Schwalbe zum Abschied
12. Jul 2006 13:03, ergänzt 13:58
 |  Jürgen Klinsmann | | Foto: dpa |
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Jürgen Klinsmann hätte jetzt endlich mit dem Aufbau einer schlagkräftigen DFB-Auswahl beginnen können. Stattdessen lässt er sich theatralisch fallen. In England wurde er wegen seiner «Schwalben» einst «Diver» genannt.
Von Perikles MonioudisJürgen Klinsmann steckt auf, schmeißt hin. Er kapituliert vor den Erwartungen einer ganzen Nation. Das ist sein gutes Recht. Sein Rücktritt taugt allerdings dazu, Klinsmanns vergessen geglaubten Ruf, ein Cleverle zu sein, wiederzubeleben. Egal, was er gerade eben bei der eigens einberufenen DFB-Pressekonferenz rührselig als private Gründe für seinen Rücktritt angab.
Denn die Stelle des Bundestrainers ist kein Aushilfsjob, und das wusste auch Klinsmann, als er sich im Juli 2004 medienwirksam bewarb. Die «Süddeutsche Zeitung» hatte dem früheren Weltklassetorjäger so viel Öffentlichkeit verschafft, dass er als Kandidat durchgehen konnte. Die wohldosierte Mischung aus Besserwissertum und Außenseitergehabe, der Klinsmann sich schon damals befleißigte, entsprach so gar nicht dem Temperament der «Bild»-Zeitung, die zu seinem ewigen Gegenspieler Lothar Matthäus hielt und hält.
Beweislast umgedreht
Dennoch hatte Klinsmann es fertig gebracht, die «Bild»-Zeitung in die Knie zu zwingen. Diese Genugtuung gedenkt er fortan mit sozusagen privatem Genuss auszuleben. Der Friedenspakt zwischen dem zuletzt erfolgreichen Bundestrainer Klinsmann und der Boulevard-Zeitung, der vor der Partie gegen Italien geschlossen worden war, hätte nicht erneuert werden können, das liegt in der Natur des Boulevards. Was ist Klinsmann konkret vorzuwerfen? Dass er sich aus dem Staub macht, jetzt, da er sich erstmals hätte beweisen müssen mit dem Aufbau einer DFB-Mannschaft, die diese Bezeichnung verdient. Er fängt etwas an und tritt unverrichteter Dinge ab. Zurück lässt er einen Kader aus vorwiegend jungen Spielern, zusammengestellt für die Heimspiele während der WM. Zu verlieren hatte er wenig bis nichts, damals, als er Bundestrainer wurde, das Nationalteam lag nach dem Fiasko bei der Euro 04 in Portugal buchstäblich am Boden. Niemand schürte die Erwartung, der Weltmeisterpokal sei für das Team in Kürze zu greifen.
Kein großer Abgang Rudi Völler und andere sind der Auffassung, dass es im Weltfußball keine Kleinen mehr gebe: Jeder an der WM teilnehmende Verband habe inzwischen spielerisches Format. Man muss hinzufügen, dass es auch keine Großen mehr gibt. Oder hält jemand Italien wirklich für eine große Mannschaft?Dass es keine Großen mehr gibt, trifft bedingt auch auf die Spieler zu, unbedingt aber auf die Trainer. Jürgen Klinsmann und sein cleveres Kompetenzteam bilden hier keine Ausnahme. Zeit, dass jemand die Vision von einer spielstarken DFB-Mannschaft formuliert und dauerhaft umzusetzen versucht. Joachim Löw soll's also richten. Warum nicht, dem weit gereisten Trainer lässt sich bisher nicht nachsagen, er fiele wie der «Diver» (etwa: «Schwalbenkönig», d. Red.) leicht. Dass er aber bloß nicht so clever wird wie sein Vorgänger und künftiger Einflüsterer Klinsmann, und dann den Kader mir nichts, dir nichts, verlässt. Der Schriftsteller Perikles Monioudis wurde 1966 in der Schweiz geboren. Seine literarischen Werke wurden unter anderem mit dem Preis des Schweizerischen Schriftstellerverbandes und dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis ausgezeichnet. Seine Sportaufsätze sind unter anderem in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in «El País» erschienen.
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