«Der Titel war eigentlich nicht möglich»
05. Feb 2007 09:21
 |  Heiner Brand bei den Feierlichkeiten | | Foto: dpa |
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Bundestrainer Heiner Brand resümiert im Interview das WM-Turnier und erklärt auch, warum er die Pappkrone nicht hat tragen wollen. Dass sein Team den Titel geholt habe, könne eigentlich gar nicht sein, wundert sich Brand.
Heiner Brand war als Spieler 1978 Weltmeister. Nun hat er als Trainer den Titel geholt. Bevor er mit seiner Mannschaft in der Nacht auf Montag ins Kölner Rathaus fuhr und später ins WM-Quartier nach Wiehl im Oberbergischen Land, nahm sich der Bundestrainer nach der Pressekonferenz noch Zeit für ein Gespräch.
Bewunderung für das Team
Er gab sich bescheiden und verwies darauf, dass in erste Linie immer die Spieler einen Titel holten. «Ich habe die Mannschaft immer bewundert, wie sie gnadenlos an diesem Projekt festgehalten hat, egal welche Rückschläge kamen», gab Brand preis. Denn er gehörte zu denjenigen, die den Gewinn der Weltmeisterschaft im Vorhinein für unrealistisch hielten.Frage: Herr Brand, haben Sie am Gewinn des WM-Titels gezweifelt, als Polen in der 45. Minute bis auf ein Tor herangekommen war? Heiner Brand: Ich bin als Trainer so, dass ich bis eine Minute vor Schluss zweifle. Deswegen habe ich auch «Mimi Kraus» zwei Minuten vor Schluss angepfiffen. Weil der schon jubeln wollte nach seiner Auswechslung. Vielleicht brauchen wir dich noch, habe ich zu ihm gesagt. Frage: Wie konnte es sein, dass Ihre Mannschaft in Überzahl und bei einer hohen Führung noch einmal so unter Druck gerät? Brand: Bisschen komisch war das schon, dass wir uns gerade in der 6:4-Überzahl in Schwierigkeiten gebracht haben. Vielleicht war das ein erster Anflug von zu großer Sicherheit. Nach dem Motto: Das Spiel ist gewonnen. Die Gefahr, dass es noch kippt, besteht im Handball immer. Das kann wirklich schnell gehen. Aber die Mannschaft hat sich selbst wieder gefunden. Das war ohnehin ihre Stärke bei diesem Turnier. Sicher, wir haben auch ein paar Anweisungen von außen gegeben.
Starke Abwehr, einfache Abläufe Frage: Noch einmal gefragt: Was war entscheidend, dass sich das Spiel nach dem 21:22-Anschlusstreffer der Polen nicht gedreht hat?Brand: Wir haben auf einmal wieder ruhig gespielt im Angriff, und «Jogi» Bitter hat ein paar ganz wichtige Bälle gehalten. Die Sicherheit war wieder da. Vorher hat es einen leichten Bruch im Spiel gegeben. Wir haben auf einmal aufgehört, vernünftig Handball zu spielen. Dann kam die Verletzung von Henning Fritz, woraus eine gewisse Unsicherheit im Team resultierte. Dann haben die Spieler aber wieder auf das zurückgegriffen, was sie in der ersten Halbzeit auch stark gemacht hat. Eine starke Abwehr und vorne ein paar einfache Abläufe, auch mit Pascal Hens. Frage: In welchem Spiel haben Sie gemerkt, dass dieses Turnier erfolgreicher enden könnte als zunächst geglaubt? Brand: Der Befreiungsschlag hat sicherlich gegen Slowenien stattgefunden. Da haben wir sehr guten Handball gespielt. Der Druck, der nun einmal bei der WM im eigenen Land gegeben ist, und über den wir uns alle auch im Klaren waren, konnte in dieser Partie irgendwie abgebaut werden. Nach diesem Spiel entstand eine Hochstimmung im Team. Man hat ja auch als Außenstehender gesehen, wie sich die Spieler plötzlich bewegt, wie sie sich angefeuert haben, wie sie Spaß am Kampf hatten. Bis zu diesem Spiel war es so, wie ich es vor dem Turnier schon gesagt habe. Dass so eine WM im eigenen Land in der ersten Phase durchaus eine Belastung sein kann, weil ein enormer Druck da ist. Irgendwann braucht es dann einen Kick, damit es sich umdreht. Dann wird quasi alles zum Selbstläufer. Ich habe den immensen Druck auch gespürt. Man kann sich den hohen Zielen, die von außen auf einen einwirken, nicht widersetzen. Auch die Mannschaft hat das gespürt, sie hat mir das auch bestätigt. Gegen Slowenien haben sie dann gesehen, sie können es, jetzt macht’s Spaß.
Ein anderer Typ Frage: Darf man Sie jetzt «Kaiser» Heiner nennen?Brand: Das ehrt mich zwar, aber es passt nicht ganz zu mir. Die Anspielung auf Franz Beckenbauer ehrt mich deshalb, weil ich immer ein großer Fan von ihm war. Wenn der Ball aus 20 Metern Höhe runterkam, blieb er auf seinem Fuß liegen. Bei mir klappte das nur aus vier, fünf Metern. Ich finde auch toll, wie er auch jetzt noch viele Dinge bewegt. Aber er ist natürlich ein ganz anderer Typ als ich. Frage: Franz Beckenbauer hat nach dem Gewinn des WM-Titels 1990 als Trainer aufgehört. Und Sie? Brand (schmunzelnd): Ich kann ja nicht. Ich habe ja noch einen Vertrag. Frage: Aber diesen Erfolg können Sie doch nicht mehr toppen, oder? Brand: Ich habe nach dem Spiel noch auf dem Feld zu «Blacky» Schwarzer gesagt, als ich so ins weite Rund geguckt habe, eigentlich müsste ich jetzt aufhören. Aber ich bin noch nicht so alt, dass ich nicht mehr arbeiten könnte. Ich werde mir neue Ziele setzen. Olympia 2008 ist natürlich ein solches außergewöhnliches Ziel. Wenn sie mit den Spielern über Olympia reden, etwas Größeres gibt es nicht als Sportler. Und für einen Trainer ist das auch ein einmaliges Erlebnis. Also haben wir schon wieder etwas, worauf wir hinarbeiten können. Frage: Der Titel des Olympiasiegers fehlt Ihnen ja auch noch. Brand: (lacht): Für den müssen wir auch noch hart für arbeiten. Es ist nicht davon auszugehen, dass wir bei Olympia die Unterstützung der Zuschauer haben.
Mannschaft am wichtigsten Frage: Welchen Anteil haben Sie am Titelgewinn?Brand: Der Trainer hat sicher irgendwo einen Anteil, aber es ist die Mannschaft, die spielen muss. Sie ist immer der wichtigste Teil. Frage: Sie sind als Spieler Weltmeister geworden und nun als Trainer. Was wiegt mehr? Brand: Beides ist wunderschön. Insgesamt nimmt man als Spieler mehr Einfluss, aber ich will mich nicht beklagen. Spieler zu sein ist nicht mehr mein Job. Geht ja auch nicht mehr. Deswegen ist der Titel jetzt sicher irgendwo genauso schön. Frage: Welche Bedeutung hat der Titel für Sie? Brand: Eine enorme Bedeutung. Eigentlich war es gar nicht möglich, Weltmeister zu werden. Ich jedenfalls habe es nicht für möglich gehalten im Vorfeld. Ich habe die Mannschaft immer bewundert, wie sie gnadenlos an diesem Projekt festgehalten hat, egal welche Rückschläge kamen. Die vielen Verletzungen zum Beispiel. Die Spieler haben immer so getan, als wäre nichts und sind das Ziel trotzdem angegangen. Das war sensationell. Ich habe meine Zweifel gehabt, aber die wollte ja sowieso keiner hören. Einige haben mich ja dann schon als Zweckpessimisten bezeichnet, deshalb habe ich nachher einfach mitgemacht und gesagt, wir greifen ganz oben an.
Franzosen können sich beschweren Frage: Ist der Titel deshalb so wertvoll, weil Ihr Team zweimal Frankreich geschlagen hat?Brand: Das ist in der Tat unglaublich. Das geht eigentlich auch gar nicht. Die Franzosen haben eindeutig die besten Spieler. Sicher, sie hätten im Halbfinale Unentschieden gegen uns spielen können. Das eine Tor hätte man geben können, wenn der Schiedsrichter nicht vorher gepfiffen hätte. Aber er hat gepfiffen, und er kann den Pfiff nicht zurücknehmen. Über diese Situation können sich die Franzosen beschweren. Das habe ich von Anfang an gesagt. Aber ansonsten ist es großer Quatsch, was da erzählt worden ist. Onesta (der Coach der Franzosen, d. Red.) soll sich mal die letzten fünf Minuten des ersten Spiels anschauen. Frage: Ihr Team ist für Peking jetzt bereits qualifiziert. Was haben Sie vor? Brand: Ich werde jetzt mit den Spielern Gespräche führen. Es ist auch durchaus möglich, dass ich weitere Spieler an den Kader heranführen werde. Auch um den Älteren während der Bundesliga-Saison eine Pause zu geben. Die Frage wird sein, wie wir eine Kontinuität rein bekommen. Die haben wir in den letzten Jahren ja nicht so gehabt durch die vielen Verletzungen. Jetzt können wir uns ein klein bisschen erlauben zu experimentieren. Aber wie das genau aussehen wird, kann ich natürlich noch nicht sagen. Frage: Machen Sie sich Sorgen, dass Markus Baur zurücktreten könnte? Brand: Was heißt Sorgen? Es ist ja ein normaler Prozess, dass Ältere ausscheiden. Christian Schwarzer wird in diesem Jahr nicht mehr in der Nationalmannschaft erscheinen. Davon gehe ich mal aus. Bei Markus Baur muss man die Entwicklung abwarten. Ansonsten sind vom Alter her gesehen ja noch viele weiter in der Lage Nationalmannschaft zu spielen.
Schwerer Pokal Frage: Musste man, als sie vor Freude rumgehüpft sind, Angst um Ihren Rücken haben?Brand: Ich habe keine Probleme am Rücken. Wer mich gehen sieht, der weiß, dass ich was an der Hüfte habe. Ich habe alles gut überstanden. Nur der Pokal war ein bisschen schwer, denn konnte ich nicht alleine halten. Ich werde nächste Woche ein entsprechendes Training machen. Frage: Warum haben Sie eigentlich die Pappkrone sehr schnell wieder abgenommen? Brand: Meine Frau hat sie mir kurz aufgesetzt. Das ist ja auch eine Anspielung auf meinen ehemaligen Trainer (Vlado Stenzel, mit dem Brand 1978 Weltmeister wurde, d. Red.), der damals mit Krone rum gelaufen ist. Wenn die Spieler das machen, ist das wunderschön, aber zu mir passt das nicht. Ich habe mich allerdings nicht im Spiegel gesehen, vielleicht hätte ich sie dann aufgelassen. Das Gespräch mit Heiner Brand wurde von Markus Wanderl aufgezeichnet
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