24.08.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Kobs und Dietzsch scheitern an den Nerven
Reine Nervensache: Die Psyche hat Hammerwerfer Karsten Kobs und Diskuswerferin Franka Dietzsch bei der Leichtathletik-WM einen Streich gespielt.
Die Ernüchterung hat sich beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) recht zeitig eingestellt. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris haben schon am ersten Tag zwei als Medaillenkandidaten gehandelte Athleten gepatzt. Erst verpasste Hammerwerfer Karsten Kobs als 17. der Qualifikation mit 75,55 Metern das Finale. Dann ereilte Diskuswerferin Franka Dietzsch das gleiche Schicksal. Rang 13 und eine Weite von 59,77 Metern war einfach zu wenig.
Das Leistungsniveau war nicht eigentlich zu hoch für die deutschen Asse. Aber die Psyche machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. «Das waren zwei Enttäuschungen, denn auf Grund der Vorleistungen musste man mehr erwarten», so DLV-Präsident Clemens Prokop.
Kobs spricht von TraumaDirekt nach der Entscheidung war Kobs nur ein «kein Kommentar» zu entlocken. Am Tag danach gab sich der Schwerathlet sarkastisch. «Ich kann mir das nicht erklären, ich habe drei verschiedene Würfe angesetzt und alle waren gleichweit», meinte er und fügte noch hinzu: «Beim Europacup in Florenz dieses Jahr habe ich mich bei meinen Würfen ähnlich gefühlt, nur habe ich da vier Meter weiter geworfen.» Dabei hatte sich der 31-Jährige intensiv auf Paris vorbereitet. Selbst das Training begann ähnlich der Qualifikation morgens um neun Uhr. Und es wurden um diese frühe Zeit wettkampfähnliche Situationen simuliert.
Das nützte jedoch wenig, wie in den Jahren zuvor war Kobs beim Top-Ereignis chancenlos. Als Grund gibt er an, sein WM-Erfolg 1999 in Sevilla sei zu einem regelrechten Trauma geworden. Statt in den Jahren danach selbstbewusst aufzutreten, versagte der Leverkusener mit schöner Regelmäßigkeit bei allen großen Meisterschaften. «Zu meinem Leidwesen muss ich eingestehen, es war nicht das erste Mal». Von Saison zu Saison werden seine Versagensängste größer. Der Ex-Champion gerät schon aus dem Konzept, wenn der Stadionsprecher ihn als Weltmeister von 1999 ankündigt.
Chance nicht genutztDabei hätte sich der Hammerwerfer nach dem Einwerfen sicher fühlen müssen. «Beim Aufwärmen hat Karsten über 78 Meter geworfen, er musste es im Stadion einfach noch einmal machen», meinte sein enttäuschter Coach Michael Deyhle. Denn 78 Meter war die Qualifikationsweite für das Finale. Ansonsten wäre es heute sehr einfach gewesen, den Endkampf zu erreichen, so Deyhle. «76,55 sind schließlich keine Weite.» Das hätte den zwölften Rang und die Qualifikation bedeutet. In diesem Jahr hatte er diesen Bereich regelmäßig übertroffen, seine Saisonbestleistung lag bei 80,83 Metern.
Aufhören will Kobs noch nicht, auf Kosten der Steuerzahler will der fast 32-Jährige seine Karriere fortsetzen. Bisher stand in seiner Biographie BWL-Student, doch nach dem Auslaufen seines Vertrages bei Bayer Leverkusen wird der Oldie noch einmal Sportsoldat.
Auch Dietzsch will weitermachenEine ähnliche Perspektivlosigkeit herrscht auch bei Franka Dietsch vor. «Es wäre bekloppt, jetzt aufzuhören. Ich kann es ja und muss das nur wieder unter Beweis stellen. Gerne hätte ich noch zwei gesunde Knie und wäre zehn Jahre jünger», beschreibt die Diskuswerferin ihre Angst vor dem Karriereende. Statt dem durch geschundenen Körper nach jahrzehntelangem Leistungssport zur Ruhe kommen zu lassen, will sie mangels einer Zukunftsperspektive für die Zeit nach dem Leistungssport weitermachen.
Sportlich lief es in der Saison noch nicht so gut, nach schwachem Beginn lag sie vor der WM mit 66 Metern auf dem Platz drei der Weltjahres-Bestenliste. Trotzdem fühlte sie sich in die Rolle der Mitfavoritin reingepresst. «Andere Leute haben mir eingeredet, dass ich eine Medaille gewinnen könne», meinte sie. Damit spielte sie auf ihren Trainer Dieter Kollark an, der in einem Interview wieder eine Top-Form prognostiziert hat. «Das war nur ein positiver Ausrutscher.»