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Fortsetzungsroman «Der Drache im Vogelnest»: 

Der Sport der Anderen

14. Aug 2008 07:55
Für Tannen nicht entzifferbar: Chinesische Schriftzeichen
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Tannen erfährt, dass seine Olympia-Eintrittskarten spurlos verschwunden sind. Offiziell sind alle Veranstaltungen ausverkauft. Doch unverhofft erhält der Schweizer ein mysteriöses Angebot. Lesen Sie heute Teil 2 des Fortsetzungsromans von Alexander Broicher.

Tannen starrte rätselnd auf das Papier, als Frau Wong ihn vorsichtig ansprach. «Ich dachte, Sie würden unsere Schrift lesen können, weil sie eine Nachricht in chinesischen Lettern bekommen. Mein Fehler», entschuldigte sie sich, «Darf ich Ihnen behilflich sein?» Tannen nickte.

«Hier steht, dass Ihnen entgegen Ihrer vorläufigen Bestätigung keine Eintrittskarten für die Olympischen Spiele zugeteilt worden sind. Etwas mit der Kreditkarte sei nicht in Ordnung.» Frau Wong schaute misstrauisch auf die Karte, mit der Tannen auch im Hotel zu zahlen gedacht hatte.

«Das kann nicht sein. Das darf einfach nicht sein! Könnten Sie die Karte einmal ausprobieren?», fragte Tannen, der sich immer noch keinen Reim darauf machen konnte, und streckte ihr seine Kreditkarte entgegen. Er rieb sich den Bauch, der bei Problemen immer Ärger machte. Tannen bemerkte nicht, dass sie sein Unwohlsein genau beobachtete.

«Einwandfrei», sagte Frau Wong nach einem kurzen Moment und gab ihm die Karte und den Beleg über die übliche Hinterlegung zurück. Tannen schüttelte ungläubig den Kopf. «Manchmal», begann sie vorsichtig, «manchmal heißt es von offizieller Seite, die Karte sei nicht in Ordnung, aber in Wirklichkeit ... also, wenn ...»
«Wenn was?», hakte Tannen nach.

«Manchmal reicht eine Spende für eine 'falsche' Organisation, die mit der gleichen Karte bezahlt wurde. Bei manchen ist es ein Zeitungsartikel. Vielleicht haben Sie das Einwanderungsformular am Flughafen falsch ausgefüllt oder etwas Ungünstiges angegeben, wie etwa Vorstrafen oder ...»
«Ich bin Polizist», unterbrach er sie.

«Oh!» Frau Wong straffte sich etwas zu förmlich und Tannen entging nicht die Ironie in ihrer Reaktion.

Der Sport der Anderen

«Welche Wettkämpfe wollten Sie sich denn ansehen?», erkundigte sich Frau Wong nun ausnehmend hilfsbereit.
«Zuerst Fechten.»
«Leider ausverkauft.»
«Und wie stehts mit Handball?»

Dies würde Tannen nicht zu sehen bekommen
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Frau Wong schüttelte den Kopf und fragte: «Wie wäre es stattdessen mit Bogenschießen?»
«Nichts für mich.»
«Schade.» Tannen sah sie irritiert an, doch sie zuckte nur knapp mit den Achseln.
«Leichtathletik interessiert mich am meisten. Besonders die Kurzstreckenläufe.»
«Da ist absolut nichts mehr zu machen.»
Ihm fiel auf, dass sie scheinbar alles auswendig wusste und er wurde misstrauisch.
«Müssen Sie denn nicht im Computer nachsehen?»
«Nein», entgegnete sie, offensichtlich ohne jedes Bemühen, seine Zweifel aus dem Weg zu räumen.
«Für was gibt es denn noch Karten?», fragte Tannen ungeduldig.
«Segeln, in Qingdao, das liegt an der Küste. Und Reitwettkämpfe. Aber die finden in Hong Kong statt ... da benötigen Sie vielleicht ein anderes Hotel», sagte Frau Wong so gut gelaunt, dass Tannen das Gefühl bekam, das Ganze mache ihr zunehmend Spaß.

«Sagen Sie doch gleich, dass alle Tickets für Peking ausverkauft sind.»
«Sie haben nicht danach gefragt», antwortete Frau Wong mit größter Selbstverständlichkeit. Normalerweise hätte Tannen die Geduld verloren. Er mochte keine Spielchen. Aber er war zu beschäftigt, seine Gedanken zu sortieren. Er grübelte darüber nach, was er nun machen sollte.

Ein Hoffnungsschimmer

Den ganzen weiten Weg umsonst, dachte Tannen. Frau Wong muss es ihm angesehen haben, denn nach einer Weile meinte sie vorsichtig: «Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Aber ich weiß nicht, ob Sie der Richtige dafür sind ...» Tannen sah sie an und musterte ihre Blicke. Dann verstand er. «Keine Sorge, ich habe nicht nur meine Waffe in Deutschland gelassen, sondern auch den Bullen. Einverstanden?» Entgegen seiner Art war Tannen richtig freundlich.

Sie sah ihn prüfend an, dann grinste sie, breiter und breiter, und nickte zustimmend. Tannen konnte sich ihrem Lächeln nicht entziehen. «Vielleicht könnten Sie mir dafür auch einen Gefallen tun», schob Frau Wong selbstbewusst hinterher.

Geisterhaft wirkte auf Tannen so einiges
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«Ich? Ich wüsste nicht, wie ich Ihnen hier behilflich sein könnte.» «Ich habe da schon eine Idee. Treffen wir uns heute um 21 Uhr, auf dem Nachtmarkt von Gui Jie.»
«Wie ... Gulli ...?», wiederholte Tannen unsicher.
«Fast: 'Gui Jie'. Es bedeutet 'Geisterstraße'. Hier sagt man, dass normalerweise nur Geister in der Nacht so aktiv sind. Es liegt an der Ostseite innerhalb der zweiten Ringstraße, zwischen Hou Hai und San Li Tun. Ich schreibe Ihnen die Adresse auf.»

Eine Entdeckung mit ungeahnten Folgen

Frau Wong reichte ihm den Zettel mit der Anschrift und winkte einen Pagen herbei. Als sie sich zur Seite drehte, um ihre Hand zu heben, rutschte das Halstuch, das die Angestellten des Hotels zu ihren Uniformen trugen, nach oben und auf ihrem Nacken bemerkte Tannen eine ausgeblichene Tätowierung, von der er nur etwas wie eine Kralle erkennen konnte. Dann kreuzte Frau Wong seinen Blick und für einen Moment erschien es ihm, als ob die sonst so selbstsichere Frau errötete.

Schlagartig wich die Freude aus ihrem Gesicht. Irritiert suchte sie nach einer Beschäftigung für ihre Hände, dann fing sie sich wieder. Mit einer beiläufigen Bewegung rückte sie ihr Halstuch zurecht. Tannen war plötzlich Luft für sie und sie wandte sich schnell einem anderen Gast zu, der gerade einchecken wollte.

Tannen maß der Sache keine besondere Bedeutung zu. Er hatte gelernt, dass sich Menschen manchmal grundlos seltsam verhalten. Aber etwas daran machte ihn neugierig auf das Treffen mit dieser Frau, etwas, das über sein brennendes Interesse für die Olympia-Tickets hinausging.

ENDE VON TEIL 2

Lesen Sie in Teil 3, wie es weitergeht: Wird es Tannen mit der Hilfe von Frau Wong gelingen, auf dem Schwarzmarkt doch noch die begehrten Eintrittskarten zu ergattern? Tannen muss sich dafür in das nächtliche Getümmel des großen Drachens stürzen. Eine Erfahrung, die ihm mehr offenbaren soll, als ihm lieb ist ...

Alexander Broicher, Jahrgang 1973, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Demnächst erscheint sein neuer Roman im Handel. «Der Drache im Vogelnest» ist eine Exklusivarbeit für die Netzeitung und die Berliner Zeitung Online.

 
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