netzeitung.deSpeerwerferin Steffi Nerius als Vorbild für kränkelnde Leichtathletik

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Lupe Speerwerferin Steffi Nerius als Vorbild für kränkelnde Leichtathletik

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat die Olympischen Spiele mit zwei Medaillen beendet. Das ist das schlechteste Ergebnis seit den Sommerspielen 1912 in Stockholm. Dem Verband fehlt es an Athleten wie Steffi Nerius.

Rüdiger Nickel hatte ganz hinten Platz genommen, in der letzten Reihe. Der Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) dürfte ganz froh darüber gewesen sein, nicht auf dem Podium zu sitzen.
Erklärungsversuche
Sonst hätte womöglich noch er Erklärungen abgeben müssen, weshalb die deutschen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen in Athen ein Fiasko erlebten. In der DLV-Bilanz standen am Samstag zwei Medaillen: Silber durch die Kugelstoßerin Nadine Kleinert und durch die Speerwerferin Steffi Nerius.

Eine solches Abschneiden - das schlechteste seit den Sommerspielen 1912 in Stockholm - lässt sich nicht schönreden. Es verlangt nach Erklärungen. Und die versuchten auch einige der auf dem Podium sitzenden Leichtathleten zu geben. Neben Steffi Nerius saßen Danny Ecker, Lars Börgeling und Tim Lobinger. Das Männer-Trio hatte am Freitagabend im Olympiastadion im Stabhochspringen als Medaillenanwärter gegolten, beendet haben sie den Wettbewerb auf den Plätzen fünf, sechs und elf.

Doch woran hat es nun gelegen, dass es für das DLV-Team so schlecht lief, warum erfüllten die Stabhochspringer nicht die Erwartungen? Das, so sagte Lars Börgeling, müsste eigentlich der Rüdiger Nickel beantworten. «Der sitzt ja da hinten», sagte der 25-Jährige. Doch Börgeling musste sich selbst an einer Erklärung versuchen. Nickel hatte dieses Zuspiel nur müde lächelnd und mit erhobenem Daumen abgelehnt.

Höhen und Tiefen
Also, sagte Börgeling lapidar, Höhen und Tiefen gäbe es im Sport halt immer wieder. Börgeling, der während der Pressekonferenz im Deutschen Haus ständig einen Hut trug und damit den Eindruck eines Cowboys nach einer durchrittenen Nacht in der Prärie machte, hatte sich am Ende mit übersprungenen 5,75 Metern zufrieden geben müssen.

Zwar war das für ihn Saisonbestleistung, doch vor zwei Jahren hatte der für den TSV Bayer Leverkusen startende Athlet die Latte sogar schon einmal bei 5,85 Meter überquert. Doch er als auch Tim Lobinger präsentierten sich ausgerechnet zum Saisonhöhepunkt meilenweit von ihren Bestleistungen entfernt. Lobinger schaffte gerade einmal 5,55 Meter. Für Danny Ecker war bei 5,75 Meter Schluss.

Börgeling sucht nach Erklärungen
Doch zurück zu Börgeling, der bei der Suche nach Erklärungen den Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenbereich ausmachte. «Dieser Übergang ist schon schwierig, da hängt man drei bis vier Jahre in der Schwebe.» Zudem müssten Leichtathleten auch irgendwann Sport und Beruf vereinbaren, sagte er.

Doch es gibt Athleten, die mit einer solchen Doppelbelastung keine Probleme haben. Beispielsweise Steffi Nerius. «Mein Chef sagt immer: Seit du arbeitest, gewinnst du auch Medaillen.» Die 32 Jahre alte Diplomsportlehrerin arbeitet für 20 Stunden in der Woche in der Behindertensportabteilung von Bayer Leverkusen. Im September wird sie mit zweien ihrer Schützlinge nach Athen zu den Paralympischen Spielen zurückkehren.

Nerius findet Erklärungen
Dem Verband die Schuld an dem schlechten Abschneiden zu geben, erachtet Nerius als falsch und auch als zu einfach. «Der kann nichts dafür.» Es liege schließlich an den Athleten, die Leistung zu erfüllen. Vielen fehle es einfach an der notwendigen Professionalität, sie bekämen alles «in den Hintern geschoben». Dabei sei es wichtig, sich selbst etwas aufzubauen. Man könne nicht ständig nur den Mund aufreißen und Forderungen stellen. Ein Beruf bringe die nötige Absicherung für den Sport.

Und wie Steffi Nerius an die Sache herangeht, kann nur als vorbildlich bezeichnet werden. Sie arbeitet eng mit einem Psychologen zusammen, hat im Vorfeld der Spiele alle möglichen Szenarien durchgespielt. Wie reagiert man, wenn die Qualifikation nicht gleich läuft, «was mache ich, wenn der erste Versuch in die Hose geht». Ihr Medaillengewinn sei dann auch das Ergebnis der Arbeit mit dem Psychologen.

Gold im ersten Versuch weg
Und wenn man sich den Verlauf ihres Wettkampfes anschaut, dann kann man nachvollziehen, weshalb diese Arbeit im Vorfeld so wichtig war. Die Kubanerin Osleidys Menendez hatte gleich im ersten Versuch den Speer 71,53 Meter weit geworfen, der späteren Siegesweite. «Da wusste ich, dass Gold nicht mehr zu erreichen ist», sagte Nerius. Sie selbst hatte bis zum letzten Durchgang mit 63,60 Metern nur auf dem vierten Rang gelegen. Bereits vor vier Jahren in Sydney war sie als Vierte an einer Medaille vorbeigeschrammt.

Nicht schon wieder, hatte Nerius gedacht. Alles hing also von ihrem letzten Versuch ab, dessen Vorbereitung ständig von den 10.000 Meter Läuferinnen unterbrochen wurde. Als endlich eine Lücke da war, lief sie los und warf den Speer auf 65,82 Meter. Das bedeutete Silber und eine persönliche Bestleistung. Um sechs Zentimeter verbesserte Steffi Nerius ihren eigenen Rekord aus dem Jahr 2000.

Nerius verschiebt Karriere-Ende
Steffi Nerius wird nach der Silbermedaille ihre Karriere fortsetzen. Wäre es Gold geworden, hätte sie noch ein Jahr weiter gemacht, dann wäre Schluss gewesen. «Jetzt werde ich von Jahr zu Jahr entscheiden.» Man kann hoffen, dass sie ihr Karriere-Ende noch weit nach hinten schiebt. Athletinnen wie sie sind in der deutschen Leichtathletik leider die Ausnahme.