Snowboard-Opa Hoffmann fährt bis 2010
Netzeitung: Die Olympischen Spiele in Turin rücken immer näher und Sie sind noch nicht qualifiziert...
Xaver Hoffmann: Die nächste und letzte Chance gibt es in Leysin in der Schweiz. Dort werden am Donnerstag und Freitag noch mal zwei Rennen gefahren. Da werde ich es packen – wenn ich mich nicht verletze.
Netzeitung: Das hört sich abgeklärt an. Oder ist es tatsächlich so, dass Snowboarder etwas lockerer drauf sind als andere Wintersportler?
Xaver Hoffmann: Snowboarder sind sicher ein bisschen anders. Man stellt sich gerne als den coolen Typen dar. Der Sport ist sehr jung und vielschichtig. Es gibt nicht nur den Wettkampf. Man lebt in dieser abgeschlossenen Snowboardkugelwelt, hat wenig Kontakt nach außen. Man ist Snowboarder, man hat Snowboraderfreunde, auch die komplette berufliche Laufbahn spielt sich irgendwann gezwungener Maßen in dieser Kugel ab. Ich komme da auch eigentlich nie wieder raus.
Xaver Hoffmann: Für die Biathleten sind die Olympischen Spiele das Hammer-Event. Es gibt aber auch nicht viel anderes als die Loipe und die Schießanlage. Für uns gibt es den ganzen Berg. Ich fahre zwar professionell die Pipe, aber ich muss erst einmal ganz nach oben. Anfangs fahre ich vielleicht ein steiles Stück, dann kommt ein Sprung, ein Vail und dann kommt erst die Pipe. Darauf freue ich mich wie ein Schnitzel. Danach wartet aber auch noch der Hang auf mich und eine Buckelpiste.
Netzeitung: Hört sich nach einem hohen Maß an Kreativität an. Alles soll für den Zuschauer schön aussehen ...
Xaver Hoffmann: Es muss vor allem leicht aussehen. Snowboardfahren ist Freude pur. Wenn jemand einen schlechten Tag hat, dann steht der auch schon völlig falsch auf dem Brett. Das sieht man den Kollegen an. Snowboard ist ja nicht nur Halligalli. Man muss den fröhlichen Snowboarder rauslassen, aber auf der anderen Seite seine Leistung bringen. Wenn Wettkampf ist, gehe ich am Abend vorher nicht in die Bar – jedenfalls nicht bis drei Uhr.
Xaver Hoffmann: Das ist eine zweischneidige Sache: Der Sport ist jung, und das Fernsehen weiß nicht genau, wie es damit umgehen soll. Man darf Snowboard nicht überschätzen. Der Sport hat sich schnell entwickelt, aber wenn es noch ein bisschen bis ins Fernsehen braucht, dann braucht es das eben. Beide Seiten müssen auch noch voneinander lernen. Als Snowboarder erwartet man, dass die Leute einen verstehen. Wir vergessen schnell, dass es auch noch eine Welt außerhalb gibt.
Netzeitung: Sie sind 31 Jahre alt. Sehen Sie Ihre Zukunft im Snowboarden?
Xaver Hoffmann: Erst einmal habe ich vor, noch bis zu den Winterspielen in Vancouver 2010 Snowboard zu fahren. Ich betreibe außerdem eine Wirtschaft, will aber kein Wirt werden. Ich kenne viele Kollegen, die mit dem Profisport aufgehört haben. Die meisten sind irgendwo in der Snowboardindustrie gelandet. Es ist ja so, dass man über die Jahre viel in der Entwicklung oder im Team mitarbeitet.
Netzeitung: Was liegt Ihnen denn mehr, das Technische oder die Logistik eines Teams?
Xaver Hoffmann: Ich bin grundsätzlich ein Ja-Sager. Für mich ist alles interessant. Mich um ein Team zu kümmern, würde mir aber besonders gefallen. Da gibt es zum Beispiel die Firma Burton – der Marktführer. Die suchen immer junge Leute, die sich um Kids kümmern, die gerade in den Profisport reinwachsen. Außerdem kenne ich mich ein bisschen mit den Medien aus und habe immer die Marketing- und Werbeschiene im Kopf.
Xaver Hoffmann: Kein Problem für mich. Ich bin in meine Rolle geboren. Mit 18 Jahren habe ich erst mit Snowboard angefangen – also relativ spät. Ich war immer schon der Snowboard-Papa. Der Xaver halt. Der hat einen Führerschein, der hat einen Kombi, und der fährt auch gerne rein nach München, holt alle ab und bringt alle zurück. Es war immer schon so.
Netzeitung: Wie groß ist der Leistungsdruck?
Xaver Hoffmann: Man muss schauen, dass man fit ist. In dem Alter kann man nicht mehr vier Mal in der Woche um fünf Uhr früh aus der Bar rausfallen. Das Leistungslevel ist sehr hoch, die Sponsoren setzen einen unter Druck. Sie wollen keine Möchtegern-Rockstars bezahlen, sondern Snowboarder.
Netzeitung: Wie sieht es mit ihrer Gesundheit aus?
Xaver Hoffmann: Meine krasseste Verletzung war mal eine Achillessehnenverletzung. Das hat richtig weh getan. Ausgekugelte Gelenke gibt es auch immer mal, zuletzt hat mir ein echter Hexenschuss zu schaffen gemacht. Wenn man 16 oder 17 Jahre alt ist, ist man übermütig. Wehwehchen, die man nicht richtig ausheilen lässt, werden ewig mitgeschleppt. Ich hatte bisher immer unheimliches Glück. Außerdem bin ich vorsichtig, wenn es um meinen eigenen Körper geht. Man kriegt sehr schnell ein Gefühl dafür, wo die Grenzen sind.
Netzeitung: Vielleicht ist Ihre Grenze der Wettkampf in Leysin? Was werden Sie tun, wenn Sie es nicht nach Turin zu den Winterspielen schaffen?
Xaver Hoffmann: Ich würde mir Olympia mindestens im Fernsehen angucken, logisch. Ich würde sogar versuchen, mit den anderen mitzufahren – als Betreuer.
Xaver Hoffmann: Shaun White, den Amerikaner, setze ich auf eins. Der gewinnt das Ding, das kann ich fast sicher sagen. Die weiteren Medaillenplätze vergebe ich auch noch an Amerikaner. Die sind einfach zwei Stufen besser als wir - wenn sie nicht hinfallen! Dann wähle ich den Franzosen Mathieu Crepel auf Platz vier. An Stelle fünf bis sechs werden Finnen stehen. Platz sieben oder acht – das könnte ein Italiener schaffen, zum Beispiel Giacomo Kratter. Und dann könnte schon mein Ratiopharm-Kollege Jan Michaelis kommen.
Netzeitung: Erstes Ziel ist es für Sie aber doch, mitzufahren?
Xaver Hoffmann: Klar, und dann will ich auch ins Finale!
Das Interview mit Xaver Hoffmann führte Dorothea Jantschke.
