Doping bei Olympia:
Erster sein
22.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Im Übrigen lässt sich von Fortschritt kaum reden. Fast ohne Zynismus ist der «Olympiasieger» inzwischen als ein Betrüger zu definieren, der bisher nur deshalb noch nicht aufgeflogen ist, weil er über das beste Chemie-Labor verfügt. Disziplinen wie das Reiten sind von diesem Verdacht selbstverständlich ausgenommen - jedenfalls galt das bis gestern, als bei vier von 15 getesteten Pferden verbotene Substanzen festgestellt wurden. Zumindest dass auch ein deutsches Pferd darunter sein würde, hatte niemand erwartet. Denn der letzte Doping-Skandal bei den deutschen Reitern lag schon so lange zurück, dass man ihn fast vergessen hatte - vier Jahre. Es war bei den Olympischen Spielen in Athen.
Im einen wie im anderen Fall wären die Folgen verheerend. Die Entkriminalisierung der Steuerhinterziehung hätte den sofortigen Staatsbankrott zur Folge, im Übrigen die berechtigte Verbitterung des ehrlichen Steuerzahlers, durch eigene Schuld der Dumme zu sein. Die Konsequenzen legalisierten Dopings wären nicht viel weniger gravierend. Nicht nur würde sich ein aufgehobenes Verbot zwar unausgesprochen, aber unwiderstehlich als Gebot auswirken, als Leistungssportler seinen Körper um jeden Preis mit Chemikalien vollzupumpen.
Weder die Freigabe noch schärfere Gesetze werden Doping im Leistungssport beenden. Die Aufmerksamkeit, die das Publikum - nur - dem Sieger zollt, das Renommee und das Geld, das den Gewinner erwartet, sind zu verführerisch, um auf sie wegen möglicher Sanktionen zu verzichten. Die einzige Chance, den Leistungssport davor zu bewahren, als chemikalische Leistungsschau zu enden, liegt nicht in der Aufdeckung möglichst vieler Skandale, sondern in der Skandalisierung jeder Aufdeckung.
Würden alle Doping-Sünder entdeckt und verurteilt, wäre das das Ende des Leistungssports und der Autorität des Doping-Verbots. Es gilt die Erkenntnis des Soziologen Heinrich Popitz: «Wenn auch der Nachbar zur Rechten und zur Linken bestraft wird, verliert die Strafe ihr moralisches Gewicht. Auch die Strafe kann sich verbrauchen.»
Die Kunst, nicht erwischt zu werden, nützt also nicht nur dem Delinquenten, nicht weniger dient sie dem Zusammenhalt der Gesellschaft. Finden wir uns also damit ab, dass nicht jeder Doping-Sünder bekommt, was er verdient, sondern unredlich zwar, aber prächtig verdient.
[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]

