Danckert: Auch Otto Schily wird einsehen, dass wir ein Anti-Doping-Gesetz brauchen
28. Aug 2004 12:21
 | Peter Danckert. | | Foto: Bundestag.de |
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Peter Danckert hält ein Anti-Doping-Gesetz für unausweichlich. Auch Sportminister Otto Schily werde nach den Spielen in Athen zu dieser Auffassung gelangen, sagte der SPD-Politiker der Netzeitung.
Der stellvertretende Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Peter Danckert, hat sich am Rande der Olympischen Spiele in Athen erneut für ein Anti-Doping-Gesetz ausgesprochen. «Wir brauchen ein Anti-Doping-Gesetz. Es gibt mehr und mehr Länder, die ein solches Gesetz haben und anwenden», sagte der 64 Jahre alte SPD-Politiker der Netzeitung. «Und ich denke, dass unser Sportminister Otto Schily nach der Analyse der Spiele hier in Athen sehen wird, dass wir ein solches Gesetz brauchen.» Danckert sprach sich zudem für eine Fusion des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) aus. Der Politiker verfolgt derzeit mit seinen Ausschusskollegen Peter Rauen, Eberhard Gienger (beide CDU), Detlef Parr (FDP) und Winfried Hermann (Bündnis 90/Grüne) die Wettbewerbe in Athen. Netzeitung: Otto Schily hat die deutsche Delegation bei seinem Besuch damit beglückt, dass er sich zufrieden mit dem Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft zeigte. Teilen Sie die Auffassung, obwohl das Team die Zielsetzung Platz drei nicht mehr erfüllen kann? Peter Danckert: Ich denke, dass sich seit der Aussage von Herrn Schily einiges getan hat. Wir haben überraschend Gold bei den Hockey-Damen gewonnen, wir haben zwei Gold- und eine Silbermedaille bei den Kanu- und Kajakfahrern errungen, Bronze im Triathlon. Ich denke, die Bilanz in einzelnen Sportarten entwickelt sich langsam. Diese Aussage gilt aber nicht für alle Sportarten, da würde ich differenzieren. Da muss jetzt nachgearbeitet, analysiert werden. Als Sportausschuss werden wir uns in diese Diskussion einbringen.
Erwartung im Schwimmen nicht erfüllt Netzeitung: Welche Sportarten meinen Sie?Danckert: Sicherlich gehört Schwimmen dazu. Da gab es Athleten, die die Erwartungen nicht erfüllt haben. Da muss man fragen, woran das lag. Es gibt die Leichtathletik, da sind wir an einer Bronzemedaille, die in eine Silbermedaille durch umgewandelt worden ist, hängen geblieben. (Im Anschluss an dieses Interview ist eine Silbermedaille durch die Speerwerferin Steffi Nerius hinzugekommen, Anm. d. Red.). Damit kann man nicht zufrieden sein. Die Leichtathletik, ich glaube mit 77 Teilnehmern, hat vergleichsweise schlecht abgeschnitten. Netzeitung: Stimmt nicht gerade das nachdenklich? Bei der WM im vergangenen Jahr in Paris befanden sich die deutschen Leichtathleten bereits in einem Leistungstief, holten nur drei Bronzemedaillen. Müssen die Förderkriterien überdacht werden? Danckert: Wir müssen ganz bestimmt über die Förderkriterien nachdenken. Wir müssen uns fragen, ob die Stützpunkte nicht noch stärker konzentriert werden. Da sind auch wir gefragt, dass die Mittel nicht zusammen gestrichen werden, da sind wir auch dem Innenminister sehr dankbar. Doch die Verwendung dieser Mittel muss überprüft werden.
Brauchen Siegertypen Netzeitung: Sollte man beim Nominierungskriterium Endkampfchance bleiben?Danckert: Wenn ich die Athleten im Kanusport im Auge habe, mit welch' unbändigen Einsatz und Willen sie gekämpft haben, dann habe ich das in anderen Sportarten vermisst. Ich will Athleten nicht unterstellen, dass sie nicht kämpfen wollten, aber sie haben nicht gekämpft. Auch ein solches Kriterium der Siegertypen, das klingt vielleicht undifferenziert, muss mit ins Kalkül gezogen werden. Das bedeutet, dass die Kriterien neu gewichtet werden. In einzelnen Bereichen reicht das Gezeigte nicht aus. Deshalb müssen wir viel schärfere Maßstäbe angelegt werden: Vom Sport selber, aber auch vom Parlament, dem Sportausschuss, dem Haushaltsausschuss. Schließlich sind wir Treuhänder öffentlicher Gelder. Da gibt es ja einige Aussagen wie die von Herrn Feldhoff (Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Sportbundes, Anm. d. Red.), der das ja schon angesprochen hat und dafür bin ich ihm dankbar. Er hat sich mit seinen Aussagen zwar keine Freunde gemacht, doch sein offenes Wort war angebracht. Viele reden um den heißen Brei herum. Man soll die Sachen nicht schönreden, sondern nüchtern analysieren. Fehler müssen eingestanden werden. Das erwartet die Öffentlichkeit. Wir sind ja nicht blind.
Trainingsverhalten hinterfragen Netzeitung: Sie sprechen den Disput von Herrn Feldhoff und Christa Thiel an, der Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes. Herr Feldhoff hatte ja gesagt, dass die Verantwortlichen über Konsequenzen nachdenken müssten.Danckert: Auch Frau Thiel kann, wenn sie einmal in sich geht, mit dem Ergebnis ihrer Mannschaft nicht zufrieden sein. Man kann das schönreden, man kann sagen, dass sind mehr Medaillen als in Sydney. Doch das ist nicht der Maßstab, mit dem diese Mannschaft angetreten ist. Und da fragt man sich, ob die Trainer die Leistung ihrer Athleten auf den Punkt gebracht haben. Ich gebe zu, dass ich Laie bin, doch für einen interessierten Laien stellen sich die Fragen, die sich auch von Fachleuten gestellt werden. Wenn ich Anja Fichtel im Auge habe, die als ehemalige Weltklassesportlerin das Trainings- und Wettkampfverhalten ihrer Kolleginnen und Kollegen aus dem Fechtbereich in Frage stellt, dann ist das genau die richtige Frage. Das ist die Frage, die auch wir uns stellen.
Instrumentarien funktionieren nicht Netzeitung: Doping ist in Athen allgegenwärtig. Was sagen Sie zum Fall der griechischen Sprinter Kenteris und Thanou, hat hier das IOC konsequent genug gehandelt? Statt die Athleten wegen des verpassten Dopingtests auszuschließen, hat man sich über Tage an der Nase herumführen lassen, um den Fall dann dem Leichtathletik-Weltverband zur Entscheidung weiterzuleitenDanckert: Erst einmal muss man sagen, dass wir im Anti-Dopingkampf weiter gekommen sind. Das freut mich. Doch es ist weiter ein Ungleichgewicht unter den Nationen festzustellen. Die Instrumentarien funktionieren nicht. Wir haben eine Situation, wo wir den Sportlern hinterherlaufen müssen. Wir kommen an Barrieren, deshalb habe ich vorgeschlagen, die Beweislast umzudrehen. Der Athlet muss sich den Kontrolleuren zur Verfügung stellen. Er muss sagen, wo er sich in jeder Minute vor einem Großereignis befindet, muss sich bereit halten für Kontrollen. Zudem müssen auch die Formalien besser eingehalten werden. Wenn ich höre, dass noch von einigen Tagen Berichte über verpasste Kontrollen von Kenteris und Thanou aus Chicago und Tel Aviv nicht bei der Wada eingetroffen sind, Verwarnungen nicht ausgesprochen wurden, dann zeigt das, dass das System noch nicht richtig funktioniert. Netzeitung: Was sagen sie zum Leichtathletik-Weltverband, der gerade mitteilte, dass man den Fall Kenteris/Thanou bis spätestens Dezember zum Abschluss bringen will und das beide Sportler bis dahin startberechtigt sind. Sie sind selber Jurist, was gibt es da noch zu prüfen? Danckert: Das ist ungenügend, hier muss rasch gehandelt werden. Dazu gehören die Berichte der Kontrolleure, dazu gehört entschlossenes Handeln der Funktionäre aus dem Leichtathletik-Bereich. Aber auch die Nationen die clean sind, weitestgehend clean sind, die müssen sich zusammen schließen und sagen, dass sie an Spielen oder Wettbewerben nicht mehr teilnehmen, wo ein konsequentes Vorgehen gegen Doper nicht gewährleistet ist. Es reicht ja nicht aus, dass wir ständig beklagen, dass wir die Müsli-Esser sind. Man muss entsprechend reagieren. Es war bemerkenswert, dass die schwedische Leichtathletik-Mannschaft mit Boykott für den Fall gedroht hat, dass Kenteris und Thanou an den Start gehen. Das beide wieder startberechtigt sind, ist unverständlich. Diese Sportler, die sich mehrfach Kontrolle entzogen haben, das seit Jahren praktizieren, die müssen mit einer Sperre belegt werden, damit sie ihre Lehren daraus ziehen.
Deutlicheres Wort des NOK gewünscht Netzeitung: Hätte Sie sich eine solche Drohung auch seitens des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland gewünscht, dass sich hierzu doch sehr zurückgehalten hat?Danckert: Man hätte vielleicht angesichts der Chancen, die die deutschen Leichtathleten haben, gesagt, dass das keine richtige Drohung ist. Doch ein deutlicheres Wort hätte ich mir schon gewünscht. Netzeitung: Und, sind Sie enttäuscht von Klaus Steinbach? Der hatte ja zum Fall Kenteris und Thanou nur gesagt, dass er sich erst nach offizieller Information äußern könne. Danckert: Na ja, so eine Antwort ist einerseits nicht zufriedenstellend, aber auch richtig. Man muss ja erst einmal Fakten sammeln, bevor man sich äußert. Aber er hat sich bisher nicht geäußert.
Brauchen Anti-Doping-Gesetz Netzeitung: Otto Schily hält ein Anti-Doping-Gesetz nach wie vor für nicht erforderlich, er erachtet das verschärfte Arzneimittelgesetz als ausreichend. Liegt er damit nicht falsch?Danckert: Wir brauchen ein Anti-Doping-Gesetz. Es gibt mehr und mehr Länder, die ein solches Gesetz haben und anwenden. Doch wir benötigen die Zustimmung des Sports. Wenn der nicht mitmacht, wird es schwer, ein Gesetz zu machen, das auch den Vorstellungen des Sports entspricht. Deshalb hatten wir die Position vertreten, dass wir dass gemeinsam machen. Ich bin der Auffassung, dass DSB-Präsident Manfred von Richthofen da einen wichtigen Schritt auf uns zugegangen ist. Und ich denke, dass unser Sportminister Otto Schily nach der Analyse der Spiele hier in Athen sehen wird, dass wir ein solches Gesetz brauchen. Netzeitung: Sind sie enttäuscht über seine Haltung in dieser Frage? Danckert: Ich hätte mir eine Kooperation in dieser Frage mit ihm gewünscht.
Fusion unvermeidbar Netzeitung: Manfred von Richthofen hat unlängst einen erneuten Vorstoß zu einer Fusion von DSB und NOK unternommen. Führt überhaupt ein Weg an einem Zusammenschluss vorbei.Danckert: Ich glaube, dass die Spitzen von DSB und NOK wissen, dass es einen solchen Zusammenschluss geben muss. Ich empfehle, dass wir das unter fachlichen Gesichtspunkten diskutieren und personelle Fragen zurückstellen, damit das nicht vermischt wird. Wir brauchen neue Strukturen, da müssen beide mitmachen, danach kann man sich über Personen unterhalten. Das Interview mit Peter Danckert führte Frank Mertens
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