netzeitung.deRatlos über Scheitern in Athen

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Scheitern in Athen: Franziska van Almsick. (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Scheitern in Athen: Franziska van Almsick.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach der bislang enttäuschenden Bilanz der Schwimmer sucht die deutsche Delegation vergeblich nach Erklärungen. Am Mittwoch sorgt das Aus weiterer Top-Athleten wie Marcel Hacker oder Astrid Kumbernuss für ratlose Gesichter.

Von Frank Mertens, Athen
Es herrscht Ratlosigkeit. Bei der Suche nach Erklärungen für das enttäuschende Abschneiden der deutschen Schwimmer bei den Olympischen Spielen erntet man nur Kopfschütteln. «Ich weiß auch nicht, woran es gelegen hat. Ich habe das Wasser irgendwie nicht in den Griff bekommen.» Das sagte Antje Buschschulte nach Platz sechs über 100 Meter Rücken. Buschschulte ist Weltmeisterin über diese Strecke. Oder: «Es ist schwer zu sagen, woran es liegt. Wir waren im Trainingslager auf Mallorca, wir waren im Höhentrainingslager. Ich war knapp über meiner Bestzeit, mit der Zeit bin ich zufrieden, doch zu mehr hat es nicht gereicht.» Das sagte Sandra Poewe, Sechste über 100 Meter Brust.
Keine Begründung
Oder: «Ich habe keine Begründung dafür. Ich habe mich gut gefühlt, es lag nicht an den Wellen, es ist bedrückend, wenn man seinen ersten Start so in den Sand setzt.» Das sagte Hannah Stockbauer nach ihrem Scheitern im Vorlauf über die 400 Meter Freistil. Stockbauer ist Weltmeisterin über diese Strecke. Und noch ein Beispiel, das aktuellste vom Dienstagabend zum Schluss: «Ich war positiv eingestellte. Vor zwei Wochen bin ich diese Zeit im Training geschwommen.» Das sagte Franziska van Almsick nach Platz fünf über die 200 Meter Freistil. Über diese Strecke hält Franziska van Almsick den Weltrekord.

Ratlosigkeit allenthalben, auch bei den Leistungsplanern im Deutschen Sportbund (DSB). «Eine Analyse ist schwierig. Von außen ist für mich erkennbar, dass andere Nationen größere Leistungssprünge zu verzeichnen haben als es bei der deutschen Mannschaft der Fall ist», stellt Jörg Ziegler fest, Direktor des Bereiches Leistungssport im DSB. Eine Zwischenbilanz will Ziegler aber noch nicht ziehen. Dazu sei es einfach noch zu früh.

Ernüchternde Bilanz
Und das, obwohl sich die Bilanz nach drei Wettkämpfen ernüchternd liest: Es gab 23 Mal Plätze zwischen vier bis zehn, 23 Platzierungen schlechter als Platz elf. Die Medaillenbilanz sah wie folgt aus. Eine Goldmedaille, zwei Silbermedaillen, eine Bronze. Daran hatte sich auch am Dienstag nichts geändert, dem vierten Wettkampftag.

In der Anzahl der Medaillen liegt Deutschland auf Platz zehn, es führt die USA mit 19 Medaillen vor China (18) und Australien (14). China ist übrigens die Nation, mit der Deutschland am Ende der Spiele um Platz drei kämpfen will. So hatte es der Vizepräsident Leistungssport, Ulrich Feldhoff, zum Auftakt der Spiele gesagt. An diesem Ziel halte man weiter fest, sagte Ziegler. Auch er verwies wie Feldhoff darauf, dass es im deutschen Team bekanntlich in der zweiten Woche besser läuft. Man wird sehen.

Steinbach: Kein Fehlstart
NOK-Präsident Klaus Steinbach weigelt ebenfalls alle Kritik ab. «Es ist zu früh für eine Zwischenbilanz oder eine Viertelbilanz. In Sydney htten wir nach vier Wettkampftagen 24 Finalplätze, in Athen haben wir 23. Wir lassen uns jetzt nicht irritieren», sagte der deutsche Chef de Mission. Auch er glaubt eine Wende zum Positiven: «Bis zum Ende der ersten Woche fährt das deutsche Team in etwa ein Drittel der Medaillen ein, bis zum Ende der zweiten Woche zwei Drittel. Das NOK bleibt bei seiner Prognose, dass wir am Ende der Spiele unter die Top Five in der Welt kommen wollen.»

Doch trotz allen Optimismus', ein wenig mulmig scheint auch Steinbach zu werden. «Wenn wir uns die Ergebnisse von Sydney anschauen, dann muss man sagen, dass die Schwimmer und Schützen die Ergebnisse, die wir von ihnen erwartet haben, nicht erfüllt haben», so der NOK-Präsident. «Als ehemaliger Schwimmer würde ich nicht sagen, dass wir einen Fehlstart hingelegt haben, denn dann wäre wir disqualifiziert worden. Doch auf den ersten Metern liegen wir in der Tat zurück.» Alle Zweifel werden dann direkt wieder verworfen: «Unsere Athleten sind stabil, dass haben sie seit Jahren bewiesen.»

Hoffen auf diesen Mittwoch
Nahrung für die hoffnungsfrohen Einschätzung soll bereits dieser Mittwoch bringen. Das Einzelzeitfahren der Männer (Jan Ullrich, Michael Rich) und Frauen (Judith Arndt), die 4 x 200 Meter Freistilstaffel der Frauen und Kanuslalom-Finals stehen auf dem Programm, in den Medaillen erwarten werden.

Dennoch, die Situation ist nicht nur bei den Schwimmern ernüchternd. Thomas Haas, Rainer Schüttler und Florian Mayer haben sich früh aus dem Tennis-Einzel verabschiedet. Und die Schützen enttäuschten. Sie blieben bislang ebenso ohne Medaille wie die Fechter. Am Mittwoch verabschiedet sich auch der Ruderer Marcel Hacker – nicht die einzige Enttäuschung bei den erfolgsverwöhnten deutschen Ruderern - und die Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss. Besser sieht es in den Ballsportarten aus. Die Handballer, Wasserballer und Fußballerinnen sind siegreich, ebenso die Judokas mit Goldmedaillengewinnerin Yvonne Bönisch

Schwimmer ohne Medaille
Doch zurück zum DSV und seinen Schwimmern. Nach den ersten vier Tagen haben sie von vier realistischen Medaillen (4 x 100 Meter Freistilstaffel der Frauen, 100 Meter Rücken der Frauen, 400 Meter Freistil Frauen und die 200 Meter Freistil der Frauen) nach wie vor keine Medaille. «Wir sind bislang ohne Frage hinter den Erwartungen zurückgeblieben», musste nach dem Scheitern von Buschschulte DSV-Cheftrainer Ralf Beckmann eingestehen.

Doch woran liegt es nun, dass die DSV-Schwimmer leer ausgingen? Ist man zu spät angereist, ist trainingsmethodisch etwas falsch gelaufen, fehlt die psychologische Betreuung? Antworten auf diese Fragen fallen schwer. «Die Vorbereitung lief ähnlich wie zur Schwimm-WM im vergangenen Jahr. Es wurde ein kontinuierliches Programm durchgezogen und die Trainer und der Verband sind davon ausgegangen, das dadurch eine Leistungssteigerung erreicht wird», so Ziegler. Wurde es aber nicht.

Zwar hätten laut Ziegler viele Nachwuchsathleten bei ihrem ersten Start bei Olympia mit Bestleistungen aufgewartet oder seien an sie herangekommen, doch davon kann bei den Topathleten nicht gesprochen werden: «Warum das auf die Spitzenathletinnen- und Athleten, wo die Erwartungen wirklich hoch waren, sehr hoch waren, nicht zutrifft, ist momentan wirklich nicht zu sagen.»

Natürlich würde er täglich mit Beckmann über die Ursachen sprechen, «doch Gründe haben wir noch nicht gefunden». Trainingsmethodische Fehler wollte Ziegler nicht als Grund anführen, weil in diesem Bereich alles so wie immer gelaufen sei. Natürlich könne man darüber spekulieren, ob es am Umfeld der Olympischen Spielen liege, das ohne Frage anders sei als sonst, sagte Ziegler. Aber das seien nur Spekulationen.

Zu späte Anreise
Und was ist mit einer möglicherweise zu späten Anreise der Schwimmer? «Ich glaube nicht, dass es an einer verspäteten Anreise lag. Es wurde nichts anderes gemacht als wie vor der WM.» Doch für die über ihre Spezialstrecke gescheiterte Franziska van Almsick könnte das einer von vielen Gründen. «Wir sind erst zwei Tage vor dem Beginn angereist, ich fühle mich doch sehr kaputt», sagte die Berliner nach ihrem Rennen.

Könnten es gegebenenfalls die Bedingungen im Schwimmstadion sein? «Das es daran liegen könnte, habe ich nicht gehört, ich kann es aber nicht beurteilen, aber andere Athleten sagen, sie hat es nicht gestört.» Kann es an fehlender psychologischer Betreuung liegen: «Yvonne Bönisch zeigte, dass man sich auf Druck einstellen kann, zudem haben die Verbände entsprechende Angebote angenommen. Den Aspekt der Leistungserbringung zum Wettkampf haben wir nicht unterschätzt, aber es ist ein Bereich, den wir weiter ausbauen können und müssen.»

Dass das Ergebnis von Sydney, als die deutschen Schwimmer drei Medaillen errangen, in Athen unterboten werden könnte, glaubt Ziegler nicht. Man wird sehen. Man wird ebenso sehen, ob Platz drei in der Medaillenwertung nicht mehr als ein Traum bleibt.