Fortsetzungsroman «Der Drache im Vogelnest»:
Die Geister, die ich rief
19. Aug 2008 08:08
 |  Tannen ließ sich kutschieren | Foto: AP |
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Die Olympia-Karten entpuppen sich als wertlose Fälschungen. Tannen schwört, er werde sich das Geld für die sündhaft teuren Karten zurückholen. Doch das könnte er bereuen. Lesen Sie Teil 6 des Fortsetzungsromans von
Alexander Broicher.
Tannen ließ sich in die nächstbeste Sportsbar fahren. Die ganze Stadt war auf Olympia ausgerichtet: es gab eigene Olympia-Kanäle im Fernsehen und auf den großen Straßen waren eigene Olympia-Spuren abgeteilt. Sein Taxi aber durfte nicht darauf fahren und sie standen im Stau. Tannen wurde nervös. Er wollte unbedingt Joppich am Florett sehen, an den glaubte er. Und die schöne Britta Heidemann.
Als sie endlich angekommen waren, gönnte Tannen sich ein Bier und heftete seine Augen an einen Fernseher – wie absurd, alles war wie zuhause, dafür hätte er nicht herkommen müssen. Dann ging es hochkonzentriert los, Klingen klirrten, Säbel rasselten. Ein toller Sport, fand Tannen, der früher selber einmal gefochten hatte. Er hatte es aufgeben müssen, weil seine Haltung zu schlecht gewesen war. Haltung annehmen war nicht gerade seine Stärke. Seine schnellen Reaktionen aber stammten noch von daher, dessen zumindest war er sich sicher.
Maskenspiele
Am Ende einiger spannender Duelle war es doch Kleibrink, der gewann. Auch gut, der war jung und brauchte die Erfolge. Und Gold für Heidemann. Tannen hatte es gewusst. Er freute sich über jede Medaille, die nach Deutschland ging. Normalerweise war er kein Typ für Medaillen und Abzeichen, er fand das eitel, aber im Sport war das etwas anderes.
 |  Fechten mochte Tannen | Foto: dpa |
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Er mochte es, wenn sich die Gegner gegenüberstanden und sich belauerten, nur darauf warteten, dass der andere einen Fehler machte. Eine Sekunde der Unachtsamkeit, eine offene, ungeschützte Flanke – und schon, Peng, traf die Waffe ins Ziel. Es war wie im echten Leben... Gekämpft wird mit geschlossenem Visier. Die Gegner tragen ihre Masken nicht nur als Schutz gegen die Angriffe, sondern auch als Schutz gegen die Wahrheit. Tannen merkte, dass er ein paar Bier zu viel getrunken hatte und wieder herumphilosophierte.
Er musste an Frau Wong denken. Ihre Freundlichkeit war auch nur reine Maskerade. Er war ihrer Täuschung, ihrem doppelten Spiel aufgesessen. Er hatte ihr sogar vertraut. Aber sie hatte ihm, dem Narren, ja nur den Spiegel vorgehalten, dachte Tannen. Er schwor sich: Er würde parieren, er würde auch ihre Schwachstelle finden ...
Giftiger Badezusatz
Zurück in seinem Zimmer bemerkte Tannen, dass jemand die Klimaanlage wieder heruntergeregelt hatte. Der Temperaturunterschied zu draußen betrug gefühlte dreißig Grad und er freute sich auf eine Wanne, bis das Zimmer warm wurde. Tannen ging ins Bad und zog sich aus, während das Wasser einlief. Vor dem großen Spiegel musterte er seine Figur oder das, was davon übrig war. Es erschien ihm, als ob dieser vergrößerte Leib gar nicht zu ihm gehörte. Er war sich fremd geworden und diese eingerosteten Knochen zu bewegen, fiel ihm schwer. Er nahm sicherheitshalber eine Dosis von Wongs Tropfen, warum genau, wusste er auch nicht. Und dann noch eine zweite.Als er in die Badewanne steigen wollte, bemerkte er unter einem Handtuch einen kleinen Schatten, der sich zu bewegen schien. Vorsichtig hob er eine Ecke an und plötzlich krabbelte ein schwarz gepanzertes Etwas heraus. In Drohgebärde baute sich ein Skorpion vor ihm auf. Tannen erschrak und machte einen Satz zur Seite. Das Medizinfläschchen fiel herunter und zersplitterte auf den Kacheln.
«Mist!» entfuhr es Tannen.
 |  Auf einen Skorpion hatte Tannen keine Lust | Foto: AP |
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Ohne das Tier aus den Augen zu lassen, griff Tannen nach seinem Hemd und rief die Rezeption an. Er verlangte energisch nach Frau Wong, doch man sagte ihm, dass im Hotel niemand mit diesem Namen arbeite. Er schob das Missverständnis auf die Sprachbarriere. Er hatte Frau Wong ja leibhaftig im Hotel erlebt - hatte er? Zumindest, bis sie vor seiner Nase einfach spurlos verschwunden war, überlegte Tannen. Er mochte es nicht, wenn in ihm Überzeugungen ins Wanken gerieten und er unsicher wurde. Realität, Beweise, Tatsachen – alles unumstößliche Wahrheiten, auf denen sein ganzes Leben fußte, beruflich wie privat. Also schob er den Gedanken beiseite. Die meisten Chinesen sprachen eben noch schlechter Englisch als er, beruhigte Tannen sich. Er bestellte einfach einen 'Exterminator', ein Wort, das man hier offensichtlich verstand, und zog sich wieder an.
Big trouble in «little» China
Wenige Minuten später war der Kammerjäger zur Stelle und erledigte unaufgeregt seine Arbeit. Das zersprungene Fläschchen und die rötlich-gelbliche Lache der Medizin, an deren Einnahme Tannen sich schon mehr als gewöhnt hatte, schienen dem Schädlingsbekämpfer weit mehr Kopfzerbrechen zu bereiten. Plötzlich wirke er sehr hektisch und wollte Tannens Zimmer so schnell wie möglich verlassen. Zum Abschied aber grüßte er mehr als freundlich: «See you!» Tannen antwortete nichts. Er hielt es für eine Floskel.Dann war der Gast aus Europa wieder allein. Er hatte auch jetzt wieder das Gefühl, Komplikationen geradezu magnetisch anzuziehen. Lag es an ihm? Er hatte sich doch so sehr nach ein wenig Erholung gesehnt.
Tannen stand nun nicht mehr der Sinn nach Körperpflege. Er wollte aufbrechen, um Frau Wong zu suchen. Dieses Biest! Sie hatte ihn reingelegt und sie sollte es ihm büßen - und außerdem wollte er sein Geld zurück. Oder noch besser: endlich richtige, gültige Eintrittskarten!
ENDE VON TEIL 6
Lesen Sie morgen, wie es weitergeht: Tannen hasste Zufälle. Aber war der Skorpion in seinem Bad nur ein weiterer? Und was hatte es bloß mit dieser mysteriösen Flüssigkeit auf sich? Tannens kriminalistisches Gespür sagte ihm, dass es um mehr ging. Doch er fragte sich, was solche Drohgebärden rechtfertigte. Wird es Tannen gelingen, Frau Wong zu finden und sie zur Rechenschaft zu ziehen?
Alexander Broicher, Jahrgang 1973, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Demnächst erscheint sein neuer Roman im Handel. «Der Drache im Vogelnest» ist eine Exklusivarbeit für die Netzeitung und die Berliner Zeitung Online.