Deutsche Frauen stellen Hockey-Welt auf den Kopf27. Aug 2004 07:15, ergänzt 12:53
Denise Klecker (o.), Franziska Gude.
Erstmals in der Geschichte der Olympischen Spiele haben die deutschen Hockey-Frauen die Goldmedaille gewonnen. Das DHB-Team siegte sensationell gegen die favorisierten Niederländerinnen.
Marion Rodewald war fast sprachlos. «Ich kann das gar nicht fassen, ich bin überglücklich.» Die 27-Jährige stand mit einem breiten Lächeln im «Olympique Hockey Centre» vor den Journalisten und sollte erklären, was kaum zu erklären war: Die deutschen Hockey-Damen sind Olympiasieger. Minuten zuvor hatte die Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) die Niederlande mit 2:1 (2:0) bezwungen. Die Mannschaft also, die als klarer Favorit in dieses Finale gegangen war.
Schnelle Führung
NULL=YESHockey-Frauen gelingt Olympia-Sensationhttp://www.netzeitung.de/sport/olympia2004/ballsportarten/302362.htmlNULL=YESHockeyspielerinnen haben Silber sicherhttp://www.netzeitung.de/sport/olympia2004/ballsportarten/302004.htmlNULL=YESHockey-Damen ziehen ins Halbfinale einhttp://www.netzeitung.de/sport/olympia2004/ballsportarten/301570.htmlNULL=YESNatascha Keller setzt Familientradition forthttp://www.netzeitung.de/sport/olympia2004/ballsportarten/302410.html
Doch davon hatte sich die Mannschaft von Bundestrainer Markus Weise nicht beeindrucken lassen. Bereits nach sechs Minuten hatte Anke Kühn Deutschland in Führung gebracht. Mit diesem zeitigen Tor hatte Kühn den Spielerinnen des Europameisters einen wahren Schock versetzt. Als in der 20 Minute Franziska Gude auf 2:0 erhöhte, zeichnete sich ab, woran im Vorfeld wohl kaum jemand wirklich gedacht hat: Hier ist eine Sensation möglich. Und diese ließen sich die DHB-Damen nicht mehr aus der Hand nehmen. Zwar konnte der Europameister in der 38. Minute noch durch Martje Scheepstra auf 1:2 verkürzen, doch mehr war für die Niederländerinnen nicht mehr drin.
«Wir haben die zwei Tore einfach gut verteidigt. Und wenn die anderen nur ein Tor schiessen, hast du halt gewonnen», sagte Weise. Auch ihm viel es sichtlich schwer, diesen so unerwarteten Triumph zu erklären. «Wir werden jetzt noch einen schönen Abend verbringen und dabei genüsslich realisieren, was uns hier gelungen ist.» Und das, was die Deutschen geschafft haben, brachte Rodewald ohne viel Umschweife, dafür mit großen Stolz auf den Punkt. «Wir haben heute Geschichte geschrieben.» Bisher hatten deutsche Hockey-Spielerinnen bei Olympischen Spielen im Gegensatz zu der Herrenauswahl noch nie die Goldmedaille gewonnen.
Für Lätzsch schließt sich der KreisBisher hatte man sich immer nur mit der undankbaren Silbermedaille zufrieden geben müssen: So war es 1984 und so war es 1992. Vor zwölf Jahren in Barcelona waren übrigens auch schon zwei Spielerinnen aus der aktuellen DHB-Auswahl mit von der Partie: Nadine Ernsting-Krienke und Heike Lätzsch. «Für mich schließt sich damit ein Kreis», sagte die 30-jährige Lätzsch. Ein guter Freund habe ihr vor den Spielen noch gesagt, dass sie ihre Karriere nur dann beenden dürfe, wenn sie mit dem Olympiasieg nach Hause komme. Und, wird sie aufhören? Sie wird. «Ja, für mich war es das. Es ist ein wunderschöner Abschluss.»
So richtig hatte auch Lätzsch nach der 1:4-Niederlage im Gruppenspiel gegen die Niederländerinnen nicht daran gedacht, dass es hier mit dem Olympiasieg klappen könnte. «Wir wollten natürlich alles versuchen, es zu schaffen, aber die Niederländer waren einfach klarer Favorit. Das wir es jetzt geschafft haben, ist einfach super», sagte Lätzsch. «Wir hätten Silber gewonnen, die Niederländerinnen haben Gold verloren», stellte die 30-Jährige mit Blick auf den Gegner fest.
Überraschung des TurniersDie deutsche Mannschaft gilt ohne Frage als die Überraschung dieses Olympischen Hockey-Turniers. Für Aufsehen hatte man zuletzt im Halbfinale gesorgt, als das Weise-Team Mitfavorit China nach Siebenmeterschießen mit 4:3 bezwungen hatte. Eigentlich war die Mannschaft nach Athen gereist, um am Ende Platz fünf zu belegen. Dieser Platz war wichtig, wie DHB-Generalsekretärin Uschi Schmitz nach dem China-Spiel sagte, um in der Fördergruppe eins zu bleiben. Das hat man erreicht - und noch viel mehr. In Athen sind die deutschen Damen über sich hinausgewachsen. Zum Auftakt hatte man überraschend Australien (2:1) bezwungen, dann folgten Niederlagen gegen die Niederlande und Südafrika (0:3). Doch dann hat man sich noch einmal zusammen gerissen und erst Südkorea (3:2) und dann die Chinesinnen dank einer überragenden Schlussfrau Louisa Walter bezwingen konnte.
«Die Louisa Walter war auch heute wieder der ruhende Pol. Gegen einen so starken Gegner wie die Niederländerinnen braucht man eine solch´ starke Schlussfrau», sagte Weise. Neben Lätzsch und Ernsting-Krienke war dieser Abend dann auch noch für eine andere Spielerin von ganz besonderer Bedeutung: Für Natascha Keller. Die Berlinerinerin setzt die Familientradition fort. Nach ihrem Vater Carsten (1972) und ihrem Bruder Andreas (1992) ist sie bereits der dritte Hockey-Olympiasieger aus dem Hause Keller. Es gibt nicht viele Familien, die so etwas von sich behaupten können.
Das Abschneiden in Athen bescherte den DHB-Ladies nicht nur den Erhalt der Fördergruppe und die Qualifikation für die Champions Trophy im kommenden Jahr, sondern wird dem Verband auch die Suche nach einem neuen Hauptsponsor erleichtern. Wer wirbt nicht gerne mit einem Olympiasieger. Vor allem mit einem, mit dem niemand gerechnet hat.