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Tops, Flops und Ärgernisse in Athen
30. Aug 2004 00:30, ergänzt 06:48

Top: Steffi Nerius freut sich über ihren Silberwurf.
Foto: ddp
Das deutsche Olympia-Team hat den dritten Platz in der Nationenwertung verpasst. Für die Höhepunkte sorgten einmal mehr die Kanuten, während die Schwimmer hinter den Erwartungen zurückblieben.
 

Die deutsche Mannschaft musste sich mit dem sechsten Platz im Medaillenspiegel der Olympischen Spiele von Athen zufrieden geben. Mit 14 Goldmedaillen erzielte das deutsche Team aber mehr Olympiasiege als vor vier Jahren in Sydney. Dort gab es mit 13 Mal Gold, 17 Silbermedaillen und 26 dritten Plätzen insgesamt 56 Medaillen. In der Abschlusswertung stehen diesmal neben den 14 Goldenen, 16 Silbermedaillen und 18 Mal Bronze zu Buche.

Acht Medaillen weniger als in Sydney

Mehr in der Netzeitung:
Mit insgesamt 48 Medaillen gewannen die Deutschen diesmal acht weniger als vor vier Jahren. Erfolgreichste Athleten war die Kanuten (zusammen mit den Slalomfahrern holten sie neun Medaillen). Dagegen enttäuschten einmal mehr die Schwimmer. Und auch die zuvor hoch gewetteten Radprofis um Jan Ullrich gingen leer aus.

Die Leichtathleten, denen vor den Spielen manche gar keine Medaille zugetraut hatten, konnten durch Kugelstoßerin Nadine Kleinert und Steffi Nerius im Speerwerfen zwei Medaillen erringen.

Die Sieger:

Birgit Fischer bleibt auch mit 42 Jahren die erfolgreichste deutsche Teilnehmerin an Olympischen Spielen.
Birgit Fischer im Zweier.
Foto: ddp
Der Sieg mit dem Doppel-Vierer war für Fischer , die 1980 ihre ersten Spiele bestritten hatte, bereits die achte Goldmedaille. Im Zweier reichte es mit Carolin Leonhardt zu Silber. Wäre nicht der Boykott der Spiele 1984 gewesen, Fischer könnte noch mehr Medaillen vorweisen. Allerdings hat sie trotz ihres Alters gesagt, dass sie auch nach Athen weiter machen wird.

Steffi Nerius:

Steffi Nerius
Foto: ddp
Die 32 Jahre alte Diplomsportlehrerin hat neben der Kugelstoßerin Nadine Kleinert für das zweite Silber für den ansonsten medaillenlosen Deutschen Leichtathletik-Verband gesorgt.

Nachdem die Leverkusenerin vor ihrem letzten Versuch nur auf Platz vier gelegen hatte, warf sie den Speer auf 65,82 Meter. Das bedeutete Persönliche Bestleistung. Hätte die deutsche Leichtathletik mehr solcher Athletinnen wie Nerius.

Katrin Rutschow-Stomporowski:

Katrin Rutschow-Stomporowski
Foto: AP
Die Berlinerin hat sich vier Jahre nach ihrem dritten Platz von Sydney die Goldmedaille im Ruder-Einer gesichert. «Das ist super geil. Es ist ein Traum, den ich lange gehabt habe. Jetzt ist er in Erfüllung gegangen», sagte die 29-Jährige nach ihrem Erfolg auf der Ruderstrecke in Schinias. Am Ende der 2000 Meter fuhr sie mit zwei Bootslängen Vorsprung in 7:18,12 Minuten als Erste über die Ziellinie.

Die Weißrussin Ekatarina Karsten musste sich mit einem Rückstand von 3,91 Sekunden vor der Bulgarin Rumanya Neykowa mit Platz zwei zufrieden geben. Das sind Welten.

Kathrin Boron:

Die Ruderin aus Potsdam zeigte sich wiederholt zuverlässig. In Athen holte sie sich im Doppelvierer ihren vierten Olympiasieg . Eine ganz besondere Ehre wurde Boron am Sonntagabend zuteil. Die 34-Jährige durfte bei der Schlussfeier die deutsche Fahne tragen.

Nadine Kleinert:

Die Magdeburgerin hatte kurz nach dem Auftakt der Olympischen Spiele an historischer Stätte in Olympia die Bronzemedaille gewonnen. Damit schürte Kleinert große Hoffnungen für den weiteren Verlauf der Leichtathletik-Wettbewerbe. Erfüllt haben sie sich nicht. Aus Kleinerts Bronzemedaille wurde noch eine Silbermedaille, nachdem der ursprünglichen Siegerin Irina Korschanenko aus Russland wegen Dopings der Olympiasieg aberkannt wurde.

Andreas Dittmer:

Andreas Dittmer
Foto: AP
Dittmar konnte ebenfalls Gold und Silber im Einer-Canadier über 1000 und 500 Meter erzielen. Über die längere Distanz hatte man jedoch mehr von Dittmer erwartet, der seit den Spielen 2000 alle Rennen gewonnen hatte. Doch Dittmer bewies sich auch im Moment der Niederlage als großer Sportler, erkannte die Leistung des spanischen Siegers David Cal gleich an. Insgesamt waren die Sportler des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) mit vier Mal Gold, vier Mal Silber und ein Mal Bronze der erfolgreichste deutsche Verband.

Bettina Hoy wird sich wohl selbst als die Verliererin dieser Spiele sehen, aus ihrer Sicht verständlich.
Bettina Hoy im Gelände.
Foto: AP
Denn mit den deutschen Vielseitigkeitsreitern hatte sie zunächst zwei Goldmedaillen gewonnen, doch nach einem Einspruch der unterlegenen Nationen wurden ihr die Medaillen am grünen Tisch wieder aberkannt. Doch sportlich bleibt Bettina Hoy mit den Vielseitigkeitsreiterin eine Siegerin.

Ludger Beerbaum:

Ludger Beerbaum
Foto: AP
Beerbaum gewann bei den Springreitern mit der Mannschaft bereits sein fünftes Gold, verpasste im Einzel aber eine weitere Medaille. Beerbaum war zudem Fahnenträger des deutschen Teams bei der Eröffnungsfeier. Beerbaum zog ein zufriedenes Fazit. «Insgesamt ist Athen in meiner Olympischen Karriere ganz weit oben einzuordnen. Das waren verdammt gute Spiele.»

Ulla Salzgeber holte im Dressurreiten mit der Mannschaft Gold , musste sich auf «Rusty» im Einzel aber mit Silber begnügen. Diese Medaille fehlt ihr noch in ihrer Medaillensammlung. Sie soll in der Vitrine einen besonderen Platz erhalten.

Die deutschen Hockey-Damen sind die Überraschungsmannschaft dieser Olympischen Spiele. Niemand hatte der Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) eine Medaille zugetraut, doch nach einem sensationellen Finalspiel gegen die Niederlande (2:1) sicherte sich das Team die Goldmedaille.
Franziska Gude (l.) und Natascha Keller feiern den Sieg.
Foto: AP
Es war das erste Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele, dass die Goldmedaille an deutsche Hockeyspielerinnen ging. Für die deutsche Nationalspielerin Natascha Keller ist dies ein ganz besonderer Erfolg. Nach ihrem Vater Carsten (1972), ihrem Bruder Andreas (1992) holte sie die Berlinerin den dritten Olympiasieg für die Familie Keller. Opa Erwin gewann zudem 1936 Silber.

Yvonne Bönisch hat für die deutschen Judokas die Goldmedaille in der Klasse bis 57 Kilogramm gewonnen. Die 23-Jährige konnte ihr Glück selbst nicht fassen. Nach dem Olympiasieg steht die Heirat mit ihrem Trainer Axel Kirchner auf dem Programm. Bei den Judokas sorgte auch die 30-Jährige

Julia Matijass mit dem Gewinn einer Bronzemedaille für eine Überraschung, Anna Dogonadze bot auf dem Trampolin die beeindruckendste Vorstellung. Der Lohn für jahrelange Trainingsarbeit war die Goldmedaille für die 31 Jahre alte Diplom-Sportlehrerin.

Jörg Fiedler, Stefan Nimke und Rene Wolff:

Jens Fiedler freut sich mit Sohn Ramon-Noel über Gold
Foto: AP
Das Trio hat sich die Goldmedaille im Teamsprint gesichert. In 43,980 Sekunden hatten die drei Bahnspezialisten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) im direkten Vergleich die Japaner (44,246) hinter sich gelassen. Jörg Fiedler nahm nach dem Olympiasieg voller stolz seinen Sohn Ramon-Noel auf die Lenkerstange und fuhr mit ihm eine Ehrenrunde.

Betty Heidler:

Auch ohne Medaille ein Gewinn: Betty Heidler
Foto: AP
Die Frankfurterin ist erstmals bei Olympischen Spielen an den Start gegangen und landete im Hammerwerfen mit dem neuen deutschen Rekord von 72,73 Metern auf Platz vier beendete. Von der 20-Jährigen ist in der Zukunft viel zu erwarten. Sie selbst möchte schon bei den Weltmeisterschaften in einem Jahr in Helsinki auf das Podest kommen.

Fabian Hambüchen hat zwar keine Medaille geholt, doch der 16-Jährige konnte sich am Reck den siebten Rang sichern und begeisterte mit seiner Unbefangenheit. Eberhard Gienger, der 1976 in Montreal am Reck Dritter wurde, sagt, dass Hambüchen schon jetzt besser turnt als er zu seiner aktiven Karriere.

Manfred Kurzer hat sich seinen Lebenstraum erfüllt. Der Sportschütze gewann im Wettbewerb 10 Meter Laufende Scheibe den Olympiasieg. Bereits in der Qualifikation hatte der 34-Jährige mit 590 Ringen einen Weltrekord aufgestellt. Jetzt hofft er darauf, dass eine Disziplin auch noch 2008 in Peking dabei ist. Das IOC erwägt eine Streichung. Ralf Schumann
Ralf Schumann siegessicher.
Foto: ddp
war unter den Schützen im Wettbewerb Schnellfeuerpistole der routnierteste. Der Perfektioninst gewann bereits seine dritte Goldmedaille in dieser Diszilplin, bevor sie in Peking dem Rotstift zum Opfer fallen wird.

Der Doping-Kampf des IOC:

Unter Präsident Jacques Rogge macht das Internationale Olympische Komitee (IOC) damit endlich ernst. Die 23 positiven Fälle bei diesen Spielen sind ein Beweis dafür.

Die Verlierer:

Das deutsche Schwimm-Team blieb in Athen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Zwar konnte die Mannschaft von Chef-Coach Ralf Beckmann mit fünf Medaillen zwei Medaillen mehr gewinnen als vor vier Jahren in Sydney. Doch das entspricht nicht dem Leistungsniveau. Beckmann hatte selbst von sechs realistischen und sechs erweiterten Medaillenchancen gesprochen. Aber seine Athleten waren nicht auf den Punkt hin fit.

Franziska van Almsick ist fassungslos.
Foto: AP
Franziska van Almsick musste ihren goldenen Traum über 200 Meter Freistil ebenso begraben wie Antje Buschschulte ( 100 Meter Rücken ), Hannah Stockbauer (ausgeschieden im Vorlauf über 400 und 800 Meter ), Sandra Völker ( ausgeschieden im Vorlauf über 50 Meter Freistil ).

Das deutsche Leichtathletik-Team holte bis auf die bereits oben beschriebenen Medaillen von Nadine Kleinert und Steffi Nerius keine weitere Platzierung unter den Top 3. «Das DDR-Erbe» sei aufgebraucht«, sagte der scheidende IOC-Vizepräsident Thomas Bach.

Innerhalb des Teams enttäuschten auch die Stabhochspringer . In Tim Lobinger, Danny Ecker und Lars Börgeling hatte man Medaillenerwartungen gesetzt, doch sie landeten auf den Plätzen elf, fünf und sechs.

Auch Ingo Schultz, der sich vor dem 400-Meter-Lauf
Ingo Schultz
Foto: AP
noch so optimistisch gezeigt hatte, als wenn er zu den potenziellen Medaillenkandidaten zählen würde, hatte nichts mit dem Ausgang zu tun. Er schied bereits im Semifinale aus. Für Hammerwerfer Karsten Kobs endeten die Spiele mit einer Enttäuschung. Der ehemalige Weltmeister hatte als Neunter das Finale verpasst. Gar eine Posse lieferte der ehemalige Dreisprung-Weltmeister Charles Friedek. Bereits seine Nominierung war umstritten, in Athen blieb der Leverkusener ohne gültigen Versuch.

Speerwerfer Boris Henry und Diskus-Werfer Lars Riedel konnten aufgrund von Verletzungen bei ihren Wettkämpfe nicht antreten oder sie nicht beenden. Riedel überraschte zwei Tage nach seinem verletzungsbedingten Ausscheiden mit der Aussage, dass Bronze für ihn möglich gewesen wäre. Wie er darauf kommt, bleibt sein Geheimnnis.

Rudern:

Marcel Hacker
Foto: AP
Trotz zwei Mal Gold und zwei Mal Silber konnten die Ruderer das Ergebnis von Sydney - damals gab es sechs Medaillen - nicht verbessern. Besonders die beiden deutschen Achter enttäuschten und blieben ohne Medaille. Marcel Hacker verpasste gar das Einer-Finale.

Radsport:

Jan Ullrich
Foto: ddp
Jan Ullrich blieb hinter den Erwartungen zurück. Im Straßenrennen – in Sydney hatte er noch Gold geholt - wurde er nur 19. Im Einzelzeitfahren musste sich der Tour-Vierte dieses Jahres mit Rang sieben zufrieden geben. Erik Zabel verpasste die Bronze-Medaille im Straßenrennen um vier Sekunden.

Ballsportarten:

Rainer Schüttler, Thomas Haas, Nicolas Kiefer, Florian Mayer hatten im Einzel mit dem Ausgang des Wettbewerbes nichts zu tun. Bis auf den gebürtigen Hamburger Haas ereilte die Profis des Deutschen Tennis Bundes das Aus bereits in der ersten Runde.
Thomas Haas nach dem Aus gegen Andy Roddick.
Foto: ddp
Für Haas war jedoch schon eine Runde später das Turnier beendet. In Sydney vor vier Jahren war er noch Zweiter geworden. Im Doppel standen Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler im Finale, nach einem aufopferungsvollen Match unterlagen sie aber auch hier: Das Duo hatte vier Matchbälle hintereinander vergeben.

Die deutschen Fußball-Damen waren als Topfavorit in den Wettbewerb gegangen. Schließlich sind sie Weltmeister. Am Ende mussten sie sich mit Bronze zufrieden geben.

Boxen:

Witali Tajbert (l.)
Foto: AP
Witali Tajbert konnte sich nicht über seine Bronzemedaille freuen. Der Boxer verpasste klar den Einzug in das Finale. Seinen Einstieg ins Profigeschäft, Tajbert hat bereits einen Vertrag mit dem Boxstall Universum, hatte sich der gebürtige Kasache anders vorgestellt.

Doper sind die größten Verlierer dieser Spieler. Insgesamt wurden bis zum Sonntag 23 Sportler der unerlaubten Einnahme verbotener Substanzen überführt, darunter mit dem Kugelstoßer Robert Fazekas (Ungarn), der Kugelstoßerin Irina Korschanenko und Hammerwerfer Adrian Annus drei Olympiasieger. Mit Dreispringerin Francoise Mbango Etone steht eine vierte Goldmedaillen-Gewinnerin unter Verdacht. Spannend, man kann sie auch als dämlich bezeichnen, waren die Erklärungsversuche der Ertappten.

Der griechische Gewichtheber Leonidas Sampanis beteuert, nie irgendwelche Dopingmittel zu sich genommen zu haben. Er sei Opfer einer Intrige geworden. Schlimm: Die Funktionäre des griechischen Gewichtheber-Verbandes beteiligen sich daran.

76.000 Zuschauer. Es ist Donnerstagabend, im Olympiastadion steht das 200 Meter-Finale der Männer auf dem Programm. Das ist die Strecke, über die der unter dringendem Dopingverdacht stehende griechische Sprinter Kostas Kenteris hätte an den Start gehen sollen. Die griechischen Zuschauer skandieren minutenlang Kenteris, Kenteris und Hellas, Hellas. Sie sorgen damit für ein Startverzörgerung.
Kenteris und seine Kollegin Ekatarini Thanou hatten sich einer Dopingkontrolle entzogen, anschließend einen Motorradunfall vorgetäuscht: Wegen ihrer angeblichen Verletzungen waren die zwei zu einer Anhörung vor der IOC-Disziplinarkommission nicht erschienen.
Kostas Kenteris verlässt das Krankenhaus, in dem er nach einem fingierten Motorradunfall gelegen hatte.
Foto: AP
Als sie endlich zur dritten Ladung kamen, gaben sie und ihr Trainer Christos Tsekos ihre Akkreditierungen zurück. Damit unterlagen sie nicht mehr der IOC-Gerichtsbarkeit. Das IOC leitete den Fall an den Leichtathletik-Weltverband IAAF zur Prüfung weiter.

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hatte Kenteris und Thanou in den zurückliegenden Jahren wiederholt nach versäumten Dopingkontrollen nicht bestraft. Laut den IAAF-Regularien haben die Athleten die Möglichkeit, zweimal ohne Bestrafung eine Dopingkontrolle zu versäumen («no shows»), bevor sie mit einer Strafe zu rechnen haben. Wie der IAAF-Sprecher Nick Davies mitteilte, würde die Prüfung des Falles Kenteris/Thanou spätestens bis Dezember abgeschlossen sein. Bis dahin können die beiden griechischen Sprinter wieder starten. Ein Unding.


 


Olympia 2004 - Medaillenspiegel

 LandG S B
1.   353929
2.   321714
3.   272738

 

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