Klinsmann ist der Richtige
13. Mrz 2006 10:37
 |  Jürgen Klinsmann | | Foto: dpa |
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Klinsmann haben die Vorwürfe der Pflichtverletzung zwar gezeichnet. Sein Konzept der Umgestaltung aber ist nach wie vor richtig.
Von Perikles MonioudisEndlich hat er sich geäußert, Bundestrainer Jürgen Klinsmann, am Sonntag Nachmittag in der ZDF-Sportreportage. Die Vorwürfe der Nonchalance und Pflichtverletzung, die in diesen Tagen mit Vehemenz gegen ihn erhoben werden, haben ihn gezeichnet, seine Heiterkeit wirkte aufgesetzt, seine Zuversicht geschmälert, sein Lächeln falsch.
Ein Remis
Klinsmann versuchte, das Gespräch zu seinen Gunsten zu nutzen, indem er Stärke zu demonstrieren gedachte. Seine Antworten waren klar und sachlich, dennoch nicht frei von Revanche, etwa dann, wenn er indirekt auf die Anschwärzungen Beckenbauers, des Übervaters des deutschen Fußballs, einging, er habe seine repräsentativen Pflichten trotz mehrmaliger Mahnung nicht erfüllt. Klinsmann erklärte die Umstände seines Fernbleibens, führte den ersten Todestag seines Vaters an. Dennoch ließ er sich nicht in die Defensive zwingen, blieb insgesamt seinem mutmaßlichen Vorsatz der Sachlichkeit treu, unterließ jede Spitze gegen seinen Arbeitgeber, den Deutschen Fußball-Bund. Mehr konnte er nicht tun. In einem solchen Fernsehgespräch, das weiß Klinsmann, kann er bestenfalls Remis spielen. Das hat er getan. Was aber hat es mit den Vorwürfen, Klinsmanns Bemühungen mit der deutschen Elf seien absehbar erfolglos, nun wirklich zu tun? Steht dem Deutschen Fußball-Bund und seiner ersten Mannschaft bei der WM 2006 ein Debakel bevor? Mitnichten. Klinsmann ist in der Tat noch der richtige Bundestrainer, für den ihn der DFB damals gehalten hatte und auch heute noch hält. Weshalb dann die Panikattacken in der deutschen Öffentlichkeit? Vordergründig der 1:4-Niederlage in Italien, der zahnlosen Abwehr wegen. Nun, der einstige Weltklasse-Angreifer Klinsmann dürfte ein gutes Auge für Verteidiger haben, musste er sich doch ein Spielerleben lang mit ihnen auseinandersetzen.
Apropos Herberger Außerdem weiß er von Sepp Herbergers Taktik von 1954, als die deutsche Elf in der Vorrunde gegen die Ungarn unterging, um sie dann im Endspiel beim «Wunder von Bern» zu schlagen. Spaß beiseite: Woher rühren die Vorwürfe wirklich? Klinsmann hat den deutschen Fußball neu definiert. Hatte der DFB und seine Trainer die Nationalspieler bisher stets nach deren sozialer Verträglichkeit im Turnieralltag sowie nach deren Langzeit-Form aufgeboten (beides trifft auf Wörns zu), geht es Klinsmann auch um die zu erwartende Form eines Spielers zum Zeitpunkt des Ernstkampfs. Die Torhüter Kahn und Lehmann können ein Lied davon singen, ebenso der Angreifer Kevin Kuranyi, der kurzzeitig indisponiert schien. Italien war kein Ernstkampf, und Klinsmann hat die Größe, selbst Spiele gegen große Gegner als reine Tests zu betrachten. Er stellt seine Mannschaft so auf, wie in Brasilien, Italien und England seit je aufgestellt wird: rein nach zu erwartender Form im nahenden Ernstkampf. Ist das nun an sich schon ein Grund, weshalb Klinsmann der richtige Bundestrainer ist? Erinnern wir uns an die vergangene WM: die Franzosen waren übermüdet angereist, ebenso die Italiener. Auf junge, erst zum richtigen Zeitpunkt fitte Spieler zu setzen, scheint nach einer langen Saison der richtige Ansatz. Mit diesem Wechsel im Denken rührt Klinsmann am Selbstverständnis des DFB. Die Strafe folgte auf dem Fuß, ändert aber nichts daran, dass die deutsche Mannschaft nach zu erwartender Form aufgestellt die größten Chancen auf eine Finalteilnahme besitzt. Der Schriftsteller Perikles Monioudis wurde 1966 in der Schweiz geboren. Seine literarischen Werke wurden unter anderem mit dem Preis des Schweizerischen Schriftstellerverbandes und dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis ausgezeichnet. Seine Sportaufsätze sind unter anderem in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in «El País» erschienen.
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