Chinesen angriffslustig auf ihn zu. Reflexartig griff Tannen hinter sich an seinen Gürtel, dann erst fiel ihm wieder ein, dass er seine Waffe ja tatsächlich zuhause gelassen hatte.

Bittersüßes Erwachen

Als Tannen wieder zu sich kam, brauchte er einen Moment, um sich zu orientieren.
Dann merkte er, dass er der Frau über ihm schon eine Ewigkeit in die Augen geschaut haben musste.
Er kannte diese schmalen, schönen Augen ... . Frau Wong!
«Wo kommen Sie denn auf einmal her?» fragte Tannen noch etwas vernebelt.
«Ich war immer schon da.»
«Aha ...», sagte Tannen unsicher, «... und ... und wo bin ich?»
«Bei mir.»
«Jaja, das sehe ich. Aber wo genau?» Tannen sah sich um. Er lag in einem abgedunkelten Raum auf einem Futonbett.

So nackt war Tannen natürlich ungern
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«Bei mir zuhause. Sie brauchen keine Angst zu haben.» Zuhause? Habe ich nicht, dachte Tannen und versuchte, sich aufzurichten. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn und er sank zurück auf das Bett.
«Ich will ...», setzte Tannen an.
« Was? Du kannst alles haben, was Du willst, aber aufstehen würde ich noch nicht», sagte Frau Wong mild.
«Du? Wieso Du?»
«Wir sind doch jetzt Partner.»
«Wir sind Partner?» fragte Tannen und wunderte sich, was er verpasst hatte.
«Ja, Geschäftspartner.»

«Aha, so nennst 'Du' das also. Ich würde das eher Entführung nennen.»
«Tz, so harte Worte. Typisch Westler. DU musst dich auf die Harmonie im Ganzen konzentrieren. Jetzt halt mal die Luft an, Du Held. Ich meine das ernst. Entspann Dich. Warte, ich zeige Dir etwas», sagte Frau Wong und kam ihm gefährlich nah.
Jetzt erst bemerkte Tannen, dass er unter dem Laken bis auf seine Unterhose nackt war.

ENDE VON TEIL 7

Lesen Sie morgen, wie es weitergeht:
Was war Tannen passiert? Und was machte er im Bett von Frau Wong? Tannen versucht, eine Erklärung für alles zu finden. Doch statt einer Erklärung macht Tannen eine Entdeckung, die viel wertvoller ist als die lang ersehnten Eintrittskarten ...

Alexander Broicher, Jahrgang 1973, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Demnächst erscheint sein neuer Roman im Handel. «Der Drache im Vogelnest» ist eine Exklusivarbeit für die Netzeitung und die Berliner Zeitung Online.

 
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