16.02.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Dem Duo Florschütz/Wustlich ist trotz Silbermedaille bewusst, dass der Doppelsitzer ein Schattendasein führt. Obwohl Kati Witt bei «Waldi & Harry» auf dem Schoß von Hackl ja prächtig Werbung gemacht hatte.
Von Andreas Morbach, Cesana Zwischen die Berggipfel über dem Örtchen Cesana schoben sich bereits dunkle Nebelwolken, und vom Himmel segelten gar ein paar schüchterne Schneeflocken zur Erde - die ersten, die die olympischen Stätten in den Piemonteser Alpen seit langer Zeit gesehen hatten. Es war also fast schon richtig Winter geworden, als die beiden deutschen Rodler André Florschütz und Torsten Wustlich ihren zweiten und letzten Lauf durch die Eisrinne von Cesana Pariol gedonnert - und dabei zu ihrer großen Freude zu zwei Silbermedaillen gekommen waren.
Olympiasieger geschlagenAuf dem eisigen Weg dorthin hatten die beiden bei ihrer ersten Olympia-Teilnahme unter anderem auch ihre Teamkollegen Patric Leitner und Alexander Resch, immerhin die bis gestern amtierenden Olympiasieger geschlagen. «Das tut so weh, das ist so bitter. Im Grunde haben wir vier Jahre lang umsonst gearbeitet. Ich würde sagen, dass das unsere letzten Olympischen Spielen waren», sagte Resch. Die Goldmedaillengewinner von Salt Lake City waren am Ende Sechste - was den kleinen Torsten Wustlich jedoch nicht wirklich überraschte.
Für Olympia hatte er sich mit seinem Piloten Florschütz zwar erst Mitte Januar im österreichischen Igls qualifiziert - doch jetzt sieht dieser verspätete Termin ein bisschen nach Zocke aus. «Vom Trainingsverlauf her hatten wir schon mit einer Medaille geliebäugelt», verriet Wustlich, der den kontinuierlichen Formanstieg des Duos in den letzten Wochen natürlich hautnah mitbekommen hatte. Deshalb betonte er auch: «Wir wussten, dass wir noch ein bisschen was in petto haben.»
Österreicher brechen in Phalanx einZu Gold reichte die heimliche Reserve allerdings nicht - das österreichische Brüderpaar Andreas und Wolfgang Linger war letztlich doch deutlich schneller unterwegs als die Deutschen. Im Übrigen ein Ereignis von fast historischem Wert: Seit der Premiere des Doppelsitzerrodelns bei den Winterspielen 1964 hatten deutsche Rodlerpaare bei Olympia so gut wie immer gewonnen. Nur zwei Mal konnte die Konkurrenz die germanische Dominanz in dieser Disziplin durchbrechen - 1964 und 1994.
Jetzt ist den Abonnementssiegern dieses Malheur zum dritten Mal passiert, André Florschütz war das allerdings reichlich egal. Silber ist nämlich auch sehr schön, zudem hatte das olympische Gold die zahlreichen Rodler, die es in der Vergangenheit um den Hals gehängt bekamen, in der Heimat auch nicht gerade ewiges Heldentum eingebracht. Der 29-Jährige aus Erfurt macht sich da auch gar keine Illusionen, dass sich das ändern könnte. In der Randsportart Rodeln stehen die Doppelsitzer eben noch ein bisschen mehr am Rande, Florschütz weiß das: «Das ist so, das wird so bleiben, damit müssen wir leben.»
Und daran wird sich auch nichts ändern, nur weil Kati Witt bei der Premiere der TV-Show «Waldi & Harry» - Achtung, Gag! - auf dem Schoß von Hackl und mit krampfhaft zurechtgezupftem Mini-Röckchen Platz genommen hatte.
Drollige PaareVon der Länge ähnlich veranlagt wie die beiden italienischen Kollegen Gerhard Plankensteiner und Oswald Haselrieder - einer ganz lang (Florschütz), der andere eher gedrungen (Wustlich) - standen die beiden drolligen Rodler-Paare aus Deutschland und Italien jedenfalls nach ihrem zweiten Lauf nebeneinander im Zielraum. Dritte und Fünfte waren sie nach der ersten Sausefahrt gewesen - doch nach der Fahrt der anderen österreichischen Brüder Tobias und Markus Schiegl hatten sie plötzlich alle vier Medaillen gewonnen.
Also hüpften sie alle zusammen ein wenig, zumal sie neben den üblichen Anforderungen ihrer Disziplin an diesem Tag noch mit den äußeren Umständen zu kämpfen hatten. Denn rund um die olympische Eisrinne breiten sich in diesen Tagen nicht nur weitläufige Matschfelder zwischen den dürftigen Schneemengen aus, den Zweisitzern wurde das Leben bei ihrem Finale vor allem von gemeinen Windböen sehr erschwert.
Schwere StürzeDas gefährliche Herabdonnern durch den Windkanal hatte Folgen: Das amerikanische Duo Grimmette/Martin, Olympiazweite von Salt Lake City, die beiden Russen Khamkin und Boitsov sowie die Ukrainer Zscherebetskyy und Yazvinskyy kamen bei den widrigen Verhältnissen aus der Spur und stürzten. Oleg Zscherebetskyy verletzte sich dabei so schwer, dass er mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus im nahe gelegenen Pinerolo geflogen werden musste.
Ein Schicksal, das den deutschen Silbermedaillengewinnern gestern erspart blieb. Und André Florschütz schloss auch den Kollegen aus der Ukraine mit ein, als er ein hübsches Schluss-Statement für alle im Schatten lebenden Paar-Rodler dieser Welt abgab. «Wir wissen, was wir können», erklärte er kurz, dann schaute er nach rechts zu den übrigen Medaillengewinnern und sagte einfach mal im Namen aller: «Und deshalb sind wir froh, dass wir alle sechs hier auf dem Podium stehen.» Dann ging es hinunter vom Podium, zurück in die einsame Welt der Doppelsitzer.