netzeitung.deSnowboard-Opa Hoffmann fährt bis 2010

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Lupe Snowboard-Opa Hoffmann fährt bis 2010

Für Xaver Hoffmann ist der Weltcup in Leysin die letzte Chance auf eine Olympia-Qualifikation. Der 31 Jahre alte Halfpipe-Spezialist setzt sich aber nicht unter Druck, wie er der Netzeitung im Interview sagte.

Xaver Hoffmann ist mit Herz und Seele Snowboarder. Dem 31 Jahre alten Profi vom Team Ratiopharm ist der Spaß am Sport wichtiger als Medaillen und Titel. Nachdem der frühere Weltcupgesamtsieger bereits 1998 in Nagano und 2002 in Salt Lake City für Deutschland in der Halfpipe Start war, steht die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele in Turin (10. - 26. Februar) noch aus.
Letzte Chance Leysin
Hoffmann, der sich selbst als Snowboard-Opa bezeichnet, will sich das Ticket am heutigen Donnerstag beim Weltcup im Schweizer Leysin holen. Unabhängig davon hat der Garmisch-Partenkirchener vor, seine Profikarriere bis zu den Winterspielen in Vancouver 2010 fortzusetzen. Mit der Netzeitung sprach er über den Kult um das Schneebrett, den Snowboard-Slang und seine Zukunft.

Netzeitung: Die Olympischen Spiele in Turin rücken immer näher und Sie sind noch nicht qualifiziert...

Xaver Hoffmann: Die nächste und letzte Chance gibt es in Leysin in der Schweiz. Dort werden am Donnerstag und Freitag noch mal zwei Rennen gefahren. Da werde ich es packen – wenn ich mich nicht verletze.

Topniveau innerhalb von 30 Sekunden
Netzeitung: Sie haben den ersten Weltcup der laufenden Saison im chilenischen Valle Nevado gewonnen. Warum ist es Ihnen bis jetzt so schwer gefallen, dass Ticket nach Turin zu lösen?

Xaver Hoffmann: Ich war schon zwei Mal bei Olympischen Spielen und habe schon viele WM’s erlebt. Seit zwölf Jahren fahre ich nun Snowboard. Ich sage es ganz ehrlich: Ich kann nicht vier, drei oder zwei Jahre meines Lebens an eine Olympiade hängen. Die Gefahr ist groß, dass vor lauter Nervosität alles in die Hose geht. Denn so ein Lauf durch die Halfpipe dauert nur etwa 30 Sekunden. In diesen 30 Sekunden musst Du topfit sein und außerdem noch Glück haben. Es gibt so viele Variablen: die Spur des Läufers vor Dir, Fremdkörper im Schnee, Niederschlag.

Netzeitung: Das hört sich abgeklärt an. Oder ist es tatsächlich so, dass Snowboarder etwas lockerer drauf sind als andere Wintersportler?

Xaver Hoffmann: Snowboarder sind sicher ein bisschen anders. Man stellt sich gerne als den coolen Typen dar. Der Sport ist sehr jung und vielschichtig. Es gibt nicht nur den Wettkampf. Man lebt in dieser abgeschlossenen Snowboardkugelwelt, hat wenig Kontakt nach außen. Man ist Snowboarder, man hat Snowboraderfreunde, auch die komplette berufliche Laufbahn spielt sich irgendwann gezwungener Maßen in dieser Kugel ab. Ich komme da auch eigentlich nie wieder raus.

Hang, Buckelpiste, Pipe
Netzeitung: Snowboard ist ja auch ein Sport, den viele Menschen als Hobby ausüben. Mit Biathlon - zum Beispiel - ist das nicht so einfach...

Xaver Hoffmann: Für die Biathleten sind die Olympischen Spiele das Hammer-Event. Es gibt aber auch nicht viel anderes als die Loipe und die Schießanlage. Für uns gibt es den ganzen Berg. Ich fahre zwar professionell die Pipe, aber ich muss erst einmal ganz nach oben. Anfangs fahre ich vielleicht ein steiles Stück, dann kommt ein Sprung, ein Vail und dann kommt erst die Pipe. Darauf freue ich mich wie ein Schnitzel. Danach wartet aber auch noch der Hang auf mich und eine Buckelpiste.

Netzeitung: Hört sich nach einem hohen Maß an Kreativität an. Alles soll für den Zuschauer schön aussehen ...

Xaver Hoffmann: Es muss vor allem leicht aussehen. Snowboardfahren ist Freude pur. Wenn jemand einen schlechten Tag hat, dann steht der auch schon völlig falsch auf dem Brett. Das sieht man den Kollegen an. Snowboard ist ja nicht nur Halligalli. Man muss den fröhlichen Snowboarder rauslassen, aber auf der anderen Seite seine Leistung bringen. Wenn Wettkampf ist, gehe ich am Abend vorher nicht in die Bar – jedenfalls nicht bis drei Uhr.

Kaum Fernsehzeit
Netzeitung: Dafür, dass der Sport diese Massen an Menschen in seinen Bann zieht, ist im Fernsehen wenig davon zu sehen. Ski Alpin hat im öffentlich-rechtlichen Programm immer noch klar die Nase vorn. Ärgert Sie das?

Xaver Hoffmann: Das ist eine zweischneidige Sache: Der Sport ist jung, und das Fernsehen weiß nicht genau, wie es damit umgehen soll. Man darf Snowboard nicht überschätzen. Der Sport hat sich schnell entwickelt, aber wenn es noch ein bisschen bis ins Fernsehen braucht, dann braucht es das eben. Beide Seiten müssen auch noch voneinander lernen. Als Snowboarder erwartet man, dass die Leute einen verstehen. Wir vergessen schnell, dass es auch noch eine Welt außerhalb gibt.

Seven-Twenty - zwei Mal rum
Netzeitung: So ist es. Und in dieser Welt können viele Menschen gerade mit dem Snowboard-Vokabular und den codierten Bezeichnungen für Sprünge nicht viel anfangen.

Xaver Hoffmann: Ja, das sind so spezielle Geschichten. Die Zahlenangaben für die Sprünge sind Drehungs- oder Gradangaben. Ein Dreier heißt 360 (sprich: Three-Sixty, Anm. d. Redaktion). Diesen Drei-Sechziger zu springen, heißt, eine volle Drehung. Im Grunde ganz simpel. Wenn man das addiert, geht es weiter mit dem Five-Fourty, da geht es eineinhalb Mal rum. Beim 720 zwei Mal, beim 1080 drei Mal und so weiter. Wahrscheinlich versteht das niemand, der nicht mindestens an der Zugspitze wohnt.

Netzeitung: Sie sind 31 Jahre alt. Sehen Sie Ihre Zukunft im Snowboarden?

Xaver Hoffmann: Erst einmal habe ich vor, noch bis zu den Winterspielen in Vancouver 2010 Snowboard zu fahren. Ich betreibe außerdem eine Wirtschaft, will aber kein Wirt werden. Ich kenne viele Kollegen, die mit dem Profisport aufgehört haben. Die meisten sind irgendwo in der Snowboardindustrie gelandet. Es ist ja so, dass man über die Jahre viel in der Entwicklung oder im Team mitarbeitet.

Netzeitung: Was liegt Ihnen denn mehr, das Technische oder die Logistik eines Teams?

Xaver Hoffmann: Ich bin grundsätzlich ein Ja-Sager. Für mich ist alles interessant. Mich um ein Team zu kümmern, würde mir aber besonders gefallen. Da gibt es zum Beispiel die Firma Burton – der Marktführer. Die suchen immer junge Leute, die sich um Kids kümmern, die gerade in den Profisport reinwachsen. Außerdem kenne ich mich ein bisschen mit den Medien aus und habe immer die Marketing- und Werbeschiene im Kopf.

Alter Hase unter jungen Profis
Netzeitung: Sie zählen im Snowboard-Zirkus zu den alten Hasen und arbeiten gerne mit Jüngeren. Macht es Ihnen nichts aus, wenn ein 18-Jähriger Sie im Wettkampf in den Schatten stellt?

Xaver Hoffmann: Kein Problem für mich. Ich bin in meine Rolle geboren. Mit 18 Jahren habe ich erst mit Snowboard angefangen – also relativ spät. Ich war immer schon der Snowboard-Papa. Der Xaver halt. Der hat einen Führerschein, der hat einen Kombi, und der fährt auch gerne rein nach München, holt alle ab und bringt alle zurück. Es war immer schon so.

Netzeitung: Wie groß ist der Leistungsdruck?

Xaver Hoffmann: Man muss schauen, dass man fit ist. In dem Alter kann man nicht mehr vier Mal in der Woche um fünf Uhr früh aus der Bar rausfallen. Das Leistungslevel ist sehr hoch, die Sponsoren setzen einen unter Druck. Sie wollen keine Möchtegern-Rockstars bezahlen, sondern Snowboarder.

Netzeitung: Wie sieht es mit ihrer Gesundheit aus?

Xaver Hoffmann: Meine krasseste Verletzung war mal eine Achillessehnenverletzung. Das hat richtig weh getan. Ausgekugelte Gelenke gibt es auch immer mal, zuletzt hat mir ein echter Hexenschuss zu schaffen gemacht. Wenn man 16 oder 17 Jahre alt ist, ist man übermütig. Wehwehchen, die man nicht richtig ausheilen lässt, werden ewig mitgeschleppt. Ich hatte bisher immer unheimliches Glück. Außerdem bin ich vorsichtig, wenn es um meinen eigenen Körper geht. Man kriegt sehr schnell ein Gefühl dafür, wo die Grenzen sind.

Netzeitung: Vielleicht ist Ihre Grenze der Wettkampf in Leysin? Was werden Sie tun, wenn Sie es nicht nach Turin zu den Winterspielen schaffen?

Xaver Hoffmann: Ich würde mir Olympia mindestens im Fernsehen angucken, logisch. Ich würde sogar versuchen, mit den anderen mitzufahren – als Betreuer.

White holt Gold, Jan Michaelis wird Neunter
Netzeitung: Wer sind Ihre Favoriten auf die olympischen Medaillen in der Halfpipe?

Xaver Hoffmann: Shaun White, den Amerikaner, setze ich auf eins. Der gewinnt das Ding, das kann ich fast sicher sagen. Die weiteren Medaillenplätze vergebe ich auch noch an Amerikaner. Die sind einfach zwei Stufen besser als wir - wenn sie nicht hinfallen! Dann wähle ich den Franzosen Mathieu Crepel auf Platz vier. An Stelle fünf bis sechs werden Finnen stehen. Platz sieben oder acht – das könnte ein Italiener schaffen, zum Beispiel Giacomo Kratter. Und dann könnte schon mein Ratiopharm-Kollege Jan Michaelis kommen.

Netzeitung: Erstes Ziel ist es für Sie aber doch, mitzufahren?

Xaver Hoffmann: Klar, und dann will ich auch ins Finale!

Das Interview mit Xaver Hoffmann führte Dorothea Jantschke.