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Fortsetzungsroman «Der Drache im Vogelnest»: 

Mit mysteriösen Tropfen in der Geisterstraße

15. Aug 2008 08:11
In Pekings Garküchen gibt es viele Leckereien
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Wird es dem Schweizer gelingen, auf dem Schwarzmarkt doch noch Olympia-Karten zu ergattern? Tannen stürzt sich dafür in das nächtliche Getümmel des großen Drachens. Lesen Sie Teil 3 des Fortsetzungsromans von Alexander Broicher.

Tannen wurde zu seinem Zimmer geleitet. Im Aufzug und auf den Hotelfluren dudelte chinesische Fahrstuhlmusik, die erst nach genauerem Hinhören als weichgespülte Zuckerwatteversion internationaler Hits zu erkennen waren. «Ei-titit ma-a-ei Wej». Es roch leicht nach feuchten Teppichböden und dem allzu deutlichen Versuch, dagegen mit Raumspray anzukämpfen.

Noch allgegenwärtiger waren die vielen Angestellten, die überall herumschwärmten. Kofferträger, Rezeptionistinnen, Pagen, Zimmerservice, Aufzugsrufer und Aufzugsführer. Allein sein Einzug beschäftigte einen Tross wie bei einem Staatsbesuch. Einigen davon drückte er wahllos etwas Geld in die Hand, ohne zu wissen, ob es angemessen war. Tannen mochte den Wirbel nicht und er bezahlte, damit sie ihn in Ruhe ließen.

Nur manchmal war es ruhig im Hotel
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Nummer 409: Tannens Zimmer war funktional und unterkühlt, das galt natürlich auch für die Temperatur. Das Fenster ließ sich nicht öffnen und so konnte er auch die Beduftung mit künstlichem Rosenwasser nicht vertreiben. Er erinnerte sich an die Taxifahrt und dachte, es sei vielleicht auch besser, nicht zu lüften.

Touristenfalle

Tannen machte sich kurz frisch und beschloss, bis zu seiner Verabredung die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Vielleicht würde er selber irgendwo Tickets für die Wettkämpfe ergattern können. Jede Stadt hat ihre dunklen Ecken, dachte Tannen.

In der Hotelbar trank er noch einen doppelten Espresso und nahm eines der Taxis, das vor dem Hotel wartete. Tannen sagte: «Eating», wobei er mit der Hand eine Schaufelbewegung in Richtung seines Mundes andeutete. Der Fahrer nickte und entließ ihn schließlich an der Wangfujing Road, die er als die «Goldene Straße» anpries, in die schwülfeuchte Waschküchenluft, die sich mit dem öligen Abgasgeruch vermischte, der unentwegt in die Luft geblasen wurde. Manchmal wollte selbst Tannen Klimaanlagen nicht missen.

Geister im Bauch

Tannens Magen rebellierte. Vielleicht das Schaukeln auf der Fahrt, aber eher der Espresso. Auch so eine schlechte Angewohnheit, die seiner Gesundheit nicht gut tat, die er aber wider besseres Wissen noch nicht losbekommen hatte. Er wollte versuchen, die unruhigen Geister in seiner Mitte mit Essen zu besänftigen. Als erstes fielen ihm die bekannten Leuchtreklamen westlicher Marken ins Auge, aber er entschied sich gegen amerikanisches Fastfood.

Kaufen, kaufen, kaufen
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Auf der Einkaufstraße blinkte es von allen Seiten; sie war riesig, aber austauschbar, und genau das langweilte ihn. Tannen ging eine ganze Weile und wurde von überall bedrängt, etwas zu kaufen, bis er nicht mehr mochte. Er fühlte sich wie ein Stück Vieh, das zum Auschlachten auf die Konsumbank getrieben wurde. Kurz: er fühlte sich wie ein Tourist und er kotzte sich selber an.

Tannen schaute auf seine neue 'Rolex' und war froh, sich ein Taxi zu seiner Verabredung nehmen zu können. Vielleicht würde er dort mehr Glück haben. Mit den Geistern in seinem Bauch und den anderen auch.

Die Geisterstraße

Langsam legte sich die Dunkelheit über die Stadt. An der Adresse, die Frau Wong ihm aufgeschrieben hatte, tummelten sich noch mehr Menschen als auf der «Goldenen Straße». Wie Insekten schwirrten kleine Motorroller, Fahrräder und Rikschas durch die dicht gedrängten Massen. Ein starker Geruch nach Essen und Gewürzen lag in der Luft und überall neben den Restaurants hingen rote Laternen. Man könnte sie auch Straße der roten Laternen nennen, dachte Tannen, während er nach Frau Wong Ausschau hielt und versuchte, sich einen Weg durch die Menschen zu bahnen. Er hielt sich den Bauch, was sämtliche Restaurantbetreiber veranlasste, ihn anzusprechen.

«Ist Ihnen immer noch nicht gut?» Aus dem Nichts war Frau Wong aufgetaucht und vertrieb zu Tannens Erleichterung mit ein paar scharfen Worten die aufdringlichen Händler. Sie hatte ihre Uniform gegen ein kurzes Hemdkleid mit Stehkragen getauscht, das ihr etwas von Twiggy verlieh.

«Naja», meinte Tannen und fragte sich, warum sie 'immer noch' gesagt hatte.
«Krämpfe?» Sie schaute ihn eindringlich an. Tannen fiel auf, dass sie ihren Dutt gelöst hatte und das offene Haar ihr etwas Weiches verlieh.
«So was in der Art», sagte er.

«Kommen Sie, wir besorgen Ihnen erst einmal was dagegen.» Erst einmal? Er fragte sich, was sie noch mit ihm vorhatte.

Eine seltsame Medizin

Frau Wong zog Tannen in einen Laden, in dem sich unzählige Schubladen voller getrockneter Kräuter und Glasbehälter mit undefinierbaren Tierteilen bis unter die Decke stapelten. Frau Wong wechselte mit dem Verkäufer, der hundert Jahre alt sein musste, ein paar Worte zur Begrüßung und deutete auf Tannen. Plötzlich entspann sich ein heftiges Wortgefecht zwischen ihr und dem Alten. Tannen schaute interessiert zu. Es schien ihm, als ob diese Töne nicht aus der gleichen Kehle stammen könnten wie der liebliche Singsang, den sie verwendete, wenn sie mit ihm sprach. Ihr freundliches Gesicht sah in der Anspannung auf einmal ganz anders aus. Tannen legte die Frage, ob sie Hilfe benötige, in einen langen Blick, doch mit einer Geste deutete sie ihm an, dass er sich kurz gedulden solle.

Auch eine junge Frau arbeitete in der Apotheke
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Der alte Mann nickte schließlich, vermischte einige Flüssigkeiten und reichte ihr ein kleines Fläschchen, mit dem sie den Laden verließen.
«Was war denn los? Alles in Ordnung?», wollte Tannen wissen.
«Ja, wieso? Er war sehr nett.»
«Aha. Es klang anders.»
«Typisch, ihr denkt immer nur mit dem Kopf. Man muss auch mit dem Bauch denken und reden.»
«Mein Bauch redet auch, aber leider etwas zu viel…» dachte Tannen, und als ob sie seine Gedanken erraten hatte, reichte sie ihm das Fläschchen: «Hier, nehmen Sie je zehn Tropfen, bis es besser wird.»

Tannen schaute sie misstrauisch an. «Ich glaube nicht an Kräuter-Hokuspokus.»
«Mit Kräutern hat das nichts zu tun. Vertrauen Sie mir.»
Tannen wusste nicht wieso, aber schließlich gab er sich einen Ruck und schluckte die bittere Medizin. Ein Kälteschauer zog über seinen Rücken und er schüttelte sich. «Gut.» Sie lachte wieder.

Die Spur führt ins Dunkle

Auf der Straße kam es Tannen vor, als ob es immer voller und lauter wurde, je später es wurde. Sie manövrierte ihn mit schnellen geübten Schritten an dem Strom der Massen vorbei in eine schmale Seitengasse. Tannen begann, sich wohler zu fühlen, und er nahm noch einmal zehn Tropfen.

Die Gasse wurde immer schmaler. Touristen gab es hier keine mehr. Die Luft schwirrte, an allen Ecken und Enden rauchte oder dampfte es und die Nacht brodelte in den Töpfen. Zwischen den Tüchern, die die einzelnen Stände teilten, hingen überall Tiere, tot oder lebendig. Alles hier wirkte so lebendig, selbst der Tod, dachte Tannen. Dazwischen blitzten die wachsamen Augen der Köche auf, die Tannen manchmal wie lauernde Tieraugen vorkamen. Doch ein Blick zu viel oder zu lange, und die Menschen zeigten freundlich die Zähne, egal, wie viele sie noch hatten.

«Sie müssen etwas essen, kommen Sie hier hinein.» Frau Wong zog ihn in eine kleine, halboffene Garküche, die auch einige Sitzplätze hatte. Er nahm noch einmal von dem bitteren Gebräu. Entspannung machte sich in ihm breit und ihm wurde ganz warm im Bauch. Er schwitzte, noch stärker als ohnehin, aber es war ihm nicht mehr peinlich. Vibrierende Klänge, die von einem zweisaitigen Streichinstrument stammten, hüllten sie sanft ein. Frau Wong rief einige Male hintereinander einen abgehackten, krächzenden Laut in den Hinterhof, es klang wie 'Tschjuk-juk', 'Tschjuk-juk', 'Tschjuk-juk'.
«Was heißt das?» wollte Tannen wissen.
«Nichts. Es ist kein Wort. Es ist mehr eine Art ... Code.»
«Und was bedeutet es?»
«Das werden Sie schon sehen. Sie wissen doch, weshalb wir hier sind.» Frau Wong strahlte ihn an. Das war ihm zunächst Antwort genug, und auch er lächelte.

Ende von Teil 3

Lesen Sie morgen, wie es weitergeht:
Fremde Geschmäcker und mysteriöse Gestalten – und Frau Wong verschwindet spurlos. Doch sie hatte ihre Rechung ohne Tannen gemacht ...

Alexander Broicher, Jahrgang 1973, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Demnächst erscheint sein neuer Roman im Handel. «Der Drache im Vogelnest» ist eine Exklusivarbeit für die Netzeitung und die Berliner Zeitung Online.

 
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