Fortsetzungsroman «Der Drache im Vogelnest»:
Etappensieg
18. Aug 2008 12:24
 |  Immer präsent: Sicherheitskräfte in Peking | Foto: AP |
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Das merkwürdige Holzkästchen hat es im wahren Sinne des Wortes in sich: Olympia-Karten! Doch Tannens Freude währt nicht lange. Lesen Sie Teil 5 des Fortsetzungsromans von
Alexander Broicher.
Als Tannen wieder in sein Hotel kam, hielt er nach Frau Wong Ausschau, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Er erkundigte sich beim Liftboy nach ihr, doch der schüttelte nur energisch den Kopf und ließ sich kein Wort entlocken. Tannen aber hatte so gute Laune, ihn konnte nichts mehr irritieren. Er hatte es geschafft. Endlich war er im Besitz der ersehnten Eintrittskarten!
Er wusste zwar nicht, wie sie es gemacht hatte, aber er kam sich wie ein Freiwilliger bei einer Zaubershow vor: in dem Holzkästchen, das Tannen aufgedrängt bekommen hatte, lagen zwei Olympia-Tickets. Nun wurde ihm klar, warum die Essens-Rechnung so hoch war. Diese Füchsin, schmunzelte Tannen.War es Zufall, dass er ausgerechnet Karten für die Fecht-Turniere bekommen hatte? Er beschloss, sich darüber nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Tannen hatte einen Etappensieg, sein vorläufiges Ziel erreicht.
Im Hotelzimmer atmete er vor Erleichterung tief durch und stellte das Holzkästchen auf eine Ablage neben dem Bad. Es sollte dort einen Ehrenplatz bekommen. Zufrieden schlief Tannen ein.
Pekinger Ansichten
Am nächsten Morgen überflog er die Sportteile einiger Zeitungen. Sein ausgedehntes Frühstück schlug ihm leicht auf den Magen, doch Wongs Tropfen halfen wirklich ausgezeichnet.
 |  Nach dem Sieg: Fechterin Heidemann | Foto: AP |
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Tannen nahm sich ein Taxi und ließ sich zu der Fechthalle fahren, die nur wenige hundert Meter vom Olympischen Dorf entfernt lag. Auf dem Weg passierten sie die imposanten neuen Stadien, doch die meisten waren Tannen zu protzig. Andere fand er kitschig, etwa das Lotusblüten-Tennisstadion oder den blauen Wasserwürfel, in dem so viele Schwimmrekorde aufgestellt wurden. Nur das Vogelnest, das Nationalstadion, verfehlte seine Wirkung auf Tannen nicht. Hier wollte er auf jeden Fall die Königsdisziplin der Leichtathletik erleben: den Hundertmeterlauf der Männer, der die Krönung seiner Reise werden sollte. Er müsste mit Frau Wong wegen der Karten sprechen. Falls sie noch einmal auftauchen würde, aber da machte er sich keine Sorgen. Er musste über sich lachen: Er kaufte in Peking von Hehlertypen, hinter denen er sonst selber her war.
Von Vögeln und Hunden
Tannen hatte Glück. Sein Taxifahrer sprach einige Brocken Englisch und verdingte sich während der Fahrt als Fremdenführer. Anstelle der üblichen Lobhudelei erzählte dieser staubtrocken allerlei Kuriositäten: Als einmal die chinesische Regierung die Tötung aller Hunde angeordnet hätte, soll in Folge dessen viele Menschen ein unsäglicher Hunger gequält haben. Dem sei die Ausrottung der Spatzen gefolgt, um Getreidevorräte zu schützen. Dadurch hätten sich aber Insekten so explosionsartig vermehrt, dass sämtliche Grünflächen in der Stadt entfernt wurden, was wiederum Staubstürme verursacht habe. Das war wohl auch Yin und Yang, amüsierte Tannen sich. Ob wahr oder nicht, das war ihm ausnahmsweise einmal egal. Noch hatte Tannen zu lachen.
 |  Nur mit Original-Tickets kommt man weiter | Foto: AP |
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Peking lag zwar an diesem Tag unter einer gigantischen Dunstglocke, doch Tannen konnte trotzdem erkennen, dass die Stadt heutzutage voller Parks und Grünflächen war. In den touristischen Zonen, in die sie nun immer tiefer eindrangen, sah alles wie geleckt aus und überall prangten blumengeschmückte Olympia-Werbetafeln.Als sie das Fechtstadion erreicht hatten, bemerkte Tannen eine angespannte Unruhe: An einem der Eingänge hatte sich eine Traube von Menschen gebildet, die hitzig diskutierten. Tannen wollte nichts damit zu tun zu haben und stellte sich in einer anderen Reihe an.
Auf dem Vorplatz wurde er von einem Chinesen angesprochen, der ihm unauffällig Eintrittskarten zum Kauf anbot. Leider waren keine Tickets für da Vogelnest darunter und fürs Fechten war Tannen ja bereits ausgestattet.
Fehlstart
Nur wenige Meter von Tannen entfernt sprach derselbe Schwarzhändler zwei Chinesen an, die sich plötzlich als Sicherheitskräfte in zivil herausstellten und versuchten, den Mann festzunehmen. Ticket Police hörte Tannen die Leute wispern. Dem Mann drohten drakonische Strafen, denn dem Schwarzhandel von Olympia-Karten sah man hier nicht als Kavaliersdelikt. Tannen beobachtete, wie sich ein Handgemenge entspann und aus einem gepanzerten Wagen weitere Uniformierte herbeigelaufen kamen. Die Polizisten schlugen auf den Händler ein und als seine Nase blutete, gab er seinen Widerstand auf und ließ sich abführen.
 |  Zu viel Polizei | Foto: AP |
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Tannen verspürte eine unklare Gefühlslage. Selbst ihm als Bullen machte der Polizeistaat Angst. China hatte Erfahrung, Menschenmassen zu kontrollieren, gegen Kontrollverlust gingen sie unbarmherzig vor. Da verließ Tannen der Mut und er verwarf seinen neuen Plan, sich für die anderen Spiele bei einem dieser Schwarzhändler vor den Stadien einzudecken.
Schnell taten die Wartenden so, als sei nichts geschehen.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Schließlich war Tannen an der Reihe. Er reichte der Frau hinter dem Schalter seine Karte. «Invalid», sagte sie trocken. Tannen fragte nach dem Problem, sie aber schüttelte nur energisch den Kopf: «Fake, this is only a fake!» Ungeduldig wartete sie, dass Tannen den Nächsten an die Reihe lassen würde. Es dauerte eine Zeit, bis Tannen begriff, dass er betrogen worden war: Man hatte ihm, dem Bullen, gefälschte Karten angedreht. Aufgebracht protestierte er, es müsse ein Fehler vorliegen, aber als die Frau am Ticketschalter nervös wurde und sich umdrehte, um nach den Sicherheitskräften zu rufen, rannte Tannen los, bis er ein Taxi erreicht hatte. Jetzt arteten diese Spiele für ihn doch noch in aktiven Sport aus, dachte er außer Atem.
Sein Blick fiel auf die chinesische 'Rolex' an seinem Handgelenk. An einer Seite war der goldfarbene Lack bereits ab. Er schüttelte den Kopf über so viel eigene Dummheit. Er trug die Aufforderung für die Betrüger weithin sichtbar am Handgelenk. Er hatte die Fälscher ja regelrecht angefüttert. Tannen kochte vor Wut.
«Diese verdammten Halunken!» ätzte Tannen. «Nicht mit mir! Na wartet, euch kriege ich!»
ENDE VON TEIL 5
Lesen Sie morgen, wie es weitergeht: Tannen musste schmerzlich erfahren, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Seine Eintrittskarten sind schlichtweg wertlose Fälschungen. Er beschließt, sich das Geld wiederzuholen, das er für die sündhaft teuren Tickets ausgegeben hat. Doch die Geister, die er weckt, hätte er besser nicht gerufen ...
Alexander Broicher, Jahrgang 1973, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Demnächst erscheint sein neuer Roman im Handel. «Der Drache im Vogelnest» ist eine Exklusivarbeit für die Netzeitung und die Berliner Zeitung Online.