24.08.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Diskuswerfer Riedel bangt um Karriere
Lars Riedel hat sich möglicherweise einen Adduktoren-Abriss zugezogen. Ein Karriereende des fünfmaligen Diskus-Weltmeisters ist zu befürchten.
Von Frank Mertens, Athen Lars Riedel muss um die Fortsetzung seiner Karriere bangen. «Das fühlt sich an wie ein Adduktoren-Abriss. Ich hatte schon im ersten Versuch etwas gespürt, doch ich wollte die Konkurrenz von meinen Problemen nichts spüren lassen», sagte der Chemnitzer auf dem Weg in den medizinischen Bereich im Athener Olympiastadion. Dort hielt sich der fünfmalige Weltmeister über eine Stunde zur Behandlung auf, ehe er um 22.15 Uhr gestützt auf zwei Helfern in einen Minibus stieg, der ihn zurück ins Olympische Dorf brachte.
Untersuchung nach Abklingen der SchmerzenOb es sich wirklich um einen Adduktoren-Abriss handelt, war aber auch noch nicht am Dienstagvormittag klar. «Eine genaue Diagnose liegt derzeit noch nicht vor. Lars Riedel wird heute Morgen noch einmal von den Ärzten untersucht», sagte Peter Schmitt, Sprecher deutschen Olympiateams. Aufschluss soll eine Kernspintomographie bringen.
Lars Riedel hatte sich in Athen, nach dem Gewinn der Goldmedaille 1996 in Atlanta und Silber im Jahr 2000 in Sydney, das Erreichen des dritten Platzes zum Ziel gesetzt. «Meine Sammlung wäre damit komplett.» Doch für Riedel sollte sich dieser Wunsch nicht erfüllen. Bereits sein erster Versuch war ungültig, ehe er im zweiten Durchgang den Diskus 62,80 Meter warf.
Aber im dritten Durchgang war dann alles vorbei. Riedel griff sich nach seinen Wurf mit schmerzverzerrtem Gesicht in die linke Leistengegend und humpelte aus dem Ring. Damit war die Konkurrenz für Riedel beendet. Er konnte sich nur erzählen lassen, dass der Ungar Robert Fazekas mit 70,93 Metern den Olympiasieg vor dem litauischen Titelverteidiger Virgilijus Alekna (69,89 Meter) und Zoltan Kovago (Ungarn/67,04) gewann. Riedel musste sich mit seinem einzigen gültigen Wurf am Ende mit Platz 8 bescheiden.
Möglicherweise Karriereende«Wenn sich das wirklich als ein Abriss herausstellen sollte, wäre dass das Ende seiner Karriere», sagte Riedels Trainer Karlheinz Steinmetz. Wie Steinmetz erzählte, klage sein Schützling bereits seit längerer Zeit im Schambeinbereich über eine Entzündung. «Das Abschlusstraining konnten wir nur mit einer schmerzstillenden Spritze bestreiten», ließ Steinmetz wissen. Trotz dieser Probleme hatte sich das Gespann für Athen viel vorgenommen. «Gold und Silber war unrealistisch, doch die Bronzemedaille war unser Ziel», sagte Steinmetz.
Dass das gelingen könnte, gründete sich laut Steinmetz, den einst selbst permanente Adduktotenprobleme zum Aufhören gezwungen hatten, auf die vor Athen gezeigten Leistungen. So hatte Riedel beim Meeting in Zürich mit 67,90 Metern den vierten Platz belegt. «Und mit dieser Weite wäre er am Ende dieses Wettkampfes Dritter geworden.» Dass alles ganz anders kam, geht Steinmetz an die Nieren. Verständlich, denn Riedel und sein Trainer haben zwei Jahre hart auf das Ziel Olympia hingearbeitet. Doch statt auf dem Podest zu stehen, lag sein Schützling auf dem Behandlungstisch.
Mit Müsli gegen AtombombenUnd der Frust darüber ließ Steinmetz zum Rundumschlag gegen die Konkurrenz ausholen. Umringt von einem Dutzend Journalisten klagte Steinmetz über die zunehmende Ungerechtigkeit in diesem Sport. «Es werden immer nur unsere Athleten kontrolliert, die überall erreichbar sind.» Doch bei der Konkurrenz sehe das ganz anders aus. Einer wie Alekna, so sagte Steinmetz, sei in einem Trainingslager schon einmal abgehauen. Des Dopings beschuldigen wolle er niemanden, «doch die Voraussetzungen für unsere Athleten waren noch nie so schlecht». Wie Steinmetz sagte, dürfe «man nicht vergessen, dass wir mit Müsli gegen Atombomben antreten».
Für Steinmetz müsse es deshalb endlich dazu kommen, dass auch wirklich jeder kontrolliert werde. Doch gerade die Athleten, die Weiten von 70 Metern und mehr werfen, entgingen den Kontrollen. Und als im Olympiastadion nach der Konkurrenz die Dopingtests begannen, traf es wieder einen deutschen Sportler. «Und, wer musste zur Dopingkontrolle?», fragte Steinmetz rhetorisch, «der Schmidt, Zufallsgenerator.» Der Rostocker Torsten Schmidt hatte mit 61,18 Metern den Wettbewerb auf Platz zehn beendet.
Großes ZielDoch zurück zu Riedel. Sollte sich seine Verletzung doch nicht als so schwerwiegend herausstellen, wird der Chemnitzer seine Karriere wohl fortsetzen. Zwei Jahre mindestens. So war es sein Ziel vor Athen. Denn Riedel hat noch ein großes Ziel. Er möchte bei den Weltmeisterschaften im kommenden Jahr in Helsinki seinen sechsten Titel gewinnen. Sollte ihm das gelingen, hätte der 37-Jährige den Rekord des Stabhochspringers Sergej Bubka von sechs Titeln erreicht.
Aber zunächst einmal gilt es, die Diagnose der Ärzte abzuwarten. Vielleicht erübrigt sich dann alles Gerede darüber, was in der Zukunft aus sportlicher Sicht für Riedel noch möglich ist.