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Olympische Charta: 

Wer seine Meinung sagt, riskiert die Medaille

26. Mrz 2008 16:34, ergänzt 17:41
Ein Demonstrant präsentiert die Olympischen Ringe als Handschellen
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Den Teilnehmern der Peking-Spiele droht bei politischen Demonstrationen die Disqualifikation. So deutlich die Olympische Charta derartige Regelverletzungen unter Strafe stellt, so unklar ist die Interpretation.

Bedeutet Disqualifikation den Medaillenverlust als die Höchststrafe oder «nur» den Verlust der Akkreditierung und den Ausschluss von den Spielen? Selbst prominente IOC-Mitglieder sind ratlos.

Die Olympische Charta untersagt «jede politische, religiöse oder rassistische Demonstration oder Propaganda an den Olympischen Stätten». Offen ist, ob ein Olympiasieger, der bei der Siegerehrung zum Beispiel ein «Free Tibet»-T-Shirt trägt, seine Goldmedaille verliert oder nur von den weiteren Spielen ausgeschlossen wird. So oder so wird die IOC-Exekutive über den jeweiligen Fall entscheiden, und der Entschluss ist laut Charta bindend.

Präzedenzfall 1968

Fast 40 Jahre nach dem bisher bekanntesten Präzedenzfall eines politischen Protestes ist das Thema omnipräsent. 1968 bei den Spielen in Mexiko-Stadt hatten die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung die Faust mit einem schwarzen Handschuh in den Himmel gereckt und waren danach sofort aus dem Olympischen Dorf verwiesen worden.

Wichtig sind nur die Wettkampfregeln

Die jetzige Situation ist völlig ungeklärt. IOC-Vizepräsidentin Gunilla Lindberg (Schweden) sagte der Deutschen Presse Agentur dpa: «Ich weiß nicht genau, welche Konsequenzen das mit sich bringen würde.» Walther Tröger, langjähriger Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und immerhin seit 19 Jahren im IOC, wagt folgende Interpretation: «Wenn ein Athlet, ohne dass eine Verletzung der Wettkampfregeln vorliegt, eine Medaille gewinnt, kann ihm diese aus anderen Gründen hinterher nicht mehr aberkannt werden.»

«Spiele müssen politisch neutral sein»

Ihre Medaillen durften sie behalten. Parallel zum Beschluss des Boykott-Verzichts hat sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) noch einmal ausdrücklich zum mündigen Athleten bekannt - zu mündig darf er allerdings nicht sein. Schliesslich soll Olympia eine unpolitische Veranstaltung sein, oder wie es DOSB-Präsident Thomas Bach so schön formuliert: «Die Spiele müssen politisch neutral sein.»

«Wir verteilen keine Maulkörbe»

Im Berliner «Tagesspiegel» wurde der IOC-Vizepräsident sogar noch deutlicher: «Wir wollen ja auch nicht, dass bei der Eröffnungsfeier Sportler die Porträts ihrer politischen Führer durchs Stadion tragen oder Diktaturen für sich werben.» DOSB-Generalsekretär Michael Vesper, gleichzeitig Chef de Mission des deutschen Olympia-Teams, betonte: «Wir verteilen keine Maulkörbe. Unsere Athleten sind mündige Bürger, die sich eine Meinung bilden sollen und diese im Rahmen der Regeln auch ausdrücken können.» Bei der Schwimm-EM in Eindhoven wurde der Serbe Milorad Cavic ausgeschlossen, weil er ein T-Shirt «Kosovo ist Serbien» trug.

Nooke gegen Linie des IOC

Für den Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Günter Nooke, geht die Athleten-Gängelung durch das Internationale Olympische Komitee (IOC), zu weit. Er forderte das IOC in der »Berliner Zeitung» sogar auf, politische Protestaktionen während der Spiele zu erlauben: «Wenn das IOC die Spiele weiter an Länder wie China oder Russland vergeben will, dann muss es den Sportlern auch erlauben, sich politisch zu äußern, und ihnen nicht mehr mit Konsequenzen drohen.»

«Sanktionen lösen keine politischen Probleme»

Keine Konsequenzen sind vorerst aus der Wirtschaft zu erwarten. «Wirtschaftliche Sanktionen gegen China lösen keine politischen Probleme, vermutlich würden sie nur noch größer», erklärte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Martin Wansleben.

Athleten zu Protesten ermutigt

Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner ermutigte Athleten zu Solidaritätsbekundungen mit Tibet. Die EU-Außenminister wollen Kouchner zufolge an diesem Freitag bei ihrem informellen Treffen in Slowenien die Möglichkeit eines Boykotts der Eröffnungsfeier erörtern. Der flämische Sportminister Bert Anciaux kündigte bereits an, er werde der Eröffnungszeremonie fernbleiben. (nz/dpa)

 
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