Olympiateam als Klassengesellschaft: 

netzeitung.deMillionäre und Sozialfälle

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Großverdiener unter den Olympioniken: Dirk Nowitzki (r.) (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Großverdiener unter den Olympioniken: Dirk Nowitzki (r.)
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wenn jemand seinen Sport professionell ausübt, muss er noch lange nicht davon leben können. Die Unterschiede in der deutschen Olympiamannschaft sind extrem - auch der Blick ins Ausland lohnt.

Wenn das deutsche Olympiateam in diesen Tagen das Athletendorf in Peking bezieht, dann als Klassengesellschaft: Sportmillionäre und Sozialfälle wohnen Tür an Tür. Hartz-IV-Empfängerin Florence Ekpo-Umoh – 400-m-Läuferin mit nigerianischen Wurzeln – neben Basketballstar Dirk Nowitzki, der im texanischen Dallas 15 Millionen Dollar im Jahr verdient. Oder Nicolas Kiefer, der als Tennisprofi schon Millionen gesammelt hat. Auch Handballerweltmeister wie Pascal Hens werden jährlich mit Gehältern von deutlich jenseits der 200.000 Euro entlohnt. Auch Jens Voigt wird nach seinem Karriereende als Straßenradfahrer wohl ausgesorgt haben.

Die letztgenannten gehören alle zu jenen 45 Sportlern, die den großen Unterschied ausmachen unter den 439 Mitgliedern des deutschen Olympiatteams. Es ist ein Unterschied, der viel aussagt über die Voraussetzungen, unter denen Hochleistungssport betrieben und gefördert wird - die Olympischen Spiele in Peking als deutscher Testfall. Ob Vollprofi, Halbprofi oder Profi auf Zeit, die meisten sind dem Status eines Amateurs viel näher als dem eines Berufssportlers. Geeint ist das Team durch die Tatsache, dass alle ihren Sport professionell betreiben. Michael Ilgner, Geschäftsführer der Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH), sagt: «Der Begriff Profi gehört abgeschafft, weil er nicht mehr aussagestark genug ist.»

Die Berufe unserer Olympioniken
Die Zahlen der DSH zum Beruf der Pekingfahrer geben Anhaltspunkte für die Schwierigkeiten bei der Einordnung, zugleich umschreiben sie den Förderauftrag. 33 Prozent sind Studenten, 22 Prozent Berufs- oder Zeitsoldaten, 15 Prozent Auszubildende oder Schüler, zwei Prozent Bundespolizisten, 25 Prozent Selbstständige oder Berufstätige, drei Prozent werden als Sonstige geführt. Dahinter verbergen sich besondere Problemfälle. Am aussagestärksten ist noch die Zahl 45. Diese 10 Prozent in der Gruppe der Selbstständigen sind die einzigen Olympioniken, die nicht oder nicht mehr von der DSH gefördert werden.

Zu ihnen zählen die 14 Handballer und 12 Basketballer, sechs Reiter, neben Kiefer noch Michael Kohlschreiber und Rainer Schüttler, außer Voigt und Stefan Schumacher drei weitere Straßenradfahrer, die Leichtathleten Tim Lobinger, Danny Ecker und Sabrina Mockenhaupt, die Schwimmerin Britta Steffen und der Tischtennisspieler Timo Boll. Gefördert werden von der DSH hingegen alle anderen Mannschaften, also auch jene sieben Handballerinnen und neun Volleyballer, die ihr Geld im Ausland verdienen.

Auch das Beispiel Fabian Hambüchen zeigt, wie schwierig Abgrenzungen zu treffen sind. Der junge Turnstar ist zu einer hoch profitablen Ich-AG geworden. Doch im Gegensatz zu Britta Steffen steht Hambüchen noch unter dem jährlich kündbaren DSH-Vertrag. Fünf Prozent seiner inzwischen beträchtlichen Marketingeinnahmen muss er deshalb an die Sporthilfe abführen. Wie das geht, wenn aus einer Unterstützten der Sporthilfe ihr Sponsor wird, hat Manuela Neuner vorgemacht. Der neue Star der Biathlonszene gilt bereits als Werbemillionärin. Bei einer Million Euro pro Jahr fielen für die Sporthilfe 50.000 Euro ab.

«Sport-Förderalismus»
Doch längst hat die DSH ihr von ihrem Mitgründer Josef Neckermann einst reklamiertes Fördermonopol verloren, was «zeitgemäß und grundsätzlich gut ist» (Ilgner), aber auch Wildwuchs bedeutet und durch mangelhafte Koordination einen deutschen «Sport-Förderalismus» hervor gebracht hat. 14 der 16 Bundesländer besitzen mittlerweile eigene Sporthilfen, gefördert wird über Verbände, Landessportbünde, Olympiastützpunkte, Fördergesellschaften, städtische Stiftungen, Vereine und Sponsoren aus der Wirtschaft.

Ausdruck dafür sind Prämien von 40.000, 35.000 und 30.000 Euro, die die Sporthilfe von Rheinland-Pfalz/Saarland für Medaillengewinner aus ihrer Region ausgelobt hat. Ein Olympiasieger im Schwimmen kann über einen Verbandssponsor 30.000 Euro verdienen, die gleiche Summe kommt einem Goldmedaillengewinner aus dem Fechtzentrum Tauberbischofsheim zu. Da wirken die 15.000 Euro der DSH für einen Olympiasieger fast wie ein Brosamen, wobei Ilgner mit Recht auf die «gesamthafte Karriereförderung» der Stiftung verweist, die jenseits von Prämien bereits im jugendlichen Alter einsetzt.

Aufrüsten im Sport
Olympiasiegerprämien in Russland von 150.000 Euro und 100.000 Euro für eine Fechtweltmeisterschaft oder in Spanien ein festes, zentral vergebenen Monatsgehalt für Spitzenathleten von 4000 Euro relativieren deutsche Zahlen. Sie bestätigen jedoch auch, «dass nicht einmal in Zeiten des Kalten Kriegs in vielen Ländern so viel Geld für den Leistungssport ausgeben wurde wie jetzt». Das sagt DOSB-Präsident Thomas Bach. Insofern werden die Peking-Spiele zu einem Gipfel der Hochgerüsteten, bei dem es Waffengleichheit nicht geben wird. (nz/dpa)